Sarah Jäger: "Die Nacht so groß wie wir"

    Fünf ziemlich beste Freunde

    05:30 Minuten
    Cover von Sarah Jäger "Die Nacht so groß wie wir"
    Sarah Jäger erzählt in ihrem zweiten Roman von einer eskalierten Abiturfeier. © rotfuchs Verlag
    Von Dina Netz · 14.09.2021
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    Für ihr Debüt wurde Sarah Jäger gelobt – weil sie ihre Figuren authentisch beschrieben hat und dadurch nahbar machte. Wie gut sie in die Seelen junger Menschen schauen kann, beweist auch ihr neuer Jugendroman, "Die Nacht so groß wie wir".
    "Das ist die letzte Nacht unserer Jugend, Leute", sagt Pavlow zu seinen Freunden, "diese Nacht muss was Besonderes werden." Das finden die anderen vier auch, denn es ist der Abend nach der Verleihung ihrer Abizeugnisse. Nur stellt sich heraus, dass Pavlow etwas viel Krasseres meint als nur, sich in schicken Klamotten gemeinsam zu besaufen.
    Fünf Stühle, fünf Freund*innen. So einfach war die Gleichung lange Zeit. Maja, Suse, Pavlow, Bo und Tolga sind eine Clique, hängen nach der Schule in ihrer Stammkneipe ab (auf den fünf immer selben Stühlen) und wissen alles voneinander. Denken sie.

    Die Nacht der Abiturfeier entgleist

    Doch die Nacht der Abiturfeier entgleist völlig. Zu lange haben sie größere oder kleinere Geheimnisse vor den anderen verschwiegen. Bevor das Erwachsenenleben starten kann, müssen sie erst einmal in ihre und die Abgründe der anderen blicken.
    Sarah Jäger beschreibt wie in einem klassischen Drama einen einzigen Tag, der (fast) alles verändert. Die fünf Freund*innen erzählen reihum ihre Erlebnisse und Sichtweisen der Dinge, sodass man sie nach und nach aus der Binnenperspektive kennenlernt.
    Außerdem berichten die jüngeren Ichs in kursiv gesetzten, eingeschobenen Passagen davon, wie die Clique sich früher zusammengefunden hat. Diese Rückblenden sind hilfreich zum Verständnis, denn auf den ersten Blick haben Maja, Suse, Pavlow, Bo und Tolga nicht allzu viele Gemeinsamkeiten.

    Abwesende Eltern, die kaum Rückhalt geben

    Ihre offensichtliche Gemeinsamkeit sind die geschiedenen, gestorbenen oder aus anderen Gründen abwesenden Eltern, die ihnen kaum Rückhalt gegeben haben - sie sind ohne Schutzraum ins Leben gestartet. Umso wichtiger ist die Clique für sie. Aber umso schwieriger ist es auch, sich den anderen wirklich zu öffnen.
    Sarah Jäger erzählt mit viel Empathie von fünf jungen Leuten, für die der Schritt ins erwachsene Leben groß ist und die sich der Herausforderung stellen. Dabei psychologisiert die Essener Autorin nie, sondern lässt die nötigen Hintergrundinformationen ganz beiläufig einfließen.

    Eine dramatische Coming-of-Age-Geschichte

    "Die Nacht so groß wie wir" ist eine ziemlich dramatische Coming-of-Age-Geschichte, aber sie liest sich nicht so. Und das liegt an Sarah Jägers Sprache. Die Dialoge sind authentisch, pointiert, (manchmal gnadenlos) witzig oder ironisch. Die Detailbeobachtungen sind haargenau und komisch. Wie zum Beispiel Suses Bemerkung, dass Maja auch noch ein verbogenes Brillengestell tragen wird, "wenn sie irgendwann mal unser Land regiert".
    Das, was die Kritik an ihrem Debüt "Nach vorn, nach Süden" so gelobt hat, löst Sarah Jäger auch in ihrem zweiten Jugendroman ein: Sie stellt ihre jugendlichen Hauptfiguren niemals bloß, sondern bleibt trotz all ihrer Macken ganz nah bei ihnen. Und wir Leser*innen mit ihr.

    Sarah Jäger: "Die Nacht so groß wie wir"
    Rowohlt Rotfuchs 2021
    192 Seiten, 18 Euro
    ab 14 Jahren

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