Sofi Oksanen: "Hundepark"

In den Fängen der osteuropäischen Fruchtbarkeitsindustrie

06:27 Minuten
Cover des Buchs "Hundepark" von Sofi Oksanen.
© Kiepenheuer & Witsch

Sofi Oksanen

Übersetzt von Angela Plöger

HundeparkKiepenheuer & Witsch, Köln 2022

480 Seiten

23 Euro

Von Irene Binal · 17.01.2022
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Olenka ist mit dem Kinderwunsch anderer reich geworden. Doch ihre Karriere in dem ukrainischen Unternehmen, das Eizellenspenderinnen vermittelt, hat einen Preis. Der neue Roman von Sofi Oksanen ist mehr als ein Thriller und glänzt mit einer vielschichtigen Handlung.
Olenka hat alles gehabt – Karriere, Geld, Liebe – und alles verloren. Nun arbeitet sie in Helsinki als Putzfrau und versteckt sich vor den Menschen aus ihrem früheren Leben. Regelmäßig kommt sie in einen kleinen Park mit eingezäuntem Hundeauslauf, um eine Familie zu beobachten, vor allem die beiden Kinder, deren Geschichte mit ihrer eigenen verbunden ist.
Als sich eines Tages eine Frau neben sie setzt, die Olenka nur zu gut kennt, gerät ihre Welt erneut ins Wanken: Daria war einmal ihre Freundin, aber Olenka hat Darias Leben zerstört und befürchtet, dass diese auf Rache sinnt.

Mehr als ein Thriller

Auf den ersten Blick erinnert die Handlung von Sofi Oksanens Roman an einen Thriller, aber tatsächlich ist „Hundepark“ sehr viel mehr. Die finnisch-estnische Autorin lässt ihre Hauptfigur Olenka erzählen: von ihrer Familie, die aus Tallinn in die Ukraine gezogen ist, von ihrer gescheiterten Modelkarriere in Paris, von ihrem Aufstieg bei einem ukrainischen Unternehmen, das reichen Kunden aus dem Westen Eizellenspenderinnen vermittelt.
Daria ist eine dieser Spenderinnen, und als Olenka sie dem einflussreichen Ehepaar Viktor und Lada Krawez empfiehlt, scheint alles nach Plan zu laufen – bis Daria nach der Geburt von Ladas Kind verschwindet. Eine Katastrophe, denn Lada will ein weiteres Kind von derselben Spenderin.

Osteuropa in den Nullerjahren

Plötzlich steht Olenkas Karriere auf der Kippe, und dann wird sie auch noch für einen Mord verantwortlich gemacht und muss fliehen, vor ihren Vorgesetzten, vor den Häschern der Familie Krawez und sogar vor dem Mann, in den sie sich verliebt hat.
Es ist ein raffiniert konstruierter Text, der die osteuropäische Gesellschaft in den Nullerjahren skizziert, eine harte Gesellschaft, in der Lügen und Korruption zum Alltag gehören und Moral so biegsam ist wie eine Weidenrute.
Olenka rechtfertigt ihre Tätigkeit als hilfreiche Dienstleistung für Paare mit Kinderwunsch und verschließt die Augen davor, dass sie aus dem Elend der als Spenderinnen ausgesuchten Mädchen Kapital schlägt, bis sie selbst zu Fall gebracht wird.

Andeutungen und Zeitsprünge

In der oft verwirrenden Handlung mit ihren Zeitsprüngen und rätselhaften Andeutungen spiegelt sich die Verwirrung eines Landes, in dem die einen mit obskuren Geschäften reich werden und die anderen ihren Körper verkaufen, um ihre bittere Armut zu lindern.
All das schildert Oksanen in einer kompromisslos kühlen Prosa, der es dank der geschickten Dramaturgie gelingt, die Fülle von Zeitebenen und Erzählsträngen zu einem großen Ganzen zu verbinden.

Schwieriges Thema souverän behandelt

Nach und nach entfaltet sich eine vielschichtige Handlung, in der es um die dubiosen Machenschaften der Fruchtbarkeitsindustrie in Osteuropa geht, um die Schatten der Vergangenheit und um eine Frau, die verzweifelt versucht, irgendwo anzukommen: „Ich würde niemals ein richtiges Zuhause haben“, sinniert Olenka an einer Stelle. „Ich würde immer auf der Flucht sein müssen.“
Mit „Hundepark“ beweist Sofi Oksanen einmal mehr, dass sie schwierige und ungewöhnliche Themen souverän zu handhaben weiß.
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