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Kompressor | Beitrag vom 16.03.2021

Sciene-Fiction in der DDR"Die Dystopie selbst war nicht gewollt"

Alexander Amberger im Gespräch mit Max Oppel

Berliner Mauer am Potsdamer Platz in den 80er-Jahren (picture alliance / imageBROKER | Norbert Michalke)
Berliner Mauer am Potsdamer Platz in den 80er-Jahren: DDR-Science-Fiction-Autoren konnten Kritik nur zwischen den Zeilen üben. (picture alliance / imageBROKER | Norbert Michalke)

Gert Prokop war nicht nur erfolgreicher Krimiautor in der DDR, auch seine Science-Fiction erzielte hohe Auflagen. Darin beschrieb er einen Endzeitkapitalismus in den USA Ende des 21. Jahrhunderts. Es sind Geschichten, die sich heute noch zu lesen lohnen.

"Man hockt in seinen vier Wänden, braucht sich überhaupt nicht mehr vom Fleck zu rühren: Geschäfte, Arbeit, Bildung, Entspannung, alles via Bildschirm, sogar Sex und Partnervermittlung. Irgendwann hört man auf, die anderen zu besuchen und lebt mit den Welten, die die Videowände so bereitwillig ins Haus senden."

Das ist nicht etwa ein Corona-Tagebuch, sondern ein mehr als 40 Jahre alter Text von Gert Prokop, Science-Fiction- und Krimiautor aus der DDR. Seine Bücher waren lange vor dem heutigen Boom der dystopischen Erzählungen Bestseller, nur scheint er heute vergessen, wie überhaupt die DDR-Science-Fiction. Der Politikwissenschaftler Alexander Amberger hat sich damit beschäftigt und gerade einen neuen Aufsatz über Prokop geschrieben.

Science-Fiction - in der DDR erfolgreich

Science-Fiction, das in der DDR zur Trivial- und Unterhaltungsliteratur zählte, sei dort ein erfolgreiches Genre mit Auflagenhöhen häufig im sechstelligen Bereich gewesen, mit fester Leserschaft – hauptsächlich jung, jugendlich und männlich. 

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"Die Dystopie selbst war eigentlich nicht gewollt. Es war auch nicht die Intention der Autoren, Dystopien zu schreiben, denn man befand sich ja im Sozialismus", so Amberger im Blick auf die verhandelten Themen. "Selbstverständlich wäre es nicht möglich gewesen, ein Buch wie ‚1984‘ zu veröffentlichen, man hat das verkleidet" - auch wenn sich der Science-Fiction bessere Möglichkeiten geboten hätten als realistischer Literatur, Kritik zwischen den Zeilen zu üben, weil man das Ganze in einer anderen Welt habe ansiedeln können.   

Viele Bezüge zu heute

Prokop war in den 60er-Jahren als Krimiautor sehr erfolgreich, aber auch mit utopischer Literatur bzw. Science-Fiction und Büchern wie "Wer stiehlt schon Unterschenkel" (1977) und "Der Samenbankraub" (1983). "Das sind Detektivgeschichten, die spielen in einem Endzeitkapitalismus in den USA, in Chicago Ende des 21. Jahrhunderts", sagt Amberger.

"Es ist da eine kleine Elite, die mittels hochentwickelter Technik die Bevölkerung überwacht, die Arbeiterinnen und Arbeiter versklavt, die Menschen unterdrückt und durch Medien manipuliert. Es finden sich tatsächlich viele Bezüge zu heute."

Sie in einem Endzeitkapitalismus anzusiedeln, sei damals wohl die einzige Möglichkeit gewesen, Dystopien zu schreiben. "Wobei Prokop verlagsseitig noch dazu überredet wurde, da einen kommunistischen Underground mit einzubauen, um eine kommunistische Perspektive da drin zu haben."

Umweltproblematik auch Thema in der DDR

DDR-Science-Fiction-Autoren hätten zudem in den 70er-, 80er-Jahren sogar analog zur Entwicklung im Westen Themen zur Umweltproblematik oder dem Club of Rome aufgegriffen. Prokop sei allerdings einer der wenigen gewesen, der auch Anfang der 90er-Jahre noch von seiner Autorentätigkeit leben konnte und dessen utopische Geschichten schon vor dem Mauerfall im Westen publiziert worden seien. "Es sind Bücher, die sich auch heute noch zu lesen lohnen."

(cwu)

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