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Breitband | Beitrag vom 31.07.2021

Soziale Medien und PrüderieWie Filter großer Plattformen unsere Sprache beeinflussen

Konstanze Marx im Gespräch mit Vera Linß und Dennis Kogel

Ein Auberginen- und ein Pfirsichemoji (Fotomontage Deutschlandradio)
Wenn es um bestimmte Themen geht, werden Nutzerinnen und Nutzer manchmal gezwungenermaßen einfallsreich. (Fotomontage Deutschlandradio)

"Corn" statt "porn" – also Mais statt Porno: Um die Filter von TikTok und Co. zu überlisten, müssen Userinnen und User kreativ sein. Welche Auswirkungen das auf die Sprache insgesamt hat, erklärt die Linguistin Konstanze Marx.

Apps müssen, um relevant zu sein, in den App-Stores von Apple und Google auftauchen. Diese haben aber sehr strikte Richtlinien dazu, welche Inhalte sie wollen – gerade wenn es um sexuelle Inhalte geht.

Youtube und TikTok setzen, um Videos gut monetarisieren zu können, auf Sprachfilter, die Inhalte mit Schimpfworten entweder für bestimmte Werbepartner sperren oder sogar algorithmisch herunterstufen.

Mit Kreativität gegen die Filter

Wenn es also um Themen wie Suizid oder Sex geht, werden Nutzerinnen und Nutzer gezwungenermaßen sprachlich kreativ. Sie sprechen dann von "unalived themselves" und machen etwa aus dem Wort "porn", also Porno, "corn", also Mais. Oder sie ersetzen das O im Wort mit einer Null.

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Aber welche Auswirkungen hat es, wenn Worte umschrieben werden, um die Filter zu umgehen? Keine grundlegende Veränderung der Sprache sieht die Linguistin Konstanze Marx bei derartigen Anpassungen auf der Wortebene.

Außerdem sind manche der Umschreibungen schwer auszusprechen, wenn etwa mehrmals der Buchstabe X oder Zahlen eingefügt werden. "Das haben wir ja im mündlichen Sprachgebrauch so nicht", erklärt sie.

Bei Tabus und zur Sicherheit eingesetzt

Diese Praxis sei auch keinesfalls neu, sagt die Sprachwissenschaftlerin: "Sie wird dann eingesetzt, wenn es Anlass für Verschleierung gibt. Das ist in Tabubereichen zum Beispiel der Fall, wenn sie an die vielen Umschreibungen für die Menstruation beispielsweise denken oder auch bei sensiblen Daten. Wir haben das häufig in Foren, wo es zum Beispiel um Anorexie geht – oder eben auch dann, wenn Geheimhaltung relevant ist."

Besonders relevant seien solche Anpassungen oder Ersetzungen bei potenziellen Tätern und Täterinnen zum Beispiel im Zusammenhang mit Cybergrooming, wenn sie versuchen, auf Plattformen mit Minderjährigen Kontakt aufzunehmen.

Auch im Bereich von Drogen gebe es diese Umschreibungen: "Relativ bekannt ist allerdings die 420 im Zusammenhang mit Marihuana. Wobei in dem Moment natürlich auch wieder klar ist: Wenn diese Chiffre schon enttarnt ist, dass dann auch neue Varianten gefunden werden."

"Wir transportieren Nebeninformationen"

Aber was passiert, wenn Menschen umformulierte oder Ersatzwörter verwenden? "Mit dieser Verschleierung von Begriffen transportieren wir Nebeninformationen. Also ich bin mir bewusst, dass ich diesen Begriff nicht aussprechen sollte oder eben nicht ausschreiben sollte", erklärt die Sprachwissenschaftlerin. "Ich weiß vielleicht auch, dass ich etwas Verbotenes tue –  oder vielleicht auch in einer anderen Situation etwas zum Schutz von einer Person."

Insofern gebe es schon auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung. Aber, schränkt Konstanze Marx ein: "Mehr, als es das Denken insgesamt ändert, würde ich sagen, dass es eher klarmacht, welche Einstellung und welches Wissen der Sprecher oder Sprecherin haben."

(hum)

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