Sinthujan Varatharajah: "wo zeit stehen bleibt"

Tourismus neu denken

04:47 Minuten
Buchcover von "wo zeit stehen bleibt"
© Hanser Verlag

Sinthujan Varatharajah

wo zeit stehen bleibt. vom tourismus und seiner gewaltHanser, München 2026

416 Seiten

26,80 Euro

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Sinthujan Varatharajah zeigt, wie eng der moderne Tourismus mit Ausbeutung und kolonialer Gewalt verbunden ist. Sein Buch hinterfragt unser Verständnis vom Reisen grundlegend.
Was bedeutet es, Urlaub an einem Ort zu machen, von dem die eigene Familie fliehen musste? Sinthujan Varatharajah macht diese Irritation zum Ausgangspunkt des Buches „wo zeit stehen bleibt“. Darin beschreibt Varatharajah die erste eigene Reise in den tamilischen Norden Sri Lankas. Varatharajah wird Gast in einer Region, aus der die Familie Anfang der 1980er-Jahre vor dem Bürgerkrieg und antitamilischer Gewalt nach Deutschland fliehen musste.
Aus dieser persönlichen Erfahrung entwickelt Varatharajah eine größere Perspektive auf das Reisen an sich. Es geht darum, welche historischen Machtverhältnisse darüber bestimmen, wer sich frei durch die Welt bewegen kann und wie bestimmte Orte überhaupt zu touristischen Zielen werden. Eine zentrale Rolle spielt im Buch dabei die Geschichte des Kolonialismus.

Varatharajah: Tourismus und Kolonialismus sind eng miteinander verknüpft

Wie eng moderner Tourismus mit kolonialer Herrschaft verbunden ist, zeigt Varatharajah über Epochen und Kontinente hinweg. Besonders deutlich wird es am Beispiel Balis. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird die Insel schrittweise von niederländischen Truppen unterworfen. Den Widerstand gegen die Eroberung schlägt die Kolonialmacht brutal nieder. Auch um die Gewalt dieser Unterwerfung zu überschatten, beginnt die niederländische Kolonialverwaltung, Bali als das „tropische Urlaubsparadies“ zu inszenieren und zu vermarkten, als das es vielen heute noch bekannt ist.
Ein wiederkehrendes Motiv in Varatharajahs Buch ist die ungleiche Verteilung von Mobilität. Während die einen im Urlaub Landesgrenzen selbstverständlich überschreiten, werden Schutzsuchende kontrolliert, aufgehalten oder zurückgewiesen. Wie unterschiedlich selbst derselbe Ort zugänglich sein kann, zeigt Varatharajah an Sri Lanka: Was deutsche Reisende als Urlaubsziel erleben, ist für Varatharajahs Familie ein von Vertreibung und Krieg geprägter Ort, den sie lange nicht einfach bereisen konnte. Hinzu kommt, dass sich bis heute nur eine Minderheit der Weltbevölkerung regelmäßige Fernreisen leisten kann. Die scheinbare Grenzenlosigkeit des Tourismus, so Varatharajah, gilt längst nicht für alle.
„wo zeit stehen bleibt“ ist weder klassisches Sachbuch noch lineare Erzählung. Der „poetisch-politische Essayband“, wie der Verlag das Buch beschreibt, verbindet Varatharajahs Reiseerfahrungen und die Fluchtgeschichte der Familie mit lyrischen Passagen, historischen Quellen und wissenschaftlichen Analysen. Varatharajah tritt dabei zugleich als Vertriebener und als Besucher auf. Gerade aus dieser Spannung gewinnt das Buch an vielen Stellen eine ungeheure emotionale Wucht.

Hervorragend erzählt, akribisch recherchiert

Varatharajahs akribische Recherchen führen immer wieder zu überraschenden Quellen, Episoden und Verbindungen. So verfolgt Varatharajah die Entstehung touristischer Sandstrände bis zum zerstörerischen weltweiten Handel mit Sand, beschreibt die antikommunistischen Ambitionen amerikanischer Hotelketten oder erzählt davon, wie Saddam Hussein eine heute touristisch erschlossene Marschlandschaft im Süden des Irak nahezu trockenlegen ließ. Gerade diese überraschenden Seitenwege machen sichtbar, wie tief die Geschichte des Tourismus in politische und wirtschaftliche Machtverhältnisse hineinreicht.
Varatharajahs Buch ist anspruchsvoll und nicht immer leicht zugänglich. Manche Passagen bleiben abstrakt, die Sprache ist mitunter sperrig und nicht alle Begriffe und Schreibweisen werden erklärt: Weshalb spricht Varatharajah von den „sogenannten USA“? Verweist die Abkürzung „e. Z.“ hinter den Jahreszahlen auf eine explizit „europäische Zeitrechnung“? Wieso sind im Buchtitel alle Worte kleingeschrieben? Ein Vor- oder Nachwort hätte hier den Zugang erleichtert.
Denn diesem Buch wünscht man ein größtmögliches Publikum. „wo zeit stehen bleibt“ führt die Debatte über das Reisen weit über Flugscham, Massentourismus und nachhaltige Transportwege hinaus.

Wie wurde die Welt für die einen zum Reiseziel und für die anderen zur Grenze?

Varatharajah leitet daraus allerdings keine einfache Forderung ab, weniger oder anders zu reisen. Es geht vielmehr um die historischen und politischen Voraussetzungen touristischer Mobilität. Das verändert vor allem den Blick: Nach der Lektüre lassen sich die nächste Hotelbuchung oder Flugreise kaum noch als unpolitische Freizeitentscheidung betrachten.
Das Buch verschiebt die Aufmerksamkeit vom Verhalten einzelner Reisender auf die Verhältnisse, die Reisen überhaupt erst ermöglichen: Wie wurde die Welt für die einen zum Reiseziel und für die anderen zur Grenze?
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