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Lesart | Beitrag vom 24.10.2019

Simone Buchholz über "Hotel Cartagena"Nicht einfach nur einen Fall lösen

Moderation: Andrea Gerk

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Porträt der Autorin Simone Buchholz in einem Hinterhof auf St. Pauli. (Picture Alliance / dpa / Christian Charisius)
In Simone Buchholz' neuem Roman "Hotel Cartagena" wird die Staatsanwältin Chastity Riley zur Geisel in einem Hotel am Hamburger Hafen. (Picture Alliance / dpa / Christian Charisius)

"Hotel Cartagena" ist der neue Fall von Staatsanwältin Riley. Eigentlich will sie Freunde treffen, doch dann kommt eine Geisenahme dazwischen. Die Autorin Simone Buchholz erklärt, was sie selbst mit Staatanwältin Riley verbindet.

Andrea Gerk: Immer wenn ein neuer Kriminalroman von Simone Buchholz angekündigt wird, geht hier bei uns in der Redaktion das Hauen und Stechen los, wer das Buch zuerst mit nach Hause nehmen darf, denn wir sind alle süchtig danach, mit Staatsanwältin Chastity Riley und ihrer Cowboytruppe durchs verregnete Sankt Pauli zu tigern. Ich habe diesmal Glück gehabt, konnte "Hotel Cartagena" schon lesen und eine fürchterliche Nacht mit Riley in einer Hotelbar verbringen, und deshalb freue ich mich jetzt besonders, mit Simone Buchholz darüber sprechen zu können. Sie ist gerade beim Krimifest Tirol zu Gast und uns aus Innsbruck zugeschaltet.

Wenn wir uns hier in der "Lesart" streiten, wer zuerst Ihr neues Buch lesen darf, da habe ich mich diesmal gefragt, auf was ich mich da eigentlich am meisten freue, auf das, was passiert, also einen "neuen Fall", oder sind das eher die Figuren oder der spezielle Sound, das Klima, in das man da eintaucht. Wie ist das bei Ihnen? "Hotel Cartagena" ist ja schon der neunte Fall, wenn ich richtig gezählt habe, mit Chastity Riley. Woran merken Sie denn, dass Sie da wieder so richtig angekommen sind in dieser Westerntruppe?

Simone Buchholz: Das merke ich eigentlich immer schon vorher, dass ich rein muss. Also ich bin ja jetzt echt seit neun Bänden mit denen zugange, und ich glaube, den ersten habe ich 2006 geschrieben, und ich mache jetzt mal eineinhalb Jahre Pause und werde erst Anfang des Jahres anfangen zu schreiben, weil ich jetzt erst mal nur reisen möchte in Ruhe im Herbst und Winter. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich wäre eigentlich gerne zu Hause und würde schon wieder an diesen Figuren rumdoktern. Die treiben mich so richtig vor sich her, und die ziehen mich inzwischen so mit durch die Geschichten. Also das liegt gar nicht mehr so sehr an mir, worauf ich da Bock habe, die bestimmen da relativ viel. Das ist jetzt so ein Schriftstellergelaber natürlich, aber das stimmt.

Wie im richtigen Leben: Man langweilt sich auch mit ihr

Gerk: Aber wie ist denn das, wenn man so eine Figur jetzt schon so lange kennt? Sie haben auch zweimal den Deutschen Krimipreis dafür bekommen. Was haben Sie da für ein Verhältnis zum Beispiel zu Riley? In so langjährigen Beziehungen, da gibt es ja auch mal ordentliche Krisen. Wie steht man die denn mit fiktiven Figuren aus?

Buchholz: Ich glaube, es ist genau andersrum, wie im richtigen Leben. Also zumindest war das bei mir und Riley so. Am Anfang fand ich die sehr merkwürdig und sehr sperrig und wusste gar nicht, wie die eigentlich zu mir gekommen ist und was die von mir will und was ich von der will. So wie man sich dann im richtigen Leben in langjährigen Beziehungen auch mal so langweilt miteinander oder den anderen total nervt oder genervt ist von dem anderen, ist das bei uns eigentlich umgedreht. Je länger ich die kenne, desto näher wird mir die und desto mehr Verständnis habe ich für sie und desto interessanter finde ich sie auch.

Gerk: Ist das auch so ein bisschen wie bei Freunden, wo man sich auch über die Marotten ja eigentlich, wenn man ehrlich ist, ganz besonders freut? So ist das ja im Krimi auch ein bisschen, wenn man jetzt mit McGray mal denkt, der immer sein obligatorisches Bier trinken geht oder Riley, die ja auch ordentliche Marotten hat. Das hat auch so einen schönen Wiedererkennungseffekt.

Buchholz: Ja, also ich habe neulich erst zu einem Freund gesagt, dass ich eigentlich nur Menschen interessant finde, die auf eine Art Freak sind, die anderen langweilen mich recht schnell, vielleicht weil ich selber so eine Art Freak bin. Wenn ich meinen eigenen Freundeskreis so anschaue, die mögen mir jetzt verzeihen, dass ich das sage, oder auch meine Familie, dann würde ich sagen: Das ist Freak Nation, und genauso ist es auch mit all diesen Figuren, die ich erzähle. Natürlich haben die alle voll einen an der Waffel, und natürlich ist es genau das, was mich an denen interessiert, weil es die Beschädigungen sind, die natürlich interessant sind an Menschen, die Niederlagen, warum jemand wieder aufsteht, wie jemand wieder aufsteht, wie der Blick auf die Welt nach so einem Schlag ins Gesicht ist. Es ist ja viel aufregender. Ich meine, ich habe mich noch nie in einen FC-Bayern-Spieler verknallt. Also ich mag Verlierer wahnsinnig gern. Das muss alles schon seine Abgründe und dunklen Ecken haben, damit ich das interessant finde. Insofern ist das bei den Figuren natürlich auch so. Die ziehen mich durch ihre Kaputtheit total an, wie das in der Kneipe aber auch wäre, wenn ich irgendwo reinkomme und sehe da hinten in der Ecke die Freaks sitzen, dann weiß ich, wo ich den Abend verbringe.

"Mich interessiert nicht die Aufklärung eines Falles"

Gerk: Und das sind ja auch eigentlich gar nicht so richtig Fälle bei Ihnen in den Büchern, habe ich vorher so überlegt, ob das eigentlich der richtige Ausdruck dafür ist. Das sind ja eher Schicksale oder eben Abgründe, in die Sie da reinschauen, oder?

Buchholz: Ich glaube, ich orientiere mich immer mehr … Also ich habe mich vielleicht ein bisschen emanzipiert und verabschiedet von dem klassischen Falllösen, Ermittlungskriminalroman, sondern es geht mehr und mehr darum, wie im altmodischen Roman Noir, Seelen zu ermitteln. Also da spricht man ja auch immer von "investigating souls" und nicht "investigating cases". Ich glaube, das ist die Richtung, in die ich mich entwickle. Das war gar nicht so bewusst. Das ist aber was, was mich immer mehr interessiert. Mich interessiert tatsächlich nicht die Aufklärung eines Falles, so am Ende ist die Welt wieder heile, weil ich auch glaube, so funktioniert es nicht. Mich interessiert, wie Leute, die – wodurch auch immer – an den Rand ihrer Existenz gebracht werden, wie die da weitermachen, wie die da durchgehen. Mich interessiert die Menschlichkeit, die Menschenwürde und das, was bleibt, wenn man so vor Trümmern steht oder was dann auch nicht mehr bleibt. Oft ist ja dann auch keine Menschlichkeit mehr da. Das interessiert mich viel mehr als so ein Kriminalfall inzwischen, muss ich sagen. Vielleicht kann man da gar nicht mehr so lang, so ewig Kriminalroman draufschreiben auf die Bücher, da bin ich mir gar nicht so sicher, ehrlich gesagt.

Gerk: Vielleicht eher so Versuchsanordnungen über das, was menschlich alles möglich ist. Diesmal sind ja auch wieder eigentlich lauter ambivalente Figuren am Start. Die Staatsanwältin hat ja sowieso ein Faible für das Milieu und für so halbkriminelle Kerle, und die Verbrecher sind auch diesmal die Hauptfigur, der Geiselnehmer, denn es geht ja um eine Geiselnahme in einem schicken Hamburger Hotel, wo Chastity Riley eigentlich den 65. ihres ehemaligen Vorgesetzten Faller mit allen Kollegen feiern will, und dann taucht da so eine schwerbewaffnete Truppe auf, und eine ganz andere Geschichte rollt sich plötzlich ab, aber dieser Hauptverbrecher, der ist eigentlich auch nur einer, dem richtig übel mitgespielt wurde. Das ist gar nicht so klar, wer da eigentlich gut und böse ist.

Buchholz: Ja, es ist halt ein Mensch, der Schaden genommen hat am Leben, der eigentlich nur raus wollte, der ist im Sankt Pauli der 80er-Jahre aufgewachsen, was ein ziemlich trauriger, trostloser grauer Ort war, ohne richtige Familie und wollte einfach nur raus und ist auf ein Schiff nach Kolumbien gestiegen, hat da am Strand erst total nette Leute kennengelernt und dann aber irgendwie die falschen und ist dann auf die falschen Partys gegangen. Mehr ist letztlich nicht passiert, aber da hat er ein paar falsche Entscheidungen getroffen, ist zu Schaden gekommen, und im Prinzip fliegt ihm aufgrund dessen sein ganzes Leben um die Ohren, und weil er vielleicht glaubt, diese Verletzungen reparieren zu können, indem er selbst das wieder geradebiegt, woran ich nicht glaube, dass das funktioniert, der glaubt aber, dass das funktioniert, deshalb kommt es zu dieser Geiselnahme, weil natürlich Menschen dann auch immer gerne andere Menschen dafür verantwortlich machen, geben anderen die Schuld, wenn sie selbst vor irgendwas Angst haben, oder wenn ihnen was Böses wiederfahren ist. Darum geht es letztlich. Der ist eigentlich gar kein Verbrecher.

"Eine Form finden für diese Art von 'Auspacken'"

Gerk: Und das, was passiert in dem Krimi, denn diese Geschichte von diesem Henning wird in Rückblenden quasi erzählt, aber das, was passiert, ist ja so eine Art Kammerspiel, das ist ja ganz intensiv und ganz fokussiert erzählt. Ist sowas eigentlich auch nur möglich, wenn man da schon so eine serielle Vorgeschichte hat? Das habe ich mich gefragt, ob man sich da auch irgendwie so hinschreibt, dass das plötzlich so dicht wird.

Buchholz: Das ist schön, dass Sie das so sagen und so empfinden, weil ich große Angst hatte, dass das nicht funktioniert. Also das war natürlich überhaupt der Anlass, diesen neunten Teil so zu schreiben, weil ich ein Kammerspiel schreiben wollte, ich wollte alle meine Figuren, mit denen ich schon so lange zu tun habe, die mal in einem Buch auch weniger vorkommen und mal wieder mehr, ich wollte die alle zusammen quasi in so einem "locked room" haben und mal schauen, was passiert, wenn die eben auch alle ihre Verletzungen auf den Tisch legen und auch klar ist, auch da ist ganz viel nicht mehr zu reparieren, und hatte mir das ganz einfach vorgestellt, dass man dann so 30 Leute in einen Raum packt und noch ein paar Geiselnehmer mit ein paar Waffen, und dann geht das schon von alleine. Während ich das geschrieben habe, habe ich aber gemerkt, das ist gar nicht so einfach, weil das kann ja auch furchtbar langweilig sein, wenn einfach 20, 30 Leute in Dialogen miteinander sprechen, das ist ja dann auch gerne mal so Vorabendserie, ist ja total öde, und habe dann versucht, eine Form zu finden für diese Art von "Auspacken", für diese Art von das eigene Leben auf den Tisch zu legen und die eigenen blutenden Herzen da mal so durch den Raum zu schmeißen und freue mich, wenn Sie das Gefühl haben, dass mir das gelungen ist.

Gerk: Es ist auf jeden Fall das Gegenteil von einer Vorabendserie, aber interessant ist der Vergleich schon, weil im Krimi ist das ja eigentlich der Klassiker, Serien seit Sherlock Holmes eigentlich, und trotzdem findet man das ja alles nicht langweilig, selbst wenn man den hundertdreißigsten Fall von McGray oder jetzt den neunten von Riley liest. Warum funktioniert das so gut als Serie?

Buchholz: Das weiß ich natürlich gar nicht, warum das gut funktioniert. Wenn ich das wüsste, dann würde ich fünf solcher Serien schreiben, glaube ich. Also ich kann da immer nur von mir selbst sprechen, wie es mir beim Schreiben geht. Ich habe das ja vorhin schon gesagt: Die Figuren kommen einem immer näher, und man gewinnt die immer mehr lieb und fiebert natürlich auch mit denen mit. Bei Riley habe ich es immer so, und auch bei den anderen, dass man eigentlich möchte, dass die endlich mal glücklich werden, aber dann möchte ich auch wieder auf gar keinen Fall, dass die mal glücklich werden, weil dann wäre ja alles vorbei und langweilig.

Ein Hamburg-Strang mit schottischem Wetter

Gerk: Aber so ein kleiner Abschied deutet sich diesmal ja an. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass das Wetter, wegen dem Sie ja extra nach Hamburg gezogen ist, diesmal kaum vorkommt. Ist ja klar, spielt ja auch in einem Innenraum, aber trotzdem habe ich mich gefragt, ob da jetzt auch was zu Ende geht.

Buchholz: Ja, das Wetter ist tatsächlich … Sie sagt sogar einmal, dass sie jetzt keinen Bock auf Wettermetaphern hat, als ihre beiden ehemaligen Lover anfangen, über das Wetter zu reden, wo sie sonst sofort eingestiegen wäre. Das hat mich beim Schreiben selbst überrascht, dass sie sagt, also ich stehe jetzt auf, ich habe keinen Bock, da mitzumachen. Dann, ich glaube, einmal regnet es Asche draußen, aber es ist mehr so ein … Es könnten auch Frösche oder Drachen regnen, glaube ich. Es ist mehr so ein gefühltes Wetter. Ja, definitiv ist im nächsten Band, der dann im Frühjahr 2021 erscheint, der spielt fast komplett in Schottland. Es wird auch einen Hamburgstrang geben, aber da wird eher schottisches Wetter, glaube ich, wichtig sein. Wahrscheinlich erzähle ich dann wieder mehr vom Wetter, wenn mich das dann mehr beeindruckt, aber es wird so eine Art Finale der zweiten Staffel geben, dem nächsten, mit dem zehnten Band. Ich habe das Bedürfnis, mal was abzubinden und die vielleicht doch mal auch ein bisschen Heilung oder eine Reparaturwerkstatt zukommen zu lassen. Das wird in Glasgow passieren. Weiß ich ja nicht, ob das funktioniert. Ich sage ja immer: "'s funktioniert nicht, Verletzungen zu reparieren, aber versuche es 'mal mit ihr, dann schauen wir mal."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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