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Lesart | Beitrag vom 26.11.2018

Roman-Autor Frédéric Beigbeder über "Endlos leben""Wir sind die letzte Generation, die sterblich ist"

Von Dirk Fuhrig

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Der französische Autor Frédéric Beigbeder, aufgenommen im September 2018 beim Literaturfestival im kroatischen Zagreb (imago stock&people)
Im Laufe der Recherche für "Endlos Leben" traf Frédéric Beigbeder sich auch mit den sogenannten Transhumanisten. (imago stock&people)

Frédéric Beigbeder schrieb über die Werbebranche, die er von innen kannte. Dann machte er Fernsehkarriere, wurde Chef eines Herrenmagazins. Sein Roman „Endlos leben“ ist nun eine Art Aussteiger-Buch über späte Vaterfreuden und das Glück auf dem Land.

Wir sitzen draußen. Es ist kühl, aber die Herbstsonne scheint.

"Wir haben noch ein paar Jahre, um wieder zu Menschen zu werden, die nicht mit Computern vernetzt sind, sondern mit Bäumen und Büchern."

Frédéric Beigbeder hat sein Leben am Schreibtisch verbracht: in einer Werbeagentur, im Chefzimmer eine Zeitschrift – oder im Fernsehstudio. Doch jetzt atmet er die kühle Luft tief ein und genießt die letzten Sonnenstrahlen.

"Wenn man mit über 50 Vater wird, merkt man plötzlich, dass man darüber nachdenken muss, wie man sein Dasein verlängert."

Ein Mann in der Midlife-Crisis – könnte man annehmen. Die einen kaufen sich einen Porsche, Frédéric Beigbeder hat sich ein Haus auf dem Land zugelegt, ganz im Süden, an der spanischen Grenze, am Meer. Dort lebt er mit seiner jungen Frau und seiner kleinen Tochter.

"Wichtiger ist es, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Und natürlich auch das Schreiben. Der Protagonist in meinem Buch findet durch die Literatur so etwas wie die Erlösung."

Im Haus auf dem Land widmet der sich dem Verfassen erfolgreicher Romane:

"Ich lerne gerne neue Dinge beim Schreiben. Und so wollte ich herausfinden, ob man den Tod überwinden kann. Bei vielen Wissenschaftlern ist diese Utopie derzeit ein großes Thema. Die Antwort steckt im Buch."

Beigbeder recherchierte bei Transhumanisten und Gentechnikern 

"Endlos leben" heißt es und handelt von nichts Geringerem als der Unsterblichkeit – drunter macht’s der geniale Selbstvermarkter nicht.

"Ich wollte eine zeitgenössische Variante der Suche nach der Unsterblichkeit schreiben. Seit es Literatur gibt, ist das ein Thema: Gilgamesch, Dorian Gray, Dracula, Faust. Aber heute gibt es Entwicklungen in der Technik, die es möglich erscheinen lassen, dass dieser ewige Traum Realität werden könnte."

Beigbeder hat eine Recherche-Reise durch Jungbrunnen-Kliniken und Labors von Medizinern und Gentechnikern gemacht, er war in Kärnten, Israel, Boston und Kalifornien.

"Im Laufe meiner Recherche habe ich diese Sekte der Transhumanisten kennengelernt, von denen sich soziale Netzwerke und die Chefs der Technologieunternehmen enorm beeinflussen lassen. Google gibt Milliarden dafür aus, das Problem des Sterbens zu erforschen. Aber auch Facebook, Elon Musk von Tesla oder Jeff Bezos von Amazon."

Hören und lesen Sie hier die Rezension von Frédéric Beigbeders "Endlos leben":
Im Vordergrund das Cover zu Frédéric Beigbeders Buch: "Endlos Leben" - im Hintergrund: Schläuche in denen Erythrozytenkonzentrat, eine aus roten Blutzellen (Erythrozyten) bestehende "Blutkonserve", fließt. (Cover: Piper / Hintergrund: Christian Charisius / dpa / picture alliance)Frédéric Beigbeder: "Endlos Leben" (Cover: Piper / Hintergrund: Christian Charisius / dpa / picture alliance)

Im Silicon Valley forscht man nicht nur an smarteren Telefonen, sondern auch am smarteren Menschen:

"Die Digitalkonzerne haben es geschafft, uns dazu zu bringen, den ganzen Tag eine Maschine mit uns herumzutragen, ein Mobiltelefon, mit dessen Hilfe wir ständig weiter digitalisiert werden. Der nächste Schritt zur Unsterblichkeit ist die Kartographierung unseres Gehirns, so dass es anschließend auf einen Computer downgeloadet werden kann. Diese Leute leben in einer Art Orwellschem Traum: Spionage, Big Data – sie wollen die geheimsten Gärten unseres Denkens an die Werbung verkaufen."

Frédéric Beigbeder rückt seine dunkle Sonnenbrille zurecht. Er ist Jahrgang 1965, also gerade 53 geworden. Der Sohn aus gutem Hause war jahrelang Chefredakteur des hochglänzenden Herrenmagazins "Lui". Und er ist immer noch Mitglied der Jury des Prix Renaudot, einem der wichtigsten Literaturpreise.  

"Wir sind die letzte sterbliche Generation"

Wie endgültig seine Abwendung vom Pariser Medienbetrieb und sein Rückzug aufs Land sind – man wird sehen. Seinen ironischen Ton hat er – sowohl im Buch als auch im Interview – jedenfalls noch nicht aufgegeben.

"Man muss durchhalten bis zum Jahr 2040 oder 2050. Wenn man es bis dahin schafft, kann man vielleicht 300 Jahre alt werden. Wir sollten heute Abend also nicht so viel Scheiß machen – bisschen durchhalten. Es ist wirklich schade, dass wir zu einer Generation zählen, die das wahrscheinlich gerade verpasst. Wir sind die letzte Generation, die sterblich ist. Das ist total frustrierend."

Sagt’s, blinzelt in die letzten Sonnenstrahlen – und erklärt das Interview für beendet.

Genug geredet. Er will jetzt schnell zurück in seine Landidylle. Das Leben ist mehr als die Medienöffentlichkeit – bis zuletzt perfekt inszeniert er sich selbst, dieser Frédéric Beigbeder.

Frédéric Beigbeder: "Endlos leben"
Aus dem Französischen von Julia Schoch
Piper, München 2018
352 Seiten, 22 Euro

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