Ruhige Hände statt unruhige Geister

Sebastian Hartmann, Intendant vom Schauspiel Leipzig, traut sich noch etwas. Doch er geht. © dpa / picture alliance / Daniel Naupold
Von Stefan Keim · 03.01.2013
Ein Stadtheaterintendant soll Regisseure fördern und durch Inszenierungen dem Haus Glanz verleihen. In Zeiten leerer Kassen wollen Kommunalpolitiker aber lieber einen Leiter sehen, der auch mit wenigen Haushaltsmitteln arbeiten kann. Der Mut für künstlerische Experimente geht vielen bei dieser Politik leider verloren..
"Ein großer Wegbereiter" – das war der Titel der Süddeutschen Zeitung, als 2010 der Theaterintendant Kurt Hübner starb. Das war bisher auch das heraus stechende Kriterium, um die Bedeutung von Theaterleitern historisch zu bewerten. Sie entdecken neue künstlerische Handschriften, fördern Regisseure und Autoren, die es zunächst beim Publikum nicht leicht haben, setzen sie durch, gestalten ästhetische und inhaltliche Entwicklungen mit. Vor allem von Intendanten, die nicht selbst Regie führen, gingen so einige wichtige künstlerische Impulse aus. Das gilt für Hübner wie für den jüngst verstorbenen Ivan Nagel, für Frank Baumbauer und Klaus Zehelein.

Pina Bausch wurde in ihrer Anfangszeit in Wuppertal vom Publikum heftig abgelehnt. Wenn sie keinen Intendanten wie Arno Wüstenhöfer an ihrer Seite gehabt hätte, der zu ihr stand, hätte es ihr Tanztheater in der heute legendären Form nie gegeben. Nun scheinen sich die Erwartungen an einen Intendanten zu verändern. In den nächsten Jahren stehen viele Führungswechsel an, und die Parole der Findungskommissionen scheint zu sein: Keine Experimente!

Kantige Künstlerpersönlichkeiten scheinen gerade kaum eine Chance zu haben. Das Paradebeispiel dafür ist das Schauspiel Leipzig. Dort hat Sebastian Hartmann ein leidenschaftliches, wildes Ensemble zusammen geholt und fährt nach einigen Turbulenzen nun die künstlerischen Früchte seiner Arbeit ein. Seine Bearbeitung von Tolstois "Krieg und Frieden" war deutschlandweit eine der herausragenden Aufführungen des vergangenen Jahres, eine gedankenpralle Auseinandersetzung mit dem philosophischen Gehalt dieses großen Textes.

Auch sonst spielt das Theater auf hohem Niveau. Aber weil ein Teil des Publikums die vorherrschende Ästhetik ablehnte, wurde Hartmann gefeuert, bevor er sich etablieren konnte. Sein Nachfolger Enrico Lübbe – den hier weder klein noch schlecht geredet werden soll – ist ein versierter Regisseur, dessen präzise Personenführung stets gelobt wird. Kein Visionär, ein Handwerker. Eben das ist die Tendenz, nach der gerade Intendanten ausgesucht werden. Die Politiker suchen Kapitäne, die mit ruhiger Hand die Theaterschiffe durch die schweren Stürme der Finanzkrise steuern. Leute, die auf Nummer sicher gehen. Denn viele Bühnen sind in ihrer Existenz gefährdet. Wenn eine künstlerische Leitung scheitert, wird manchmal kein Nachfolger gesucht, sondern gleich die Sparte abgeschafft. Wie es letztens in Bonn geschah, als das Publikum die Stücke Johann Kresniks nicht sehen wollte.

In Bonn muss der neue Intendant Bernhard Helmich ab nächstem Sommer mit einem um 3,5 Millionen Euro gekürzten Etat auskommen. Helmich hat in seiner letzten Station Chemnitz gelernt, mit dem Mangel auszukommen, jedes Gramm Fett am Apparat zu entfernen und dennoch ein spannendes Theater zu machen. Er traut sich zu, auch in Bonn keine gravierenden Einschnitte im Angebot vornehmen zu müssen. Ob ihm das gelingt, während der Bonner Oberbürgermeister am liebsten die Oper mit Köln fusionieren möchte und in der Kultur nur ans Sparen denkt, werden die nächsten Jahre zeigen. Helmich strahlt Seriosität aus, ist ein Kommunikator, weiß Menschen für sich einzunehmen. Das sind die wichtigsten Voraussetzungen, um als Intendant Erfolg zu haben. Ob – wie bei Helmich – auch ein künstlerisches Profil vorhanden ist, scheint eher Glückssache zu sein.

Der neue Darmstädter Theaterchef Karsten Wiegand ist auch studierter Betriebswirt. Das wird dem 40-jährigen Intendantendebütanten nicht geschadet haben. Leitungserfahrung hat er als Operndirektor in Weimar gesammelt. Nun muss Wiegand einen Neuaufbau leisten, denn in Darmstadt ist die Stimmung nach einem unsäglich blöden Streit zwischen Generalintendant und Generalmusikdirektor um die Besetzung von Rollen mit den jeweiligen Lebensgefährten vergiftet. Andererseits ist es kein Nachteil, wenn ein neues Team ein desolates Haus übernimmt. Denn es kann dann nur besser werden. Karin Beiers phänomenaler Erfolg in Köln wurde sicher auch vom Scheitern ihres Vorgängers begünstigt.

In Köln leitet nun seit einem halben Jahr Birgit Meyer die Geschicke der Oper ruhig und unauffällig, ebenfalls eine Frau der ruhigen Hand. Nach dem Rausschmiss Uwe Eric Laufenbergs gab es schon neue Reibereien mit dem nun ebenfalls verabschiedeten Kulturdezernenten Quander, aber auch mit ihrer Wahl wird deutlich: Ruhe ist die erste Intendantenpflicht. Denn Meyer mag große öffentliche Auftritte nicht und fühlte sich als Operndirektorin im Schatten Laufenbergs durchaus wohl. Ihr ehemaliger Chef wird übrigens 2014 das Staatstheater Wiesbaden übernehmen. Das ist ein Kontrapunkt zur Wahl eher unauffälliger Intendanten und auch ein klarer Kommentar zu den Kölner Ereignissen. Denn wenn die Hauptschuld für den Riesenskandal bei Laufenberg gelegen hätte, hätte ihm niemand direkt die Leitung der nächsten großen Bühne angetragen.

Besonders interessant verspricht die Wahl des neuen Schauspielintendanten in Wuppertal zu werden. Dort wird das Sprechensemble von 14 auf zehn Leute verkleinert, das Schauspielhaus aufgegeben und eine neue, kleinere Spielstätte in Kammerspielgröße neben dem Opernhaus eingerichtet. Das Musiktheater soll ab 2014 der Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka leiten, ein sympathischer Dirigent, der bisher nicht mit inhaltlichen Theaterkonzepten auffällig wurde. Die Beschlussvorlage der Verwaltung zeigt, was nun vom Sprechtheater erwartet wird: "Die noch große Zuschauergemeinde der 'Älteren' muss angesprochen werden. Das künstlerische Angebot hat dies angemessen zu berücksichtigen."

Als große Produktionen soll es nur noch "klassische, große Schauspiele und das Familienstück" geben. Also nicht mehr irritierende neue Dramatik wie jetzt noch bei Christian von Treskow. Im neuen kleinen Haus ist eine Auslastung von 75 Prozent "unbedingt anzustreben". Also keine Experimente! Diese Vorgaben machen es nicht gerade attraktiv, in Wuppertal Schauspielintendant zu werden. Aber hier äußert sich in ungeschminkter Unbedarftheit der Trend: Viele Theater – vor allem in mittleren Städten – kämpfen ums Überleben. Für Kunst ist da kaum noch Platz.

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