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Tonart | Beitrag vom 07.11.2018

Rosanne Cash: "She Remembers Everything" Gefährlich und verlockend

Von Harald Mönkedieck

Rosanne Cash trägt grüne Kleidung, rote Haare und eine Gitarre (Shore Fire Media)
Die US-Songwriterin Rosanne Cash: "Es klingt wie eine Drohung, aber auch verführerisch." (Shore Fire Media)

Rosanne Cash gehört nach 40 Karrierejahren zu den führenden Songwriterinnen der amerikanischen Rootsmusik. Wir haben sie in New York getroffen. Dort erklärte sie uns, was sie mit dem Titel ihres neuen Albums "She Remembers Everything" meint.

Rosanne Cash liebt nicht nur Worte und Musik, sie liebt auch Literarisches. Sie schreibt Essays für renommierte Medien wie die New York Times, veröffentlichte mit "Composed" 2010 ein bewegendes Erinnerungsbuch.

"Auf eine dunkle Art feminin"

Rosanne strebt nach Vielschichtigkeit und nach mehreren Bedeutungsebenen auch in ihren Songs. "She Remembers Everything" - für die Autorin liegt im Titel ihres neuen Albums Gefährliches und Verlockendes:

"Es klingt wie eine Drohung, aber auch verführerisch. Wenn Du jemanden liebst und sagst ihm 'Ich erinnere mich an alles von Dir…'. Oder als Drohung: 'Sei vorsichtig, ich erinnere mich an alles'. Das ist sehr weiblich. Es ist auf eine dunkle Art feminin. Mehr als alles, was ich bislang gemacht habe."

Loblied auf die Langzeitbeziehung

Auch Rosanne Cash trug einen pinken "pussy hat" beim New Yorker Marsch der Frauen 2017. Das Album-Cover zeigt sie vor roten Blütenblättern. Ein Dolch schwebt von oben in ihre Hände. Die politischen Entwicklungen der letzten Jahre in den USA haben Spuren hinterlassen. Sie fließen subtil ein in neue Songs aus fortgeschrittener Lebensperspektive.

"Es gibt zwei übergeordnete Themen auf dem Album. Zum einen das Leben in einer Langzeitbeziehung - mit all der Liebe, den Verlusten, dem Bedauern. Wie man sich gegenseitig transformiert in der Gewissheit, dass einer von beiden den anderen irgendwann verlassen wird. Das ist nun mal so - und es ist so traurig. Aber was soll man tun - außer es anzunehmen. Jeden Tag damit zu leben. Wenn man das schafft, dann wird eine Beziehung noch besser. Zärtlicher, liebevoller und wertvoller."

Jenseits "männlicher Vorstellungen von Normalität"

Den Song "Not Many Miles To Go" schrieb Rosanne Cash für ihren Mann, den New Yorker Musiker und Produzenten John Leventhal. Beide arbeiten schon lange zusammen. Ein weiblicher Blick auf das Leben und die Geschlechterverhältnisse ist für das neue Album zentral.

"Der andere Faden des Albums liegt in der Geschichte von Frauen allgemein. Ungefiltert durch die Perspektive von Männern. Ohne das Streben, sich an eine männliche Vorstellung von Normalität anzupassen. Ohne den männlichen Blick auf die Welt, den männlichen Verstand. Es gibt viel Wahn, Zorn und Trauma auf diesem Album. Ich denke, Frauen sollten sich ihre eigene Geschichte zurückholen und sich nicht einfach nur in die männliche Version fügen. Denn Teil davon ist es, gesagt zu bekommen, Ruhe zu geben, still zu sein. Die eigene Geschichte für sich zu behalten, nicht in Gänze zu erzählen. Sie zu ignorieren, statt zu würdigen. Die Kavanaugh-Anhörung war das beste Beispiel dafür."

Sie wollte etwas Neues wagen

Rosanne Cash geht es um weibliche Deutungshoheit. Sie ist dabei keine militante Feministin. Seit den 90er-Jahren produzierte sie ihre Musik unter Federführung ihres Mannes, einem der stillen Meistermusiker der US-Szene, als Produzent jedoch ein Künstler mit Hang zur Dominanz. Rosanne wollte nach dem Erfolg ihrer im ehelichen Team entstandenen Konzeptalben "Black Cadillac", "The List" und "The River And The Thread" etwas Neues wagen und setzte sich mit dem Produzenten Tucker Martine aus Portland, Oregon, in Verbindung. Er betreute die Hälfte des neuen Albums.

"Er erlaubte uns allen, uns zu öffnen und zu forschen. Er leitete uns an, und wir bohrten, weiter und weiter, bis wir etwas fanden. Mir kamen dabei mehr als nur einmal die Tränen. Ich fühlte mich glücklich, so inspiriert zu sein, nach all den Jahren. Und ich war dann auch neu inspiriert für die Arbeit mit John."

Eine intensive Stimme der Empathie

Und John Leventhal sorgte dann auch mit seiner Musik für weitere Highlights. Zentral dabei die hymnische Ballade "Everyone But Me". Rosanne Cash profiliert sich mit "She Remembers Everything" nicht nur damit erneut als eine intensive amerikanische Stimme der Empathie, getrieben von einem ominösen inneren Unbehagen.

"'Everyone But Me' ist das schlagende Herz des Albums. Textlich und emotional geht alles von diesem Song aus. Zunächst gibt es darin das Trauma eines Kindes. Doch wenn die Eltern dann gehen, liegt es an Dir. Was behältst Du von ihnen, was lässt Du gehen? Welcher Schaden wirkt weiter in Deinem Leben und wo übernimmst Du selbst die Regie? All diese Dinge gehen von diesem Song aus."
Online-Bonus: Auf Youtube können Sie das Album in voller Länge hören:
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