Schriftstellerin Christine Wunnicke

    "Langeweile ist ein kreativer Grundzustand"

    35:15 Minuten
    Die Schriftstellerin Christine Wunnicke
    Beim Schreiben blickt Christine Wunnicke immer wieder in die Vergangenheit ­und in andere Erdteile. © Foto: Privat/Kirchner Kommunikation/Berenberg Verlag/dpa
    Moderation: Susanne Führer · 30.08.2021
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    Als Kind spricht Christine Wunnicke in Reimen, später denkt sie sich erste eigene Geschichten aus – aus Langeweile. In ihren Romanen geht es oft in die Vergangenheit und in exotische Welten. 2020 erhielt sie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.
    "Ich schreibe ständig Bücher, in denen die Wissenschaft eigentlich gedisst wird", sagt Christine Wunnicke. Dabei sei sie ein "Fan der exakten Wissenschaften". Auch in ihrem jüngsten Roman "Die Dame mit der bemalten Hand" spielt Forschung eine zentrale Rolle.
    Das hält die 1966 geborene Autorin aber nicht davon ab, ihre Bücher auch mit übersinnlichem Personal und transzendenten Begebenheiten zu bevölkern. Nach der Veröffentlichung ihres Romans "Katie", der den Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Spiritismus im London des 18. Jahrhunderts auslotet und auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2017 stand, bekam sie Einladungen zu Séancen. Ein Leser wollte den Geist "Katie" gar persönlich getroffen haben und richtete Grüße aus.
    Aber nur, weil sie über Geister schreibe, müsse sie noch lange nicht daran glauben. Sie sei "weder ein spiritueller Mensch, noch irgendwie geneigt zu Sachen, die nicht nachweisbar sind", sagt Christine Wunnicke. "Gespenster kommen bei mir öfter vor. Das ist auch eines der Rätsel meines Lebens."

    Reimend durch die Kindheit

    Rätsel und offene Fragen scheinen die Münchnerin aber glücklicherweise nicht weiter zu belasten – etwa warum sie sich einem bestimmten Thema widmet. "Ich weiß wirklich ernsthaft meistens nicht, warum ich ein Buch schreibe." Erst Jahre später falle ihr mitunter ein, was der Grund gewesen sein könnte. "Das sind meistens völlig private Anlässe."
    Aufgewachsen als einziges Kind eines Psychiater-Ehepaars in München, taucht sie früh in die Welt der Bücher ein. Schon als kleines Kind liest ihr Vater ihr den kompletten Dickens vor, später entdeckt sie das Reimen für sich.
    Das geht so weit, dass sie eine Zeitlang mit Vorliebe reimend kommuniziert – nicht unbedingt zum Gefallen ihrer Kindergärtnerinnen. "Ich konnte sogar mal in Alexandrinern reden, aber das kann ich nicht mehr."

    Reisen in die Vergangenheit und andere Erdteile

    Dafür verfasst sie als Teenager aus Langeweile heraus erste eigene Geschichten. "Ich glaube, man muss sich irgendwann langweilen, um überhaupt Geschichten schreiben zu wollen." Für sie sei Langeweile ein "kreativer Grundzustand." Beim Lesen ihrer Texte fällt das allerdings nicht auf.
    Nach ihrem Studium der Linguistik, Altgermanistik und Psychologie schreibt Christine Wunnicke Hörspiele und Features, widmet sich aber auch in kunstvoller Weise, bestens recherchiert und oft mit lakonischem Ton, dem literarischen Schreiben. Immer wieder blickt sie dabei in die Vergangenheit und in andere Erdteile.
    "Der Fuchs und Dr. Shimamura" etwa spielt im Japan des 19. Jahrhunderts, ihr neuer Roman im 18. Jahrhundert auf der Insel Elephanta, die vor Mumbai liegt. Für die Geschichte um den Forschungsreisenden und Mathematiker Carsten Niebuhr, der die Schauplätze der Bibel vermessen soll und schließlich in einen bemerkenswerten Austausch mit einem persischen Astronomen tritt, erhielt Christine Wunnicke 2020 den Wilhelm-Raabe-Preis. Er gehört zu den bedeutendsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum.

    "Ich hab’s nicht so mit Gender"

    Besondere Beziehungen zwischen Männern tauchen in Christine Wunnickes Büchern auffällig oft auf, Frauen dagegen wenig. Ein Programm stecke dahinter aber nicht. "Ich habe das nie analysiert. Ich habe vielleicht einen queeren Blick."
    Wahrscheinlich interessierten sie Männer-Frauen-Beziehungen in ihrem Schreiben einfach weniger. Überhaupt: "Ich hab‘s nicht so mit Gender. Das interessiert mich nicht. Ich habe keine gegenderte Selbstwahrnehmung", sagt die Autorin. "Ich schaue nicht morgens in den Spiegel und sage: Hallo Frau!"
    Vielleicht ist es ein weiteres Rätsel im Leben der Christine Wunnicke. Oder aber schlicht eine ungewöhnliche Vorliebe. Das gilt auch für ihren Musikgeschmack: "Amerikanischer Punkrock und barocke Vokalmusik. Nicht gleichzeitig, aber das ist das, was ich am liebsten höre."
    (era)

    Der Beitrag ist eine Wiederholung vom 09.10.2020.

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