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Lesart | Beitrag vom 14.04.2018

Simon Ings: "Triumph und Tragödie"Stalins Machtfantasien über die Natur

Von Michael Schornstheimer

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Collage mit Cover zu Simon Ings' "Triumph und Tragödie" (Cover: Hoffmann und Campe, Hintergrund: dpa, Collage: dlf Kultur)
Die stalinistische Wissenschaftspolitik steht im Fokus von Simon Ings' "Triumph und Tragödie". (Cover: Hoffmann und Campe, Hintergrund: dpa, Collage: dlf Kultur)

Stalin schien alles seiner persönlichen Macht unterzuordnen. Auch in die Naturwissenschaften regierte der Diktator hinein - mit verheerenden Folgen. Der britische Wissenschaftsjournalist Simon Ings erzählt in "Triumph und Tragödie" die Geschichte der Sowjetunion aus dem Blickwinkel von Wissenschaftlern.

Wie nah Verachtung und Schwärmerei doch oft beeinander liegen: Wissenschaftlich wollte der Marxismus sein! Die vollkommene Gesellschaft und ein neuer Mensch waren das Ziel. Sozialismus ist Wissenschaft, befand Stalin. Sein Vorgänger Lenin hielt die sogenannten "Intelligenzler" für Lakeien des Kapitals, die sich nur einbildeten, das Hirn der Nation zu sein. In Wirklichkeit seien sie "Dreck".

Haß und Verehrung! Bereits 1919 existierten mehr als einhundert sogenannte "Volksuniversitäten". Und als Stalin 1953 starb, hinterließ er einen riesigen, hervorragend ausgestatteten Forschungsapparat. Insofern ist die Idee vielversprechend, die Geschichte der Sowjetunion aus dem Blickwinkel von Wissenschaftlern zu erzählen.

Pflanzenphysiologie war überlebenswichtig

Der britische Wissenschaftsjournalist Simon Ings beschäftigt sich in seiner 600-seitigen Studie vor allem mit der sowjetischen Biologie, insbesondere der Pflanzenphysiologie und der Rolle der Genetik, ein existenzielles Thema für die Menschen in der Sowjetunion:

Neue Weizensorten sollten im Norden den Roggen ablösen. Neue Kartoffelsorten sollten trockene Sommer gesund und ertragreich überstehen. Und zur Krönung sollten die neuen Sorten innerhalb von vier statt wie üblich in zehn bis zwölf Jahren gezüchtet werden. Die meisten Genetiker hielten das für einen schlechten Witz.

Es war unmöglich. Die Geschichte der Sowjetunion lässt sich auch als eine Geschichte von Hungersnöten erzählen. Bereits an ihrem Anfang stand eine riesige Hungersnot, 1922. Ein Jahrzehnt später folgte die große Hungersnot im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Gehungert wurde anschließend im Krieg. Und danach, im Frieden:

Die dritte große Hungersnot der Sowjetära in den Jahren 1946/47 war nicht nur auf die ungünstige Wetterlage und die vom Krieg beschädigte Infrastruktur zurückzuführen. Partei und Staat brauchten Devisen und nutzten dasselbe Mittel wie die zaristischen Behörden (…): Sie verkauften Getreide ins Ausland, statt damit die hungernden Menschen daheim zu versorgen. 1947 starb in der UdSSR jedes dritte Neugeborene.

Lyssenko glaubte, den Darwinismus materialistisch widerlegen zu können

Die zentrale Figur im Drama der sowjetischen Landwirtschaft war der Agarwissenschaftler Trofim Denissowitsch Lyssenko. Er vertrat die These, nicht die Gene, sondern die Umweltbedingungen entschieden über die Vermehrbarkeit von Pflanzen. Und er favorisierte die sogenannte "Jarowisation", bei der es darum ging, den Zeitpunkt der Keimung zu manipulieren:

Das Saatgut wird angefeuchtet und gekühlt, der Samen keimt und darf kurz wachsen, gerade lange genug, um die Kälte zu registrieren, die ihn umgibt. Dann wächst er explosionsartig bis zur Erntereife, sobald er im Frühjahr ausgebracht wird. Die Frage ist, ob sich der Aufwand lohnt. Ist es von ökonomischem Wert, Winterweizen in Sommerweizen zu verwandeln?

Detailliert schildert Simon Ings, wie sich ein heikles Experiment binnen einiger Jahre zur Staatsdoktrin entwickelte. Trotz verfaulender Saat und mickriger Ernten wurde beschlossen, die Jarowisation ab sofort im großen Stil anzuwenden. Im Dezember 1935 präsentierte die Prawda auf der Titelseite den Agrarwissenschaftler Lyssenko an der Seite des Generalsekretärs Stalin.

Büßte die Genetik ihre Bedeutung ein?

Lyssenko wurde nicht nur von Stalin protegiert, er verstand es auch geschickt, alle wichtigen Posten mit seinen Parteigängern zu besetzen oder selbst einzunehmen, wie die Leitung der Leninakademie. Und dies, obwohl er in seinen wissenschaftlichen Journalen vor aller Augen dreiste Lügen publizierte. So war es ihm angeblich gelungen, Weizen in Roggen zu verwandeln und Kohl in Rüben.

Der Leiter des Instituts für experimentelle Biologie, Nikolai Kolzow, wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die abstrusen Behauptungen. Bei einer Sitzung bemerkte er unerschrocken, Lyssenko glaube wohl, durch die richtige Fütterung aus einer Kakerlake ein Pferd machen zu können. Ein Witz, der sogar Stalin zum Lachen gebracht haben soll, als er das Protokoll las.

Trofim Lyssenko war in die höchste Position der sowjetischen Landwirtschaft aufgestiegen, und das hatte er nicht einer speziell gegen die Genetik gerichteten Kampagne zu verdanken, sondern vielmehr der Tatsache, dass die Genetiker letztlich mehr Unterstützer an die Erschießungskommandos verloren als die Lyssenkoisten.

"Behelligt die Physiker nicht mit politischen Seminaren!"

Simon Ings versucht trotz der komplizierten Materie seinen britischen Humor zu bewahren. Er schlägt einen eher leichten Ton an, bisweilen ironisch und sarkastisch, ohne seinen Stoff und seine Akteure durch allzu billige Pointen zu verraten.

Bemerkenswerterweise hat Stalin die Physik, insbesondere die Atomphysik, todernst genommen. Kein sowjetischer Physiker bekam je den Auftrag, Einstein zu widerlegen. Physiker wurden in Arbeitslagern interniert, um zu forschen, das ja. Aber: "Behelligt die Physiker nicht mit politischen Seminaren", soll Stalin angeordnet haben. "Laßt sie in Ruhe arbeiten."

Ein lehrreiches Buch also, mit nur kleinen Mängeln: Ings setzt den sowjetischen GULAG mit den NS-Vernichtungslagern Maidanek und Auschwitz gleich und schreibt, sie stünden einander in nichts nach. Tun sie aber doch!

Der Autor hält uns alle für kleine Wissenschafts-Stalinisten

Aber ein solcher Fehler wirkt verzeihlich in Anbetracht seines fulminanten Fazits. Denn: Mit welchem Recht sollten wir uns heute über die stalinistische Wissenschaftspolitik lustig machen?

Die Erde benötigt ein Jahr und drei Monate, um zu erzeugen, was die Menschheit in einem Jahr verbraucht. Es dauert, bis sich natürliche Ressourcen akkumulieren. Jeder denkt dabei sofort an Öl, aber mit Wäldern, Böden und Grundwasser ist es dasselbe, sind sie einmal verbraucht, sind sie weg. (…) Wir sind alle kleine Stalinisten, die sich auf die Effizienz der Wissenschaft verlassen.

Trotz aller Idiotien und Verbrechen sei die Geschichte der Sowjetunion auch ein Beispiel für Mut, Ideenreichtum und Genie. Simon Ings fürchtet, dass wir uns im Vergleich dazu nicht annähernd so gut schlagen werden. Da könnte er Recht behalten.

Simon Ings: Triumph und Tragödie
Aus dem Englischen von Brigitte Döbert
Hoffmann & Campe
592 Seiten, 34 Euro

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