Katerina Schiná: „Die Nadeln des Aufstands“

Mein Pullover bin ich

06:43 Minuten
Abstraktes, in Brauntönen gehaltenes Cover des Buchs "Die Nadeln des Aufstands", darauf in pinker Druckschrift der Buchtitel.
© Edition Converso

Katerina Schiná

Doris Wille

Die Nadeln des Aufstands. Eine Kulturgeschichte des StrickensEdition Converso, Bad Herrenalb 2021

216 Seiten

25 Euro

Von Edelgard Abenstein · 30.12.2021
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Stricken hatte lange den Ruch des Verstaubten. Ein prächtiges Buch führt uns durch seine Geschichte. Die Journalistin Katerina Schiná erzählt, wie das Stricken von der Männerdomäne zur weiblichen Handarbeit wurde und von seinem subversiven Potenzial.
Nicht immer, aber oft werden die schönsten Talente aus der Opposition geboren. Gegen Moden, Diktate, Gesetze, Gewohnheiten. Was die griechische Journalistin Katerina Schiná neben dem Schreiben heute am besten kann, ist das Stricken. Das entdeckte sie vor 40 Jahren gegen den Zeitgeist für sich. Der wehte damals auch für die junge Studentin links und feministisch.

Stricken war jahrhundertelang Männersache

Wie verpönt das Stricken in diesen Kreisen war – es galt als „verzopfter Weiberkram“–, davon erzählt sie zu Beginn des Buches „Die Nadeln des Aufstands“. Und sie enthüllt das angeblich Urweibliche am Klappern mit Nadeln als einen großen Irrtum: Das Stricken begann nämlich als Männerarbeit.
Es wurde, glaubt man den ersten erhaltenen (Strumpf-)Zeugnissen, im Zweistromland oder in Ägypten erfunden, kam mit muslimischen Handwerkern an den spanischen Hof und wurde im Mittelalter zu einer in Zünften beruflich ausgeübten Disziplin. Auch in anderen Kulturkreisen, so weiß die Autorin, war das Stricken Männern vorbehalten. Sogar die kriegerischen Samurai stellten ihre Schals, Masken, Strümpfe selber her.
Erst als mit der Industrialisierung Maschinen das Stricken übernahmen, war sein Ruf als kompliziertes, gewinnbringendes Handwerk dahin. Von nun an schwangen nahezu ausschließlich Frauen, auch jenseits des Eigenbedarfs, Nadeln, Wolle und Garn.
Mit einer Ausnahme: Während der zwei Weltkriege praktizierte man das Stricken als patriotischen Akt. Verwundete Soldaten im Lazarett strickten unter Anleitung von Krankenschwestern ihren Geschlechtsgenossen Wärmendes für die Front. 

Vom Schafottplatz zum friedlichen Protestsymbol

Eigentlich aber stehen Rebellinnen im Zentrum des „Aufstands der Nadeln“. Und die gehören nicht immer zu den Lichtgestalten. Wie die wahrhaft schrecklichen „Tricoteuses“ der Französischen Revolution. Mit ihrem Strickzeug jubelten sie – Furien der Guillotine – den Jakobinern von der Zuschauertribüne zu, ehe sie sich um den Schafottplatz scharten, um mit den Maschen auch die fallenden Köpfe zu zählen.
Friedlicher benahmen sich die Suffragetten. In ersten Strickklubs organisiert, fertigten sie in Serie Schultertücher in ihren Farben. Auch in der Kunst wird Stricken heute eingesetzt. So verhüllte die dänische Künstlerin Marianne Jørgensen während des Irakkriegs einen Panzer mit einer riesigen, aus 4000 pinkfarbenen Strickteilen komponierten Decke.
Schön, wie die niederländische Mathematikerin Hinke Osinga die Chaostheorie, an der sie jahrelang geforscht hat, durch ein Häkelmuster veranschaulicht. Unzufrieden mit den flachen Bildern auf dem Computermonitor übersetzt sie die Doppelhelix leicht subversiv in ein buntes, dreidimensionales Maschengeflecht.

Wohltuender Mut zur Lücke

Gespannt folgt man der Autorin durch die Geschichte. Sie hat weniger das große Ganze mit Drang zur Vollständigkeit im Blick. Vielmehr setzt sich für sie die Geschichte als Ensemble buntfarbener Prismen zusammen – mit wohltuendem Mut zur Lücke.
Ein Gesamtbild der Kulturgeschichte des Strickens ergibt sich so nicht, dafür ein eigenwilliges Strickmuster, zusammengesetzt aus mythologischen Figuren, Aktivistinnen des frühen und des heutigen Feminismus, Cowboys, die an der (Strick-) Nadel hängen, in Lebensgröße gehäkelte Spidermans.

Autobiografische Einsprengsel

Heraus kam so ein kluger, leichthändig geschriebener und unterhaltsamer Essay, immer wieder durchwoben mit autobiografischen Einsprengseln, was das Buch lebendig macht. Der vom Liebsten verschmähte Pullover kann nur ins schmerzliche Ende der Beziehung münden; die toughe berufstätige Mutter sieht man förmlich vor sich beim Naserümpfen über das verstaubte Strickhobby der Tochter.
Dazwischen gibt es herrlich überraschende Trüffelstücke wie das vom dauerstrickenden Cary Grant in „Mr. Lucky“, einer 40er-Jahre-Komödie. Erfrischend auch die Kommentare der Autorin: „Das Stricken als Weg zur Selbstfindung? Nun wollen wir aber schön sachlich bleiben“, so lautet ihre knappe Absage an populäre Psychologieratgeber. Da verzeiht man gern manche Überinterpretation, mit der zwischen Stricken und Lyrik oder atonaler Musik Beziehungen gestiftet werden.
Voll gescheiter Sentenzen über Mode, Handarbeit und den kontemplativen Zauber der Wiederholung ist dieses kleine Buch auch ein Fundstück für diejenigen, die bisher eher eine weibliche Strickhemmung verspürten oder schlicht mit Nadeln nichts am Hut hatten.
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