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Lesart | Beitrag vom 06.06.2020

Robert Pfaller: „Die blitzenden Waffen“ Die Macht der klugen Inszenierung

Von Martin Tschechne

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Auf dem Buchcover zu Robert Pfallers "Die blitzenden Waffen" ist die rote Front eines alten Alfa Romeos zu sehen. (Fischerverlage / Deutschlandradio)
Die Sehnsucht nach der Rückkehr zur Form: Mehr als nur nostalgische Träumerei, sagt Martin Tschechne über Robert Pfallers neues Buch. (Fischerverlage / Deutschlandradio)

Ein guter Ausdruck ist mehr als eine bloße Äußerlichkeit: Wer sich auszudrücken weiß, gewinnt Freunde und Diskussionen. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller hat ein unterhaltsames Buch über die Macht der Form geschrieben.

Warum Rabinowitsch die Sowjetunion verlassen will? Nun, antwortet der Antragsteller auf dem Amt, er habe zwei Gründe. Erstens fürchte er, das System könnte eines Tages zusammenbrechen – und dann müssten sicher wieder die Juden als Sündenböcke herhalten… "Unsinn!", unterbricht ihn da der Beamte. Die ruhmreiche Sowjetunion werde ewig bestehen. Und Rabinowitsch: "Sehen Sie, genau das wäre dann der zweite Grund."

Robert Pfaller hat diese Geschichte bei Slavoj Žižek gelesen. Den bewundert er: ein Philosoph, der sich nicht scheut, Witze zu machen, um etwa zu illustrieren, wie Form und Bedeutung einer Mitteilung ganz unauffällig nebeneinander her laufen. Bis einer kommt und eine der beiden Dimensionen nur mal kurz antippt. Dann werden sie sichtbar. Dann kann es lustig werden.

Vor allem aber gibt sich Struktur zu erkennen, Absicht, Wirkung, Strategie. Genau darum geht es in diesem Buch: um das, was Sprache und Kommunikation quasi nebenbei schaffen. Und was doch im zivilisierten Umgang erstaunliche Macht entfaltet: die Macht der Form.

Spaziergang durch die Ideengeschichte

Pfaller zitiert viele solcher Geschichten und Sentenzen: von Aristoteles über Kant bis "Sex and the City". Dazu Marshall McLuhan, Montaigne, Sigmund Freud – streng genommen ist dieser ganze Essay ein einziger Spaziergang durch die Ideengeschichte. Sehr gebildet, sehr kurzweilig, angenehm zu lesen. Und wie auf der Agora im alten Athen stellt der Autor zunächst mal Fragen:

"Warum verfangen bestimmte Werbeslogans und andere nicht? Was lässt bestimmte Autos attraktiv erscheinen? Was ist es, das einen wissenschaftlichen Titel nicht nur informativ und klar macht, sondern auch die Leser neugierig werden lässt und sie mit Lust auf Lektüre infiziert? Was berührt uns an einem Kunstwerk? In welchen Worten muss ein Rat an unsere beste Freundin formuliert sein, um ihr aus einem Schlamassel helfen zu können?"

Die Waffen der Form

Pfaller spielt an auf den Alfa Romeo. Wer sich für ein Auto dieser Marke entscheide, so analysiert er die Werbung wie auch ihre Resultate, der formuliere damit zugleich eine Botschaft über sich selbst – von kultiviertem Geschmack, italienischem Temperament und von lässiger Erhabenheit über die Niederungen der Pannenstatistik.

Es sind immer wieder die Waffen der Form, die der österreichische Philosoph aufblitzen lässt – mit erkennbarer Freude wie beim Witz über den schlauen Rabinowitsch, der dem Beamten genau die Antwort gibt, die der nicht hatte hören wollen. Oder in der Analyse der genial gesetzten Pointen in einem Film wie "Manche mögen’s heiß" von Billy Wilder.

Jemanden verlocken, verführen, auf ihn eingehen, ihn als Gegenüber wahrnehmen, Bildung transportieren und jenseits der ausgetretenen Pfade neues Wissen überhaupt erst denkbar machen – die Mittel dazu sind immer die treffende Formulierung, die pointierte Folgerung, Metapher und kalkulierte Brechung. Allgemein: Ästhetik und Dramaturgie. Oder neudeutsch: das Narrativ. Und gebraucht werden sie, so Pfaller: einfach überall.

"Als Konsumenten, Freunde, Liebende; als Menschen, die Kunst betrachten, als Empfänger von Werbung oder von Beeinflussung durch sogenannte ‚soziale‘ Medien erfahren wir die Macht der Form; und nicht immer in bewusster Weise. In anderen Momenten, zum Beispiel als Diskutanten, Ratgeber, Scherzende, in Gesten der Höflichkeit, als Gestaltende, Nachdenkende oder Schreibende bringen wir diese Macht selbst zum Einsatz und wissen doch nicht immer genau, was uns da gelingt, beziehungsweise wie und warum es gelingt."

Die Lebensform der Stadt

Waren es nicht freie und heitere Zeiten, als man einander die Tür aufgehalten oder Komplimente gemacht hat, selbst wenn sie nur höfliches Geplänkel waren? Immerhin konnten sich beide Seiten so versichern, dass sie eine gemeinsame Ebene hatten. Eine gemeinsame Kultur – die es dann auch erlaubte mit Fremden ein Gespräch zu beginnen ohne die Sorge, damit als übergriffig oder seltsam angesehen zu werden.

Die Analyse all dieser Formen und Formeln geht also weit über nostalgische Träumerei hinaus. Sie betrifft den Schritt aus dem eigenen Gesichtskreis zur zivilen Gemeinsamkeit, von der Mühsal wissenschaftlicher Faktensammlung zur Erkenntnis, von der Vereinzelung zur Achtsamkeit – und am Ende zur Zivilisation, zur Lebensform der Stadt.

"Wie die antiken Rhetoriker lehren, ist Zivilisiertheit nicht nur eine Tugend, sondern vor allem auch eine Verpflichtung im öffentlichen, urbanen Raum. Dort hat man eine Situation immer zu gestalten. Urbanität ist darum nicht allein die Kenntnis und Fähigkeit zum Spielen mit Worten; sie ist auch eine ethische Verpflichtung dazu. In bestimmten Situationen muss man spielen, wenn man kein Tölpel sein will, der die Leute mit bloßen Sachinformationen langweilt."

Zurück zur Raffinesse und schillernden Verlockung

Leider habe die Tölpelhaftigkeit gerade Konjunktur, klagt Pfaller: der Argwohn, die Beschwerde, das postmoderne Bedürfnis, sich eine eigene Identität zu basteln, selbst wenn ihre Komponenten immer nur Versatzstücke sind.

Was dem Philosophen fehlt, schmerzlich, und was er mit einer geradezu barocken Fülle von Geschichten und Ideen belegt, sind Raffinesse und schillernde Verlockung, sind Spiel und Witz, das Bedürfnis, etwas auszuprobieren oder in eine Rolle zu schlüpfen – und das alles nicht zum luxuriösen Zeitvertreib, nicht, um dem Alltag ein Glanzlicht aufzusetzen, sondern weil darin eine Bedingung für das Zusammenleben liegt.

Oder um die Rhetoriker der Antike zu zitieren: Das Blitzen der Waffen ist kein Selbstzweck, keine Dekoration – es ist die Voraussetzung ihrer Schärfe.

Robert Pfaller: "Die blitzenden Waffen - Über die Macht der Form"
S. Fischer Verlag, Berlin 2020
288 Seiten, 22 Euro

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