Ein Juwel an der Alster

Das Thalia Theater in Hamburg © picture alliance / dpa Foto: Markus C. Hurek
Von Verena Herb · 28.12.2012
Das Hamburger Thalia Theater wurde zwar schon 1834 gegründet, aber erst seit 100 Jahren hat es seinen Sitz am Gerhard-Hauptmann-Platz. Deshalb wird jetzt auch der 100. Geburtstag gefeiert. Das Theater, das sich in einer Riege mit dem Deutschen Theater Berlin und den Münchner Kammerspielen sieht, blickt auf eine ereignisreiche Geschichte zurück.
"Was für ein Mensch ist ihrer Meinung nach dieser Platonow? Platonow ist meiner Ansicht nach der beste Vertreter der heutigen Orientierungslosigkeit..."

Das Thalia Theater eröffnet die Spielzeit 2012/2013 mit Tschechows "Platonow". In der Inszenierung von Jan Bosse trifft sich die städtische Gesellschaft auf dem platten Land. In einem Campingwagen isst man zusammen: Unglücklich Verheiratete, alkoholgeschwängerte Verliebte und die, die kurz vor der Pleite stehen.

"Ich leide unter Scham, Scheu ,Gewissensbissen, Angst, Trauer, Scham, Angst, Trauer..."

Als sich am 31. August 1912 auf der Bühne des Thalia Theaters im neuen Gebäude am Gerhard-Hauptmann-Platz der Vorhang öffnete, zeigte der damalige Regisseur Leopold Jeßner mehrere Einakter: Zunächst Goethes "Schäferspiel" gefolgt von Paul Heyses lustigem Stück "Unter Brüdern" und dem "Kammersänger" von Frank Wedekind.

Hier zu hören: Will Quadflieg. Wie so viele große Schauspieler fand er den Weg auf die Hamburger Bühne. Seit hundert Jahren "wohnt" das Thalia Theater am Gerhard-Hauptmann-Platz. Gegründet wurde es bereits 1843 von Cheri Maurice.

Joachim Lux: "Es ist gegründet worden – interessant für heute – als Privattheater. Was auch interessant ist für heute: Man hat das Thalia Theater 1912 gegenüber seinem alten Standort neu gebaut. Wie kann man so blöd nur sein..."

Neu gebaut deshalb, weil sich die "neuen Medien" – in jener Zeit eben die Theater, wachsender Beliebtheit erfreuten. Es musste mehr Platz her. Und so wurde ein größeres Theater am Gerhard-Hauptmann-Platz gebaut. Dramen wollte man von Cheri Maurice nicht haben. Darum benannte er sein Haus nach der griechischen Muse der Komödiendichtung: Thalia. In den Anfängen durchaus als "Lustspielhaus" etabliert, entwickelte sich mit der Zeit auch das ernste Fach. Das Jahr 1912 – so Joachim Lux – brachte nicht nur ein neues Gebäude sondern auch eine inhaltliche Zäsur:

Lux: "Da begann im Grunde genommen mit zarten Anfängen das, was man heute das Regietheater nennt. Es gab einen Regisseur namens Sellner, der da schon mit Konzepten und so gearbeitet hat..."

Im zweiten Weltkrieg wurde das Haus zerstört, Ende der fünfziger Jahre renoviert und im Dezember 1960 wieder eröffnet. Die Intendanten jener Jahre: Willy Maertens, dann Kurt Raeck. Das Theater bediente weiterhin das Heitere, das Lustspiel.

Lux: "Nach dem Krieg hat man hier schon auch die Moderne gespielt. Aber so richtig den Bruch mit dieser Vergangenheit hat ausgerechnet der gemacht, dem man es gar nicht zutraut. Nämlich Boy Gobert."

Katharina Matz, von 1960 bis 2010, also ganze 50 Jahre festes Mitglied im Ensemble des Thalia Theaters, erzählte im NDR von Goberts Start 1969:

Katharina Matz: "Als es um die Nachfolge von Professor Raeck ging, und er war ein Kandidat: Wir haben uns wahnsinnig gefreut, dass er das Theater übernommen hat. Ich weiß noch, dass ich ihm ein Telegramm geschickt hab: Hurra, ein Boy!"

Joachim Lux: "Boy Gobert hat als erster diese ganz bösen schlimmen jungen Regiecracks geholt. Wie zum Beispiel Peter Zadek oder Hans Neuenfels. Was man nie mit ihm in Verbindung bringen würde. Aber er war der erste, der das getan hat."

Und er holte Jürgen Flimm als Regisseur ans Haus – der dann, 1985, auch Intendant des Thalia Theaters wird – und es 15 Jahre leitet. Flimm begibt sich mit Regisseuren wie Jürgen Gosch, Ruth Berghaus, Thomas Langhoff und George Tabori auf einen neuen Weg. Die Musicals von Robert Wilson sind Legende:

Jürgen Flimm: "Besonders stolz sind wir ja darauf, dass wir diese Musicals mit dem Wilson gemacht haben. Die immer am Anfang auf Plus minus Null, da gibt’s ja gar nichts. Und das waren so die ersten ganz großen Projekte die da am deutschen Stadttheater gemacht wurden. Die wurden hier gemacht. Das wird immer wieder vergessen. Und das hat nur dieses Theater mit seiner hohen Identitätskraft hat das eigentlich."

Fortan ist das Theater in verschiedenen Ausprägungen – je nach Zeitläufen, Generationen und Geschmack natürlich auch immer deutlicher ein Regietheater. Das war in der langen Intendanz von Jürgen Flimm so. Das war auch in der neunjährigen Intendanz von Ulrich Khuon so.

Will Quadflieg: "Ihr wisst, auf unseren deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag."

Khoun eröffnet in seiner ersten Spielzeit einen zweiten Spielort: Das Thalia in der Gaußstraße. Stephan Kimmig, Michael Thalheimer, Armin Petras – starke Regisseure. Khuon selbst inszenierte nie – das überließ er anderen:

Ulrich Khuon: "Ich halte mich schon für einen künstlerisch prägenden Intendanten. Der allerdings Management-Tugenden hat oder haben sollte."

Gerade in Zeiten knapper Kassen – für die Kultur von jeher. Auch Joachim Lux, seit 2009 Intendant am Hamburger Thalia, kennt das. Sparspielzeiten – die gibt es eben. Lux musste das Ensemble von 40 auf 33 Schauspieler verkleinern. Die spielen 700 Vorstellungen für 250 Zuschauer pro Abend, wenn ausverkauft ist. Außerdem gastieren die Thalianer in Shanghai, St. Petersburg, Moskau, Avignon und am Wiener Burgtheater. Alles große Herausforderungen: Physisch, psychisch, finanziell. Lux will das Juwel, das man ihm anvertraut hat schützen, so sagt er. Bewahren und für die Zukunft fit machen.

Lux:"Fit machen für die Zukunft, das heißt, mich auf die Internationalisierung der Gesellschaft einzustellen. Auch Internationalisierung unserer Stadtgesellschaften. Dass man nicht nur für das deutsche Bürgertum, sondern auch für andere Menschen Theater spielt."

Von jeher und immerfort glänzt das Thalia mit kreativen Regisseuren und wunderbaren Schauspielern wie der 2003 verstorbene Will Quadflieg.

Quadflieg als Faust: "Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten. Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?"

Platonow: "Ich leide unter Scham. Scheu. Gewissensbissen. Angst. Trauer. Scham. Angst. Trauer."

Joachim Lux hat vor kurzem seinen Vertrag bis 2019 verlängert. Das Thalia sei in der Stadtgesellschaft angekommen, sagt der Intendant. Er ist überzeugt: Sein Theater ist – neben dem Deutschen Theater in Berlin und den Münchner Kammerspielen – eines der herausragenden Theater in Deutschland.

Lux: "Also, es ist wirklich in der Spitze – man kann auch sagen Europacup. Oder Bundesliga. Da isses eigentlich seit vielen Jahren kontinuierlich. Das war bei Flimm schon so, das war auch bei Khuon so. Und ich mag das natürlich nicht so gerne über mich selbst sagen oder über uns jetzt hier selbst sagen. Aber das ist auch jetzt so."


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