Seit 18:05 Uhr Feature

Samstag, 19.10.2019
 
Seit 18:05 Uhr Feature

Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.07.2014

RomanDanteske Höllenfahrt

Sandro Veronesi: "Die Berührten"

Von Ursula März

Podcast abonnieren
Sandro Veronesi, Schriftsteller, aufgenommen hinter einer schnutzigen Glasscheibe. (picture alliance / dpa / Claudio Onorati)
Sandro Veronesi, Schriftsteller. (picture alliance / dpa / Claudio Onorati)

Einen depressiven Antihelden wählt Sandro Veronesi als Hauptfigur seines Romans. Dieser Mann taumelt durch das Rom der 80er-Jahre. Es geht um Exzesse, die es schon zu Zeiten spätrömischer Dekadenz gab.

Sandro Veronesi, Jahrgang 1959 und einer der renommiertesten Gegenwartsschriftsteller Italiens, kommt schnell zur Sache. Schon auf der ersten Seite seines Romans "Die Berührten" macht er dem Leser klar, dass es auf den folgenden 384 Seiten recht drastisch zugehen wird und der Romanheld einige jener Attribute versammelt, die einen dekadenten, depressiven Antihelden auszeichnen. Er heißt Méte, ist zwischen 20 und 30, von Beruf Grafologe und wacht an einem Morgen in seiner römischen Wohnung vom Gestank des Hundekots auf, der an seinen Schuhsohlen klebt. Mit den braun verschmierten Schuhen ist er samt Bekleidung irgendwann in der Nacht ins Bett gefallen. Wie und wann er das Bett erreichte, in welchen Bars, auf welchen Partys er sich zuvor aufhielt, wo er sich betrank, mit wem er eventuell Sex hatte, das alles weiß Méte nicht. Denn im Kopf des von den Füßen her stinkenden Mannes herrscht Totalausfall. Méte hat einen Filmriss.

Kokain und Aids

Schlimmer kann ein Tag wohl nicht beginnen. Ein Roman aber, der mit einer solchen Szene beginnt, verspricht eine danteske Höllenfahrt. Sie spielt in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, der Dekade des exzessiven Vergnügens, in dem Kokain zur Modedroge aufstieg, eine neue Infektionskrankheit namens Aids Schrecken verbreitete und das Dolce Vita großstädtischer Bürgerkinder den Charakter taumelnder und hysterischer Lebensgier annahm. Man kann in Méte einen Nachfahren des Journalisten Marcello sehen, der in Federico Fellinis berühmtem Film "La dolce vita" durch die Nachtbars, Cafes und Partys Roms streift, orientierungslos auf der Suche nach einem Lebenssinn, von dem er nicht einmal weiß, worin er bestünde. Es sind die gleichen Orte, die gleichen Straßen der römischen Innenstadt, in denen sich Sandro Veronesis literarischer Antiheld herumtreibt, es ist der gleiche Topos römischer Dekadenz, auf dem die Geschichte des Romans beruht. Aber das Wesen dieser Dekadenz hat sich in der Zeit zwischen den fünfziger und den achtziger Jahren verändert, die Stimmung melancholischer Nonchalance verbraucht.

Quälende Geschwisterliebe

Stattdessen grundieren destruktive Getriebenheit und amoralische Besessenheit die Erzählstimmung und die Erzählhandlung. Als Méte die Wohnung seiner großbürgerlichen Eltern hütet, während diese auf Reisen sind, verfällt er seiner minderjährigen Halbschwester Belinda, die von den Eltern zurückgelassen wurde. Eine verführerische Lolita, die es auskostet, dem angeschlagenen Bruder auf seinem Weg in den endgültigen Ruin zuzusehen. Mehr und mehr konzentriert sich Sandro Veronesis bereits 1990 im italienischen Original veröffentlichter, erst jetzt ins Deutsche übersetzter Roman "Die Berührten" in der zweiten Hälfte auf die Inzestgeschichte und auf Métes quälenden Konflikt zwischen Verlockung und Verbot. Dieser Konflikt aber, der in der modernen Literatur keinen Seltenheitswert genießt, engt das Sittenbild des späten 20. Jahrhunderts, das Veronesi in der ersten Romanhälfte so rasant wie exzentrisch entwirft, auf ein etwas konventionelles Motiv ein. Für die Exzesse, die in den achtziger Jahren in Mode kamen, ist die Geschwisterliebe keineswegs repräsentativ. Es gab sie schon zu Zeiten spätrömischer Dekadenz.

 

Sandro Veronesi: Die Berührten
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2014
384 Seiten, 21, 95 Euro

Mehr zum Thema:

"La Grande Bellezza - Die große Schönheit": Eine Liebeserklärung an Rom (Deutschlandradio Kultur, Filme der Woche, 24.07.2013)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur