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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.06.2016

Sachbuch: "Top – Die neue Wissenschaft vom Lernen"Nur wer sich ständig pusht, wird richtig gut

Von Susanne Billig

Ein Mädchen am Klavier hört einem Jungen beim Saxofon-Spielen zu. (Aleksandr Pogotov / RIA Novosti)
Nur wer immer fleißig übt, wird es weit bringen, meint das Autorenduo Ericsson / Pool. (Aleksandr Pogotov / RIA Novosti)

Nicht die Hochbegabung, sondern Fleiß und Selbstkritik nähren den Erfolg. Das legen Anders Ericsson und Robert Pool in ihrem Sachbuch "Top" anschaulich dar. Das Leistungsideal, das sie dabei vor Augen haben, lässt einem allerdings den Atem stocken.

Was unterscheidet die ausdrucksstärksten, technisch versiertesten Geigenabsolventen einer Musikhochschule vom Mittelmaß? Ist es Musikalität, die Fingermuskulatur, mehr Intelligenz? Keineswegs, erklären K. Anders Ericsson und Robert Pool in ihrem Buch "Top – Die neue Wissenschaft vom Lernen": Der Unterschied zwischen langweilig und atemberaubend liegt in mehreren Tausend zusätzlichen Übungsstunden pro Jahr und einem besonderen Lernstil.

Aus Dutzenden von Studien, von denen im Buch anschaulich berichtet wird, konnte der Psychologieprofessor Anders Ericsson herausfiltern, was das "bewusste Lernen" der Spitzenleute vom bloßen Fußvolk unterscheidet. Ob Klavier, Schach, Golf oder Gedächtnisakrobatik – wer sich nicht ständig pusht und seine Leistungsgrenzen überschreitet, hat keine Chance.

Motivation und Konzentration sollen über Jahre stabil sein

Ein besonderer Trick besteht darin, Teilaspekte des Lernstoffs systematisch zu trainieren, um Fortschritte genau bemessen zu können. Am besten hilft dabei ein Lehrer, der den Lernenden ständig mit präzisem Feedback versorgt. Wer es in seinem Fach zu etwas bringen will, muss zudem über Jahre hinweg hoch motiviert und permanent konzentriert sein; Tagträume haben im Leben eines Spitzenleisters keinen Platz.

Wichtig sei auch, mit "mentalen Repräsentationen" zu arbeiten, betonen die Autoren: Hervorragende Musiker stellen sich genau vor, wie ein Stück in Perfektion einmal klingen wird, und üben ständig an der Schnittstelle zwischen Ist-Zustand und Ideal.

Das Buch ist kundig, unterhaltsam und abwechslungsreich geschrieben. Wer hört nicht gern von Mozarts verrückter musikalischer Kindheit oder der Freude des kleinen Tiger Woods, als ihm der erste winzige Golfschläger als Spielzeug in die Hand gedrückt wurde?

Es ist auch gut zu wissen, dass der Intelligenzquotient bei Elite-Schachspielern keine Rolle spielt und Ärzte mit den Berufsjahren ihr Niveau nur halten können, wenn sie sich fortbilden – nicht, indem sie Vorträge auf überfüllten Kongressen hören, sondern indem sie ihre täglichen OP-Handgriffe, Diagnosen und Patientengespräche persönlicher Kritik aussetzen und frisch trainieren.

Systematisches, lebenslanges Training

Doch spätestens wenn die Autoren Eltern feiern, die ihre dreijährigen Kinder rund um die Uhr mit Schachaufgaben traktieren oder wenn sie die "Top Gun School" preisen, die amerikanische Kampfpiloten während des Vietnamkriegs auf optimierte "Tötungen pro Einsatz" trimmte, wird die infame Begrenztheit ihres Denkens offensichtlich.

Das systematische, lebenslange Training von Spitzenleistungen sei die einzig sinnvolle Reaktion auf das heutige Tempo des technischen Fortschritts, predigen K. Anders Ericsson und Robert Pool. Aber stimmt das?

Vielleicht ist es ja angesichts der Zerstörungskräfte des Fortschritts sinnvoller, wenn Menschen mit Burnout und Verweigerung reagieren, um dem Zwang zu immer mehr Flexibilität und Multitasking ihren Protest entgegenzuhalten.

Und ganz bestimmt sind Kinder besser aufgehoben, wenn sie sich in Fantasie, Freiheit, Großzügigkeit und Lebensweisheit üben, anstatt irrwitzige Tempi auf dem Klavier zu pauken oder ihr Gehirn für mehr Tötungen pro Einsatz

klarzumachen.

K. Anders Ericsson / Robert Pool: Top – Die neue Wissenschaft vom Lernen
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gabriele Gockel, Barbara Steckhan und Claus Varrelmann
Pattloch Verlag, München 2016
384 Seiten,  19,99 Euro

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