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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.12.2020

Sigri Sandberg, Anders Bache: "Polarliebe"Von Liebe, Trennung und Hoffnung

Von Günther Wessel

Zu sehen ist das Cover des Buches "Polarliebe". (Mare / Deutschlandradio)
Jemand wartet auf einen zuhause: Dieses Wissen ließ viele Polarforscher die Isolation durchstehen. (Mare / Deutschlandradio)

Biografien von Polarforschern sind Geschichten von Helden – von erfolgreichen oder gescheiterten, aber meist unbeugsamen. Ein norwegisches Autorenduo zeigt sie von einer anderen Seite: sensibel, liebend, mitfühlend und mitunter verzweifelt.

Ein oder zwei Jahre in der Arktis zu forschen, bedeutet auch, für diese Zeit getrennt zu sein von der Familie, Ehefrau oder Freundin. Als Fridtjof Nansen 1889 von seiner einjährigen Durchquerung Grönlands nach Norwegen zurückkehrt, macht er der Opernsängerin Eva Sars gleich einen Heiratsantrag.

Sie nimmt an, wohl wissend, dass er bald zum Nordpol aufbrechen und damit für längere Zeit weg sein wird - im ewigen Eis und monatelanger Dunkelheit, hoffnungsvoll, aber immer gefährdet. 

Berührende Dokumente einer großen Liebe

1893 bricht Nansen schließlich auf. Fast drei Jahre ist er unterwegs. Er und Eva Sars schreiben sich vom ersten Tag an Briefe, auch wenn beide wissen, dass es Monate dauern wird bis sie sie  lesen werden.

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Glücklicherweise hat die norwegische Nationalbibliothek Nansens und Sars‘ Briefe aufbewahrt, und glücklicherweise haben Sandberg und Bache sie dort gefunden und nun in Auszügen veröffentlicht.

Denn es sind anrührende Dokumente einer großen Liebe: Fridtjof schreibt schwärmerisch von Evas Fotos, die er ständig betrachtet. Von seiner Angst, dass sie fort sei, wenn er nach Hause kommt. Von seiner Vorfreude auf sie und die gemeinsame Tochter, die wenige Monate vor seiner Abreise geboren wurde. Eva wiederum schreibt ihrerseits von ihrer Hoffnung, dass er gesund heimkehre.

Neun Geschichten von Liebe, Trennung und Hoffnung

Neun solcher Geschichten von Liebe, Trennung und Hoffnung erzählt das norwegische Autorenpaar. Sie berichten so auf eine neue Art von der Polarwelt und ihrer Erforschung, erzählen von der Einsamkeit und wie man ihr entgeht.

Robert Peary, angeblich Erster am Nordpol, bringt zunächst seine Frau mit in den Norden, gründet aber auch eine Zweitfamilie mit einer Inuitfrau.

Die beiden Dänen Einar Mikkelsen und Iver Iversen, die zusammen mehr als zwei Jahre in einer Hütte an der Ostküste Grönlands ausharren müssen, starren monatelang auf eine Fotografie, auf der 53 Schülerinnen einer Hauswirtschaftsschule abgebildet sind – sie geben ihnen Namen, denken sich Biografien für sie aus, die sie getreulich notieren, und flüchten sich in erfundene Liebesgeschichten.

Historische Fotos und Karten

Die Autoren zitieren ausführlich aus diesen Briefen und Tagebüchern – das tut dem Buch gut, das ansonsten textlich mitunter beschaulich wirkt, aber mit historischen Fotos, Karten und Lesebändchen sehr schön aufgemacht ist.

Und so machen diese Originaltexte vor allem deutlich, was Nansen, Scott, Peary und andere die Strapazen im Eis auch durchhalten ließ: das Wissen, das jemand auf sie wartet, dass es sich lohnt, der immer wieder aufkommenden Verzweiflung zu widerstehen.

Selbst angesichts des nahenden Todes, wie an dem letzten Brief deutlich wird, den Robert Scott Ende März 1912 an seine Frau schrieb. Es ist eine eindringliche, zärtliche Liebeserklärung, kein Lamento. Am Ende änderte Scott noch die Anfangszeile. Wo "an meine Frau" stand, steht nun "an meine Witwe".

Sigri Sandberg und Anders Bache: "Polarliebe. Leidenschaftlich Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis"
Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe
Mare, Hamburg 2020
224 Seiten, 28 Euro

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