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Lesart | Beitrag vom 09.06.2021

Simon Stålenhag: "Things from the Flood"Roboter, Luftschiffe und andere Alltagsgegenstände

Von Marten Hahn

Cover zu Things from the Flood (Deutschlnadradio / Fischer TOR)
Wenn Roboter einen religiösen Naturkult entwickeln: "Things from the Flood" von Simon Stålenhag. (Deutschlnadradio / Fischer TOR)

In seinen illustrierten Romanen kombiniert Simon Stålenhag gekonnt atmosphärische Bilder mit Texten über eine alternative Vergangenheit. In „Things from the Flood“ erzählt der Schwede von einer Jugend auf dem Land zwischen Luftschiffen und Robotern.

Am Anfang war das Bild. Simon Stålenhag zeichnete schwedische Landschaften mit futuristischen Elementen und versetzte damit 2013 das Internet in Aufregung. Kinder und Roboter im Schnee, einsame und versunkene Maschinen im Nebel, fliegende Vehikel neben handelsüblichen VW-Bussen. Die unaufgeregten, melancholischen Bilder sprachen zu Science-Fiction-Fans weltweit – allerding ohne eine klare Geschichte zu erzählen.

Verfilmt von Amazon

Als die ersten begannen, sich Geschichten zusammenzureimen, fügte Stålenhag selbst Worte hinzu und veröffentliche 2014 sein erstes Buch. "Tales from the Loop" wurde ein großer Erfolg. Im vergangenen Jahr verfilmte Amazon Studios den Stoff. 2016 ließ Stålenhag "Things from the Flood" folgen, das zur Freude deutscher Fans nun auch bei Fischer TOR erscheint. Die Bücher bauen inhaltlich aufeinander auf, können aber ebenso unabhängig voneinander genossen werden.

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In "Things from the Flood" führt Stålenhag als Icherzähler erneut durch eine fiktive, schwedische Vergangenheit. Das Buch beschreibt eine Jugend in den späten 1990ern zwischen rostender Hochtechnologie, Modeminternet und riesigen Luftschiffen. Nostalgie trifft auf Retrofuturismus.

Erwachsene und Kinder werden evakuiert

Der Loop, ein unterirdisches Forschungszentrum, wurde geschlossen. Doch aus den Tiefen der abgeschalteten Anlagen steigt dunkles Wasser an die Oberfläche. Erwachsene und Kinder der umliegenden Dörfer werden evakuiert, Wasserproben werden genommen und "biologische Komponenten" entdeckt, die dort nicht hingehören.

Für andere Autoren wäre das der Beginn eines dystopischen Alptraums. Stålenhag hingegen degradiert das Bizarre zum Alltäglichen. Das Buch widersetzt sich den üblichen Spannungsbögen. Bedrohungen treten nie in den Vordergrund. Auch weil die Welt der Erwachsenen und die Welt der Kinder sich nur begrenzt überschneiden.

Die Schule geht weiter, Freundschaften beginnen und enden und in der Freizeit wird Zugang zum Internet erbettelt. "Things from the Flood" ist vor allem ein Coming-of-Age-Roman. Allerdings einer, in dem Roboter so allgegenwärtig sind wie Autos.

Roboter, die sich mit Federn und Pelzen behängen

Stålenhags Faszination mit autonomen Maschinen führt in diesem Band zu einer herausragenden Bilderreihe. In der schwedischen Pampa tauchen eines Tages verfolgte Roboter auf, die sich mit Federn, Pelzen und anderen organischen Materialien behängen und "eine Art religiösen Naturkult" entwickeln. Die Portraits der sogenannten "Vagabunden" sind so liebevoll und angsteinflößend, dass man sich ein ganzes Buch dazu gewünscht hätte.

Stålenhags Bilder wirken wie Ölmalereien, wurden aber am Computer gezeichnet. Die dunklen, wintergrauen, ganzseitigen Zeichnungen stehen im Buch neben kurzen Texten, die alles zusammenhalten. "Ein illustrierter Roman" – so tauft der Verlag das Format. Aber nicht jedes Bild bekommt einen Text. Nicht alles wird erklärt.

"Things from the Flood" lebt so in großen Teilen von der Atmosphäre der Zeichnungen und dem Ungesagten, den Lücken die die Texte lassen. Wort und Bild geben sich so gegenseitig Raum, ergänzen sich sanft und machen Simon Stålenhag zu einem der ungewöhnlichsten Science-Fiction-Autoren seiner Generation.

Simon Stålenhag: "Things from the Flood"
Übersetzt aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Fischer TOR, Frankfurt am Main 2021
132 Seiten, 34 Euro

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