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Lesart | Beitrag vom 16.07.2020

Sigrid Löffler über Amateure vs. ProfisMachen Blogger die Literaturkritik kaputt?

Moderation: Andrea Gerk

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Eine Hand, nach oben gereckt, präsentiert einen Stapel Bücher auf der flachen Handfläche. (Unsplash / Thought Catalog)
Welches Buch lohnt sich zu lesen? Und: Wer gibt Orientierung? Die professionelle Literaturkritik kaum noch, sagt Sigrid Löffler. (Unsplash / Thought Catalog)

Eine US-Studie befeuert die Debatte, ob vor allem im Internet Buchempfehlungen wirkliche Kritik weitgehend abgelöst haben. Hierzulande sei das so, sagt die Literaturkritikerin Sigrid Löffler: Das Urteil von Amateuren stehe über dem der Profikritiker.

Haben warmherzige Buchempfehlungen aus dem Bauch heraus die Analysen mit kühlem Kopf, die ein Buch auch mal in kleine Stücke zerreißen, weitgehend abgelöst? Darüber wird gerade in den USA diskutiert: Die Kultursoziologin Philippa Chong geht in ihrem Buch "Inside the critics’ circle" der Frage nach, warum kaum noch Verrisse erscheinen und besonders im Internet vor allem Lesetipps ausgeteilt werden. Dazu hat sie 40 Kritiker befragt.

Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler sagt: "Meine langjährige Wahrnehmung ist eine ganz andere." Die amerikanische Literaturkritik sei sehr streng in ihren Urteilen, aber differenziert – und das seit mehr als 30 Jahren.

"Unerwünschte Konkurrenz" im Internet

In der deutschsprachigen Literaturkritik habe sich jedoch in den vergangenen 30, 40 Jahren sehr viel verändert:

"Der Großkritiker, der sich als Scharfrichter der Literatur gebärdet, der hat seinen Autoritätsstatus und seine Instanzhaftigkeit endgültig verloren." Er sei "eine Figur des vergangenen Jahrhunderts, genauso wie seine Klientel, das klassische Bildungsbürgertum".

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Der professionelle Kritiker habe "unerwünschte Konkurrenz" bekommen: "nämlich dieses elektronische Stammtischgeschnatter". Jeder Buchkäufer dürfe sich heute automatisch als Kritiker betrachten, bemängelt Löffler.

Entprofessionalisierung der Literaturkritik?

Im Internet gebe es Hobbykritiker und Blogger, die meisten von ihnen seien Amateure. "Die twittern vor sich hin mit subjektiven Geschmacksurteilen." Es gebe "willkürliche Begeisterungsanfälle, die meistens nicht begründet sind", so Löffler. "Da wird unter dem Deckmantel einer angeblichen Demokratisierung die Literaturkritik in Wahrheit entprofessionalisiert", wettert die Kritikerin.

"Die Kritik wird vielerorts durch Buchmarketing ersetzt. Das Geschmacksurteil des Verbrauchers entscheidet, nicht das Kunsturteil des Kritikers." Was sich gut verkauft, gelte automatisch als gut. 

Aufklärung statt "gut gelaunter Kaufempfehlungen"

Löffler dagegen betont, eine gute Rezension liefere Informationen zum Inhalt des Romans. Sie beurteile aber auch die literarische Qualität des Buchs und ordne es möglicherweise auch in den literarischen Kanon ein.

Literaturkritik sei eine aufklärerische Disziplin. "Sie soll keine gut gelaunten Kaufempfehlungen für börsennotierte Bestseller geben." Sie müsse "vielmehr ihr literaturkritisches Besteck unentwegt verfeinern", betont Löffler. "Eine Buchbesprechung sollte beim Ausdifferenzieren und Begründen der eigenen Qualitätskriterien aber immer auch elegant geschrieben sein und unterhaltsam zu lesen."

(abr)

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