Seit 15:30 Uhr Tonart

Montag, 20.05.2019
 
Seit 15:30 Uhr Tonart

Lesart / Archiv | Beitrag vom 13.08.2016

Sarah Leonard, Bhaskar Sunkara: "Die Zukunft, die wir wollen"Wall Street abschaffen!

Von Johannes Kulms

Podcast abonnieren
(picture alliance / dpa)
Protest in den USA: So kann es nicht weitergehen! (picture alliance / dpa)

Sie möchten die Polizei abschaffen und die Wall Street gleich mit: In "Die Zukunft, die wir wollen" geben 17 US-Autoren teils radikale Antworten auf die drängendsten Probleme der USA. Patentrezepte liefern sie nicht, aber spannende Denkanstöße.

Sie möchten die Polizei abschaffen und die Wall Street gleich mit: In Sarah Leonard und Bhaskar Sunkaras Buch geben 17 US-Autoren teils radikalen Antworten auf die drängendsten Probleme der USA. Patentrezepte liefern sie nicht, aber spannende Denkanstöße.

Wir wissen nicht, was da noch kommt im US-Wahlkampf. Aber schon jetzt ist klar: Die Stimmung ist aufgeladen, aggressiv – und nicht gerade ermutigend. Und das gilt nicht nur für die Politik, sondern für die ganze Gesellschaft der USA.

In diese Zeit hinein veröffentlichen Sarah Leonard und Bhaskar Sunkara eine ziemlich aktuelle Textsammlung. Sie ist leitende Redakteurin des politischen Wochenmagazins "The Nation" und er Gründer der Zeitschrift "Jacobin"; beide leben in New York.

"Wie wir erreichen können, dass schwarze Leben endlich wirklich zählen", fragen sich beispielsweise die beiden Aktivisten Jesse A. Myerson und Mychal Denzel Smith. Zur Erinnerung: Die Ermordung von zwei Afroamerikanern durch die Polizei und die darauf folgende Tötung von fünf Polizisten durch einen schwarzen Heckenschützen liegen keine sechs Wochen zurück.

Ein Polizeiauto ist mit Blumen bedeckt nach den Morden an fünf Polizisten am 8.7.2016 in der US-Stadt Dallas. (DPA / EPA / ERIK S. LESSER)Ein Polizeiauto ist mit Blumen bedeckt nach den Morden an fünf Polizisten am 8.7.2016 in der US-Stadt Dallas. (DPA / EPA / ERIK S. LESSER)

Arbeitsverhältnisse immer prekärer

Insgesamt 17 Autorinnen und Autoren melden sich in diesem 200-Seiten-Buch zu Wort, dessen Stärke darin besteht, die Finger in sehr viele, sehr offene Wunden zu legen. In ein Bildungssystem, das viele Kinder aus sozial schwachen Schichten benachteiligt. In Arbeitsverhältnisse, die gerade für junge Leute immer prekärer und unsicherer werden. Vor allem aber in eine Diskriminierung, die immer wieder zwei große Gruppen trifft: Schwarze und Frauen.

Zugegeben: Der Vorwurf, die USA seien ein ungerechtes und geradezu gespaltenes Land, mag bekannt vorkommen. Doch gerade angesichts des medialen Dauerfeuers um und auf Donald Trump ist die Lektüre lohnenswert. Hier sprechen oftmals junge Anwältinnen und Anwälte, die sich für Gerechtigkeit einsetzen und sagen: So kann und so darf es nicht weitergehen. Wir müssen handeln.


Wem das zu platt klingt, der sollte sich fragen – egal ob in den USA, in Griechenland oder Deutschland –: Haben wir uns an viele Zustände, an die vielen Im-Stich-Gelassenen mittlerweile so sehr gewöhnt, dass wir uns gar nicht mehr aufregen?

Ein Amerika jenseits von Trump und Clinton

Sarah Leonard, Bhaskar Sunkara: "Die Zukunft, die wir wollen" (Europa Verlag)Sarah Leonard, Bhaskar Sunkara: "Die Zukunft, die wir wollen" (Europa Verlag)Allerdings – und das räumen die Autorinnen und Autoren selber ein – wirken manche ihrer Vorschläge dann doch etwas utopisch. Beispielsweise, wenn sie fordern, Washington möge den Bundesstaaten und Kommunen die Sozialkosten abnehmen, ja radikaler noch, am besten die Polizei oder die Wall Street abschaffen und Schlüsselindustrien verstaatlichen.

An anderen Stellen wiederum versuchen sie, Mythen zu begegnen, die im linken Spektrum verbreitet sind, etwas dass die Supermarktkette Walmart partout böser sei als der kleine Buchladen an der Ecke.

Nein, ihre radikalen Ideen für eine neue Zeit liefern keine Patentrezepte, eher interessante Denkanstöße. Sie sind unzufrieden mit einem Kapitalismus, der nicht gut funktioniert. Haben aber noch keine durchdachte Vorstellung von der politischen Alternative, auch wenn sie diese "Sozialismus" nennen.

Uns aber erinnern sie daran, dass es eben noch ein anderes Nordamerika gibt als jenes, das Donald Trump, aber auch Hillary Clinton derzeit vertreten. In diesem Sinne: Gerne mehr davon!

Sarah Leonard, Bhaskar Sunkara: Die Zukunft, die wir wollen. Radikale Ideen für eine neue Zeit
Europa Verlag, Berlin, München, Zürich, Wien 2016
208 Seiten, 16,99 Euro, auch als E-Book

Mehr zum Thema

Paul Mason: "Postkapitalismus" - Ist der Kapitalismus Geschichte?
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 13.05.2016)

Rassismus in den USA - Die Polizei und die Gewalt gegen Afroamerikaner
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 08.07.2016)

US-Wahlkampf - Künstler machen mobil - gegen Trump
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 08.08.2016)

Lesart

Jane Gardam: "Bell und Harry" Kein zuckriges Idyll
Cover von Jane Gardam "Bell und Harry", im Hintergrund ist der Yorkshire Dales National Park zu sehen (Hanser/picture alliance/robertharding/Collage: DLF Kultur)

Die britische Bestseller-Autorin Jane Gardam lässt in "Bell und Harry" Städter und Einheimische in einsamer Gegend aufeinander treffen. Da sind Konflikte vorprogrammiert. Ein Roman für alle, die raus aufs Land wollen – und sei es nur fürs Wochenende.Mehr

Sammelband "Böse Bücher" Bücher ohne Moral
Eine Szene aus "Max und Moritz" von Wilhelm Busch aus dem Jahr 1865; hier in der Ausstellung "Wilhelm Busch - populär und unbekannt" im Oktober 2010 im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover (picture alliance / dpa)

"Böse Bücher" verzichten auf eine Anleitung zum moralischen Urteil. Das sagen die beiden Medienwissenschaftler Markus Krajewski und Harun Maye. Ihr gleichnamiger Band sammelt Aufsätze zur Literaturgeschichte - von De Sades "120 Tagen von Sodom" bis zu Buschs "Max und Moritz".Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur