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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 07.05.2019

Schriftstellerin Juli Zeh"Ich brauche die Freiheit, etwas nicht hinzukriegen"

Moderation: Katrin Heise

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Juli Zeh sitzt in einer dunkelblauen Bluse vor einem dunklen Hintergrund und schaut in die Kamera. (Thomas Müller)
Vielseitig, sehr umtriebig und von Pferden begeistert: Juli Zeh. (Thomas Müller)

Sie ist so vielseitig wie kaum eine andere Schriftstellerin: Juli Zeh hat Bestseller geschrieben, engagiert sich politisch und als Verfassungsrichterin in Brandenburg. In ihrem neuesten Buch widmet sie sich nun einer weiteren Leidenschaft: den Pferden.

Im Schnitt schreibe sie etwa eine halbe Stunde pro Tag, sagt Juli Zeh. Das mag man kaum glauben, wenn man weiß, dass die Schriftstellerin und Juristin allein in den letzten drei Jahren vier Bücher veröffentlicht hat, darunter den Bestseller "Unterleuten".

Es komme eben darauf an, wie viele Seiten man in der kurzen Schreibzeit schaffe, sagt die 44-jährige: "Bei mir stellt sich sozusagen das Bewusstsein aus und es rauscht etwas durch mich durch, wo ich nur die Finger bewege – und zwar ziemlich schnell."

Schreibende Hausfrau und "Pferdetante"

Schreiben betrachtet Zeh als ihre "Arbeit in Anführungszeichen. Das ist in Wahrheit gar keine Arbeit." Lange habe sie sich schwer getan, das Schreiben als Beruf zu begreifen, sagt die Schriftstellerin:

"Bevor ich Kinder hatte, hätte ich gesagt, ich bin arbeitslos mit Schreibauftrag. Jetzt würde ich sagen, ich bin schreibende Hausfrau und Mutter oder schreibende Pferdetante. Das trifft es einfach am besten, wenn man mal anguckt, wie viel Zeit ich mit was verbringe."

Denn weitaus zeitaufwendiger als das Schreiben ist in Juli Zehs Leben die Arbeit mit ihren Pferden: "Pferde bestimmen meine gesamte persönliche Entwicklung", sagt die passionierte Reiterin im Deutschlandfunk Kultur. Schon als Kind habe sie sich ein Leben ohne Pferde nicht vorstellen können – auch wenn es lange dauerte, bis sie schließlich ihr erstes eigenes Pferd besaß.

"Für mich war das als Jugendliche und als Kind die größte Sehnsucht meines Lebens. Ich hatte keinen Antrieb in mir, der so stark war, wie der Wunsch zu reiten und meine Zeit mit Pferden zu verbringen."

Was wir von Pferden lernen können

Gerade hat sie ihre besondere Beziehung zu den Tieren mit der "Gebrauchsanweisung für Pferde" in Buchform gebracht. Von Pferden lasse sich auch viel über den Umgang der Menschen miteinander lernen, findet Zeh. Ein Grund für ihre bis heute währende Faszination:

"Pferde sind unheimlich kommunikativ und offen. Die kommen auf Menschen zu, auch auf andere Spezies. Die meisten Pferde interessieren sich auch für Hunde und Katzen und bieten eigentlich immer erst einmal an: 'Guck mal, hier bin ich. Wer bist du? Haben wir was miteinander?' Da ist dieses Angebot. Dass man daraus etwas machen kann und was das verlangt, was auch die Schwierigkeiten sind, was das Scheitern ist, wann man an seine Grenzen stößt – das ist ein faszinierender Prozess, der einen nicht mehr loslässt."

"Wir haben ein tolles Rechtssystem"

Auch ihre Faszination für Jura und das deutsche Rechtssystem hat sich Juli Zeh bis heute bewahrt. Das Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig absolvierte sie parallel zu ihrem Jurastudium, legte beide juristischen Staatsexamina ab, promovierte in Völkerrecht und veröffentlichte gleichzeitig Romane, Essays, Theaterstücke. Und obwohl schon ihr Debütroman "Adler und Engel" ein großer Erfolg war, setzte sie nicht darauf, ausschließlich als Schriftstellerin zu leben:

"Für mich hätte das alles verändert. Ich brauche diese Freiheit, mich hinsetzen zu können und zu sagen: 'Ach weißt du was, jetzt habe ich hier zwar 400 Seiten geschrieben, aber ich habe keinen Bock mehr, ich schmeiße es weg!' Ich meine, das ist wirklich künstlerische Freiheit. Wenn man weiß, dieses Buch muss erscheinen, weil ich kein Geld habe, dann habe ich diese Freiheit nicht mehr. Darauf kam es mir immer an. Sagen zu können: Ich habe auch das Recht und die Möglichkeit, etwas nicht hinzukriegen."

Endlich Richterin

Heute kann die 1974 in Bonn geborene Juli Zeh, die seit einigen Jahren mit ihrer Familie in einem brandenburgischen Dorf lebt, vom Schreiben leben. Ihren Wunsch, als Richterin zu arbeiten, hat sie trotzdem nie aufgegeben – und arbeitet nun seit diesem Jahr ehrenamtlich als Verfassungsrichterin in Brandenburg.

"Ich bin so froh und glücklich, dass ich diesen Job gekriegt habe. Für mich war das die Erfüllung eines lang vermissten Teils meines Lebens. Ich wollte eigentlich Richterin werden. Jetzt bin ich es!"

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