Barrierefreiheit in der Stadt

Hanauerin baut bunte Rampen aus Legosteinen

08:18 Minuten
Die Lego-Oma Rita Ebel aus Hanau sitzt in ihrer Küche, neben ihr eine Rollstuhlrampen aus Legosteinen.
Die Lego-Oma Rita Ebel aus Hanau sitzt in ihrer Küche, neben ihr eine Rollstuhlrampen aus Legosteinen. © Simon Berninger
Von Simon Berninger · 03.05.2022
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Inklusion werde zu wenig gelebt, sagt Rita Ebel aus Hanau. Sie sitzt seit 27 Jahren im Rollstuhl. Will sie in Geschäfte oder öffentliche Einrichtungen, braucht sie Hilfe. Dann ist sie selbst aktiv geworden – mit Legosteinen.
Rita Ebel weiß genau, wohin sie will: „Ich bin hier öfter in Hanau unterwegs und fahre immer mal so meine Rampen ab, gucken, ob alles in Ordnung ist.“ Vor einem Fruchtgummiladen macht die 64-Jährige Halt. Lange Zeit konnte sie dort nicht ohne Hilfe hinein, denn Rita Ebel sitzt im Rollstuhl: „Und die Stufe ist halt hoch.“
Auch für die Ladeninhaberin war die Situation lange schwierig. Sie sei immer rausgegangen und habe die Menschen gefragt, ob sie behilflich sein kann. Auch Rita Ebel kommt so mit der Verkäuferin ins Gespräch. „Dann habe ich gesagt, wenn Sie hier eine Rampe hätten, wäre es überhaupt kein Problem, dann könnte ich auch alleine reinkommen.“ Daraufhin erwidert die Inhaberin des Fruchtgummiladens, sie müsse unbedingt mit der Frau Kontakt aufnehmen, die Lego-Rampen baut. „Und dann habe ich gesagt: Hallo, ich bin es“, erinnert sich Rita Ebel.

Rampen in Hanau, Turin und Paris

Rita Ebel ist die Lego-Oma. So nennt sie sich selbst. Vor dem Fruchtgummiladen in Hanau sieht man, warum: Die Türschwelle hinauf führen inzwischen zwei Rampen aus Lego-Steinen, die die Hanauerin für das Geschäft gebaut hat. An bereits zehn Orten in ihrer hessischen Heimatstadt hat Rita Ebel sich und anderen Rollstuhlfahrern den Zugang ermöglicht. Ihre Eigenkreationen aus dem heimischen Wohnzimmer haben es aber schon viel weiter geschafft: Fuerteventura, Turin, Paris.

Wenn man selbst im Rollstuhl sitzt, spürt man stündlich, wo es irgendwo hapert. Und natürlich spricht man viel über Inklusion, aber man lebt sie so wenig.

Rita Ebels Tochter Melanie war von Anfang dabei - nicht nur, als der erste Lego-Stein gesetzt wurde: „Ich kam damals an die Unfallstelle dazu, ich habe sozusagen von Tag X an Mamas Werdegang in diesem Stuhl erlebt und das mit ganz vielen positiven Dingen, aber auch mit ganz viel Negativem und mit ganz viel Leid. Aber ich kenne halt auch meine Mutter, die ist halt stets voran.“
Rita Ebel sitzt seit einem Autounfall vor 27 Jahren im Rollstuhl. Sie ist querschnittsgelähmt, der erste Lendenwirbel ist verschoben, ihr Rückenmark verletzt. „Wenn man selbst im Rollstuhl sitzt, spürt man stündlich, wo es irgendwo hapert. Und natürlich spricht man viel über Inklusion, aber man lebt sie so wenig.“

Bunte Steine für mehr Aufmerksamkeit

Mit ihren bunten Lego-Rampen will sie für mehr Inklusion sorgen. „Ich denke, selbst wenn eine Rampe irgendwo liegt aus Holz oder Alu, was genauso wichtig ist, an denen geht man vorbei. Aber an denen bunten Lego-Rampen geht einfach niemand vorbei, und dann fand ich das persönlich einfach mit so einer freundlichen, lustigen, fröhlichen, bunten Art viel schöner, auf diese Barrieren aufmerksam zu machen als dass ich mich hinstelle mit einem Schild: „Für uns wird nichts getan!“

Idee aus Bielefeld

Die Idee kam nicht von ihr, da macht Rita Ebel gar keinen Hehl draus. In einer Zeitschrift las sie vor gut drei Jahren einen Bericht über eine Frau aus Bielefeld, die Lego-Rampen in kleinerem Umfang gebaut hat. Rita Ebel und ihre Tochter besorgen sich die Bauanleitung, entwickeln sie weiter. Die Enkelin fängt an, auf Instagram über ihre Lego-Oma zu berichten. „Und dann ist der Instagram-Account explodiert“, erzählt Melanie Ebel. Verschiedene Medien zeigten Interesse.
Damit hat Rita Ebel nicht gerechnet.

Was ich damals überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, dass sich Menschen auf einmal Gedanken über Barrierefreiheit oder Stufen gemacht haben, die sie vorher gar nicht registriert haben. Und dann denke ich, das kann eigentlich gar kein falscher Weg sein.

Projekt lebt von Legospenden

Die Aufmerksamkeit ist für Rita Ebel und ihre Lego-Rampen eine gute Sache. Denn Rita Ebel baut unentgeltlich. Dafür braucht sie ausreichend Legosteine per Spenden. Und weil die Lego-Oma mit genau diesem Namen inzwischen auch selbst auf Instagram aktiv ist, beteiligen sich auch entsprechend viele Menschen mit einer Legospende.
Einige schicken ganze Umzugskartons, andere nur ein paar Steine. Und weil es immer wieder Menschen gibt, die sich beteiligen wollen, aber keine Lego-Steine aus Kindertagen mehr haben, arbeitet die Lego-Oma mit ihrem neuköpfigen Team aus Familie und Freunden heute in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt. So können auch Geldspenden angenommen und Spendenquittungen ausgestellt werden. Trotzdem werden damit keine neuen Lego-Steine gekauft, sondern Klebstoff, mit denen die Steine zur Rampe verklebt werden müssen.

Zwölf Kilo Steine

„Der Grundsatz ist, dass es ums Massive, geht, dass sie über die Rampe auch mit dem Elektrorollstuhl drüberfahren kann“, erklärt Rita Ebel. Und Tochter Melanie ergänzt, die Rampe sei wie eine flache Treppe aufgebaut: „Es sind schon Stufen, aber die Stufen sind so gering vom Höhenunterschied, dass der Reifen ganz ruhig darüber rollen kann.“
Der flachste Legostein ist gerade mal einen Zentimeter höher als ein Zwei-Euro-Stück. Im inneren Teil der Rampe baut Rita Ebel mit größeren Steinen, damit es schneller geht. „Deshalb haben wir irgendwann angefangen zu wiegen, damit wir etwa sagen können, wie viel Kilo an Steinen drinnen sind.“ Zwölf Kilo wiegen die letzten beiden Rampen, die sie fertiggestellt hat.

Anleitung zum Nachbauen

Damit hat die Lego-Oma nun schon 75 Orte für Menschen mit Gehbehinderung zugänglich gemacht – an Geschäften und öffentlichen Plätzen. Anfragen von Privatleuten muss sie schweren Herzens ausschlagen: „Ich krieg auch oft Fragen, dass der Opa mit dem Rollstuhl nicht mehr auf die Terrasse kommt, ob ich da nicht was bauen kann. Und das tut mir unwahrscheinlich leid, dass ich dem Opa dann nicht helfen kann. Aber wenn ich jetzt noch alle Privatpersonen bebauen wollte - das schaffe ich nicht. Und das Schlimme ist, dass die Krankenkasse sagt, das ist nicht unser Ding, das kann von der Kasse nicht bezahlt werden.“
Insofern ist der Lego-Oma sehr bewusst, dass auch ihr Engagement letztlich nur ein kleiner Beitrag für mehr Barrierefreiheit sein kann. Aber wer will, dem stellt sie ihre Bauanleitung für die Lego-Rampen kostenlos zur Verfügung - zum Nachbauen für zu Hause.

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