Matthias Bormuth: "Schreiben im Exil"

Haltung bewahren!

05:59 Minuten
Coverabbildung des Buchs "Schreiben im Exil" von Matthias Bormuth.
© Wallstein-Verlag

Matthias Bormuth

Schreiben im Exil. Porträts Wallstein Verlag, Göttingen 2021

308 Seiten

24 Euro

Von Holger Heimann · 22.01.2022
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Das Drama von Heimatlosigkeit und Ausgeliefert-Sein: Wie sich diese Erfahrung im Denken und Schreiben von Stefan Zweig, Hannah Arendt und anderen aus Nazideutschland geflohenen Intellektuellen niederschlug, untersucht Matthias Bormuth in "Schreiben im Exil".
Stefan Zweig mochte Brasilien. 1940 war der Erfolgsschriftsteller nach einer Odyssee über England, New York, Argentinien und Paraguay in das größte südamerikanische Land gekommen, für das er eine permanente Einreiseerlaubnis besaß. Der gebürtige Wiener fühlte sich in seinem neuen Domizil in Petrópolis, einer Großstadt nördlich von Rio de Janeiro, sicherer als zuvor in Europa. Anders als viele weniger begüterte prominente Flüchtlinge musste er sich um die materiellen Bedingungen seiner Existenz keine Sorgen machen.
Aber die Bedrängnisse des Exils bekam auch er zu spüren, und sie lasteten schwer auf ihm. Stefan Zweig vermisste seine Bibliothek und den intimen intellektuellen Austausch. Fernab von allem, was ihm vertraut war, vereinsamte er und fühlte sich zunehmend entwurzelt. Am 23. Februar 1942 nahm er sich das Leben. In seinem berühmt gewordenen Abschiedsbrief schrieb der 60 Jahre alte Schriftsteller:
"Nach dem sechzigsten Jahr bedürfte es besonderer Kräfte, um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen. Ich grüße alle meine Freunde! Mögen Sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voran."

Lebens- und Schreibhaltungen

Matthias Bormuth hat dem unglücklichen, vom Exil zermürbten Autor eines der eindrücklichsten Kapitel in seinem neuen Buch gewidmet. Der Kulturwissenschaftler erkundet darin Lebens- und Schreibhaltungen mal mehr, mal weniger berühmter Intellektueller im 20. Jahrhundert, die zu einem Dasein in der Fremde gezwungen wurden, sich in die innere Emigration zurückzogen oder den offenen politischen Widerstand in der Diktatur wagten.
Bormuth versteht Exil mithin mal im konkreten, mal im eher metaphorischen Sinn. Er nimmt die schwankende Haltung Gottfried Benns zum Nationalsozialismus genauso in den Blick wie die Entschlossenheit des Widerstandskämpfers Hans Scholl im Kampf gegen Hitler, die in den Flugblättern der Weißen Rose zum Ausdruck kam.
Der Autor schaut auf das Martyrium von Ossip Mandelstam in den Lagern von Stalins Sowjetunion, und er analysiert die intellektuelle Auseinandersetzung mit extremistischen Gesellschaftsentwürfen, die der Philosoph Karl Popper im neuseeländischen Exil vorantrieb. Die sehr subjektive Auswahl geht weithin zurück auf eine von Bormuth angeregte Ringvorlesung “Schreiben im Exil“ an der Universität Oldenburg.

Ungesicherte Verhältnisse

In dem gleichnamigen Buch lässt der Autor die unterschiedlichen, zumeist prekären Lebenswirklichkeiten, die Dramen von Heimatlosigkeit und Ausgeliefertsein seiner Porträtierten nicht außer Acht, vor allem aber interessiert er sich für deren geistige Entwicklung.
Der Band versammelt keine breit erzählten, emotional aufgeladenen Geschichten existenzieller Erschütterungen, sondern folgt zitatreich den Denkbewegungen von Menschen in ungesicherten Verhältnissen. Die Philosophin Hannah Arendt, die aus Deutschland fliehen musste und im US-amerikanischen Exil zu einer der einflussreichsten politischen Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts wurde, ist für Matthias Bormuth dabei charismatische Leitfigur.
"Ihr Leben, Denken und Handeln zeugt besonders von den Gefahren des weltanschaulichen Dogmatismus, die auch dem Schreiben im Exil drohen, wenn es eine ideologische Gewissheit jenseits der spannungsreichen Pluralität sucht. Dabei zeigt Arendt hintersinnig, dass die notwendige Freiheit beim Schreiben und Lesen geradezu abhängig davon ist, dass wir uns und den anderen einen fernen Fluchtpunkt zugestehen, den genau zu bestimmen unserem Denken unmöglich ist."

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In dem Hannah-Arendt-Kapitel wird am deutlichsten, was Bormuth bei seiner Auseinandersetzung mit den “Exilanten“ um- und antreibt. Ihn interessiert, wie gut es den Einzelnen, die sich offensiver oder zurückhaltender als Gegner von Nationalsozialismus beziehungsweise Stalinismus positionierten, gelungen ist, eine Offenheit im Denken und einen Sinn für die Ambivalenzen des Lebens zu behalten. Allerdings mag man fragen, inwieweit sich etwa die unter Hochdruck verfassten Flugblätter der Weißen Rose, für die Hans Scholl und andere mit dem Leben bezahlten, sinnvoll mit dem eher kontemplativen und abgesicherten Nachdenken von Karl Popper am anderen Ende der Welt vergleichen lassen.
Von der umstürzenden Erfahrung des Exils ist an anderen Stellen ausführlicher und atmosphärischer erzählt worden. Bormuth beschränkt sich darauf, entscheidende Positionen in unterschiedlichen intellektuellen Biografien präzise auszuleuchten. Die Porträts fügen sich nicht zu einem einheitlichen Ganzen, sondern zu einem facettenreichen, ja disparaten Bild. Matthias Bormuth hat sich mit kluger und wacher Neugier Einzelnen gewidmet, an einer Zusammenschau war er offenbar weniger interessiert.  

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