Richard Ford: Vom Legastheniker zum Bestsellerautor

Buchcover von "In einfachen Worten" von Richard Ford
© Hanser Berlin

Richard Ford

Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert

In einfachen WortenHanser Berlin, Berlin 2026

112 Seiten

20,00 Euro

Von Christoph Schröder |
Als Legastheniker in Mississippi aufwachsen: Das sind schlechte Voraussetzungen, um Schriftsteller zu werden. Der 82-jährige Bestsellerautor Richard Ford erzählt in seinem neuen Buch "In einfachen Worten" von seiner Herkunft und dem Schreiben.
Im Jahr 1989 las Richard Ford im Literaturhaus Hamburg aus seinem Erzählungsband "Rock Springs". Im Anschluss stand ein junger Mann im Publikum auf und fragte Ford, ob er selbst seine Erzählungen in die Gattung "sozialer Realismus" einordnen würde. Ford war irritiert, nicht zum ersten Mal. Denn im Grunde, so schreibt er, seien seine literarischen Texte nie von politischen Absichten geprägt gewesen.
Diese Erinnerung ist einer der Ausgangspunkte für Richard Fords schmales, aber gedankenintensives Buch "In einfachen Worten", in dem der mittlerweile 82-Jährige über seinen Werdegang, seine Einflüsse und die politischen Implikationen seiner Texte nachdenkt.
Dass Ford überhaupt der großartige Autor wurde, der er bis heute ist, ist ein kleines Wunder, in mehrfacher Hinsicht. Das Aufwachsen in den Südstaaten beschreibt Ford als die Konfrontation mit einem bizarren Selbstverständnis.

In meiner Jugend – den späten 1940er- und den 1950er-Jahren – war in Mississippi unten offiziell oben und oben offiziell unten: ein verdrehter kultureller und politischer Mischmasch, der das Leben jedes einzelnen Bürgers betraf, unvorhersehbar, aber immer spürbar.

Richard Ford: "In einfachen Worten"

Fasziniert von William Faulkner

Richard Fords Vater starb, als Ford 16 Jahre alt war. Damals war der spätere Schriftsteller ein diagnostizierter Legastheniker. Lesen ist für ihn bis heute eine Herausforderung.
Zugleich hatte der junge Richard früh das Bedürfnis nach Lektüre. Vor allem die Romane von William Faulkner faszinierten ihn. Sie erschlossen ihm die Mentalität der Landschaft, in der er lebte. Fords Leseschwäche war dafür verantwortlich, dass er ein spezielles, geradezu intimes Verhältnis zu Bedeutung und Klang von Wörtern und Sätzen entwickelte.

Ich fand heraus, dass ich komplizierte Stellen besser verstand, wenn ich die Worte lautlos formte oder aussprach, hörte, dann kam ich näher an die Sprache heran, nicht nur als Fenster zu vorbestimmten Bedeutungen, sondern als lexikalisches und ästhetisches Rohmaterial, dessen Erscheinungsform einer Reihe von Lauten mit Rhythmus, Betonungen, Dauer, Affekt usw. zugeschrieben wurde.

Richard Ford: "In einfachen Worten"

Richard Ford als Sportreporter

Richard Fords erster Roman "Ein Stück meines Herzens" erschien 1976, spielte in Mississippi und erhielt freundlich zurückhaltende Kritiken. Im zweiten Roman "Verdammtes Glück" wollte er alles anders machen und fing sich von einem engen Freund den Vorwurf ein, seinen Humor verloren zu haben.
Das war der Zeitpunkt, an dem Richard Ford entschied, eine Stelle als Sportreporter anzunehmen. Ein Job, den er mit großer Freude ausfüllte, bis die Zeitschrift, für die er schrieb, pleiteging.
Es war seine Frau, die ihn ermutigte, zum Schreiben von Romanen zurückzukehren. Ford schrieb "Der Sportreporter", erfand die Figur des Frank Bascombe, die er in fünf Romanen bis ins Jahr 2023 durch die Zeitläufte, durch gescheiterte Ehen, Berufswechsel und Schicksalsschläge hindurchführte.
Für „Unabhängigkeitstag“, den zweiten Bascombe-Roman, erhielt der Schriftsteller 1995 den P.E.N./Faulkner-Award und den Pulitzerpreis.
In "In einfachen Worten" zeichnet Ford diesen Weg nach. Zugleich ist das Buch ein Nachdenken über die politische Dimension, die seinem Werk eingeschrieben ist. Die Bascombe-Romane versteht er als Versuche, der Heterogenität des Lebens gerecht zu werden und ihr trotzdem eine Ordnung zu geben.
Dadurch und durch die quasi nebenbei mitlaufende Beobachtung der Schauplätze und ihrer Veränderung sind diese Romane auch immer Gesellschaftsromane – wenn auch weniger explizit, weniger forciert als die seiner jüngeren Autorenkollegen.

"Um die Integrität des nicht politischen Romans zu erhalten, den ich geschrieben zu haben glaubte, konnte ich gut damit leben, dass jegliche politische Dimension, die man ihm zuschreiben mochte, für den Durchschnittsleser, der nicht danach suchte, absolut unauffällig blieb. Das passte zu der typischen Nonchalance, mit der die meisten Amerikaner im Alltag auf die Politik blicken."

Richard Ford: "In einfachen Worten"

Ein poetologisches Bekenntnis

Etwas mehr als 100 Seiten umfasst "In einfachen Worten", und doch steckt so viel in diesem Buch, das Autobiografie und poetologisches Bekenntnis zugleich ist. Kann, so fragt der Autor am Ende, ein Roman die Weltsicht und den Diskurs seiner Leser verändern? Die Antwort: "Bestimmt. Natürlich. Unter der Voraussetzung, dass er gut genug geschrieben ist. Die immer gleiche Herausforderung."
Noch nach den ersten Bascombe-Romanen haben manche Kritiker Richard Ford wegen der Anlage seines Helden als positivistischen Augenblicksmenschen nicht für voll genommen. In "In einfachen Worten" zeigt dieser große Schriftsteller noch einmal, wie viel gedankliche Tiefe und Sorgfalt hinter seiner vermeintlichen Leichtigkeit stecken.
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