Schutt im Bausektor

Das verdrängte Umweltproblem

06:05 Minuten
Ein Bagger im Bauschutt beim Abriss eines Gebäudes in Nürnberg.
Bauschutt in Nürnberg: Nur 13 Prozent innerhalb der Wiederverwertungsquote sind in Deutschland Recycling. © imago / imagebroker / Helmut Meyer zur Capellen
Von Valerie von Kittlitz · 25.01.2022
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Jährlich fallen tonnenweise Schutt beim Gebäudeabriss und Straßenbau an. Oft kommt dieser Schadstoff belastete Abfall auf die Deponie – und damit auch wiederverwertbare Materialien wie Stahl und Glas. Ein Unding, sagen Kritiker und Kritikerinnen.
Millionen Tonnen von Abfall werden jedes Jahr von der Bauindustrie erzeugt. Ein Thema, über das weitestgehend geschwiegen wird.
„Mit Schweigen meine ich einfach, dass wir im Moment diesen Bereich Kreislaufwirtschaft noch nicht genügend oder entschlossen adressieren. Und das ist eine der Herausforderungen in den nächsten Jahren, so viel Zeit haben wir nicht: Wie können wir diese Bauschuttmengen, die ja enorm sind, reduzieren.“
Sagt Lamia Messari-Becker. Mit dieser Ansicht steht die Bauingenieurin und Professorin nicht alleine da. Ähnlich sieht es auch Hermann Kessler, der das Fachgebiet Ressourcenschonung am Umweltbundesamt leitet.
„Die mineralischen Abfälle sind sozusagen der weiße Elefant, der im Raum steht, und jeder weiß, dass er da ist, aber keiner sieht ihn. Das liegt auch daran, dass wir eine Verwertungsquote von über 90 Prozent haben, und damit soll alles gut sein.“

Es wird zu wenig recycelt

Aber: Verwertung und Recycling sind nicht das Gleiche. Verwertung heißt, dass Bauschutt im Straßenbau, zur Auffüllung von Gruben oder Abdeckung von Deponien verwendet wird. Hochwertiges Recyceln bedeutet, den ursprünglichen Baustoff möglichst wiederherzustellen, also Recyclinggips oder Recyclingbeton. Nur 13 Prozent innerhalb der Wiederverwertungsquote sind Recycling. Viel zu wenig, sagt Hermann Kessler, denn statt die Natur anzuzapfen, könnten wir die Ressource nutzen, die wir selber geschaffen haben.
„Wir sprechen ja vom sogenannten anthropogenen Lager, dass sich die Menschheit durch Wohngebäude, Nichtwohngebäude, Infrastrukturen aufgebaut hat. Und dieses Lager ist nicht nur enorm – es beträgt im Moment so um die 52 Milliarden Tonnen, die wir an Materialien in die Technosphäre eingebracht haben in Deutschland –, sondern der Trend ist besonders besorgniserregend. Seit 1960 ist dieses Lager um 80 Prozent gewachsen.“

Der Schutt ist oft schadstoffhaltig

Ein Gebäude wird abgerissen. Die tragende Primärstruktur aus Beton, Stahl, oder Ziegeln wird entkernt, also von Putz, Gipsplatten, Wärmedämmung, Schaumstoffen, Silikonen befreit. Zum Teil sind diese Elemente irreversibel verbunden. Und oft schadstoffhaltig.
„Es gab Zeiten, da wurden die Abrissmaßnahmen so gesteuert, dass so ein Gebäude plattgemacht wurde, um das mal so lapidar zu sagen. Heute versucht man im Vorfeld, durch eine Entkernung eine sortenreine Entsorgung zu managen.“
Stefan Roll ist Regionalleiter für Berlin Brandenburg bei Remex, einem der größten deutschen Verwertungsunternehmen für mineralische Abfälle. Auch für Straßenaufbruch. Teerhaltiger, als gefährlich eingestufter Asphalt wird heutzutage verbrannt. Eine solche thermische Verwertungsanlage gibt es allerdings nur in Holland. Deutschland verschifft ca. 400.000 Tonnen pro Jahr dorthin.
„Wir sind also mehrfach schon gefragt worden, warum wir so was nicht kaufen. Wir reden über eine Anlage … 100 Millionen vielleicht? Wer soll da bitteschön das Risiko auf sich nehmen, wenn die Gesetzeslage in vier Jahren sich wieder ändert? – In Holland ist es so, dass der Gesetzesgeber sagt, prinzipiell: Es hat keine Deponierung von Straßenaufbruch zu erfolgen. Das kann man hier für die nächsten vier Jahre vielleicht hoffen, aber für danach? Keine Ahnung.“

Bundesländer haben unterschiedliche Regeln

Hinzu kommt: Es gibt landesweit unterschiedliche Einstufungen dessen, was als gefährlicher Straßenaufbruch gilt. In Niedersachsen liegt der Schwellenwert für Gefahrstoffe bei 25, in Sachsen-Anhalt oder Bayern bei 1000. Ab August 2023 soll sich das ändern. Dann tritt die sogenannte Mantelverordnung in Kraft, an der die Regierung 16 Jahre gearbeitet hat. Dieser länderübergreifenden Regelung für den Umgang mit mineralischen Abfällen fehlt aber ein entscheidender Punkt, findet der Zentralverband Deutsches Baugewerbe.
„Dass mineralische Abfälle, wenn sie aufbereitet sind, also wenn sie Recycling Baustoffe sind, einen Produktstatus bekommen.“

Felix Pakleppa ist Hauptgeschäftsführer des ZDB.
„Jetzt, nach der jetzigen Regelung der Mantelverordnung bleibt das im Grunde genommen Abfall. Und da haben wir große Sorge, dass die Akzeptanz für Recyclingbaustoffe dadurch nicht wächst, sondern natürlich ein Bürgermeister, der zum Beispiel einen Kindergarten baut, seinen Bürgern erklären muss, wir bauen das mit Abfall.“
Pakleppa befürchtet, dass Bauabfälle in Zukunft zunehmend nicht recycelt, sondern ins Ausland verfrachtet werden. Denn hinzukommt: Die deutschen Deponien sind voll. Gipsplatten zum Beispiel lassen sich eigentlich zu 100 Prozent recyceln. Weil es aber kostspielig ist herauszufinden, ob sie eventuell mit Asbest kontaminiert sind, werden sie schlimmstenfalls nach Tschechien gebracht, wo sie zur Sanierung von Uranschlammteichen verwendet werden. Hermann Kessler vom Umweltbundesamt:
„Das ist ein illegaler Mülltransport, ist ökologisch überhaupt nicht hilfreich, aber diese billigen Wege werden eben dann gegangen, wenn es sich für den Betrieb lohnt. Insgesamt muss man sagen, diese Deponieknappheit führt aber auch dazu, dass ein gewisser Druck auf das Recycling auch ausgeübt wird, und das ist wiederum positiv.“
Und es gibt noch einen Lichtblick: Die neue Regierung hat im Koalitionsvertrag den sogenannten Gebäuderessourcenpass verankert. In Zukunft muss genau vermerkt werden, was wo verbaut wurde, ob schadstoffhaltig oder nicht. Und das ist die Grundlage eines zukunftsfähigen Recyclings im Bausektor.

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