Brauchen Sie Superhelden-Rhetorik, um bei Ihrem Kind Interesse für ein Thema zu wecken? Dann ist das Buch von Andrea Schwendemann Ihre erste Wahl. Der Text strotzt nur so von Ausdrücken, die offenbar einen kindgerechten Zugang bieten sollen. Da wird zum Beispiel abgefragt, wie das jeweilige Kind mit Geld umgeht: ob es ein „Super-Spar-Guppy“, eine „Risiko-Rakete“ oder ein „Schenk-Champion“ ist.
Geldprofis und Sparsuperheld
Das kann unterhaltsam sein, wirkt aber über die Länge des Buches etwas bemüht. Das Gleiche gilt für das Belohnungsprinzip, das das Buch durchzieht: Man darf sich nach Lektüre und Mutiple-Choice-Tests „Geldguru“ nennen. Zwischendurch wird die Leserin, der Leser schon als Geldprofi oder Sparsuperheld gelobt - alles eine Nummer zu viel. Das Gleiche gilt für den Inhalt:
Folge den Guppys Goldi und Fondia, die dir die Geld-Welt erklären: […] Warum wurde Geld erfunden? Wie kannst du aus deinem Taschengeld mehr machen? Macht Geld Menschen glücklich? Was kannst du Gutes tun mit deinem Geld? Fondia und Goldi verraten dir Geld-Geheimnisse und was es mit dem Guppy-Geld-Vermehrungs-Effekt auf sich hat. Und am Ende hast du sogar eine Idee, wie Geld in der Zukunft aussehen könnte.
Das Buch nimmt sich schlicht zu viel vor. Es greift zu viele Bereiche auf. Zum Beispiel geht es auch um Geldvermehrung, also detailliertes Finanzwissen zu Anlagemöglichkeiten. Zwei personalisierte Fische führen durch das Buch. Es sind Guppys, also Fische, die sich stark vermehren. Sie sollen die Botschaft der Geldvermehrung verdeutlichen. Müssen Kinder so etwas bereits lernen? Die Altersempfehlung für den Text - 8 bis 99 Jahre - versucht wohl, diese Frage zu beantworten. Denn tatsächlich finden Erwachsene, die sich noch nie mit Geldanlagen beschäftigt haben, hier gute erste Erklärungen - und rhetorisch genug Motivation, um sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen.
Ohnehin schreibt die Autorin viel im Ratgeber-Jargon: Es wird gefragt, welcher Geld-Typ man ist. Und es gibt immer wieder kleine Aufgaben zu lösen.
Seine Stärken zeigt das Buch entsprechend auch bei den praktischen Tipps: Wie kann man sparen und das Budget im Blick behalten, wie schützt man sich vor Taschendieben oder Betrügern:
Trage deinen Geldbeutel und andere Wertsachen in Innentaschen oder vorne in der Hosentasche!
- Teile dein Geld auf: etwas im Portemonnaie, etwas in einer anderen Tasche!
- In manchen Jacken gibt es versteckte Taschen – perfekt für Wertsachen.
- Nimm nur so viel Geld mit, wie du wirklich brauchst!
- Zähle dein Geld nie offen, wo andere zuschauen können!
Fragen nach der Entstehung und Bedeutung des Geldes werden verständlich und ansprechend beantwortet. Der Text macht deutlich, inwiefern sich Bedürfnisse von Wünschen unterscheiden. Und er macht tolle Vorschläge für Tauschgeschäfte mit Freundinnen und Nachbarn. Zum Beispiel sich gegenseitig Gefallen zu erweisen oder Hilfe anzubieten. Eine ganze Menge hilfreicher und lehrreicher Informationen also, die viel sinnvoller erscheinen als die Anleitung, wie man zum Mini-Spekulanten wird.
Verhandlungsanleitung für Kinder
Zudem gerät manches in Schieflage. „Geld ist ein Preis-Erklärer“, heißt es an einer Stelle. Das ist falsch: Versteckte Kosten, Ausbeutung etc. werden über Marktpreise natürlich nicht erklärt. Beim Thema Taschengeld wird ein Vertrag mit den Eltern vorgeschlagen, das wirkt etwas schräg, zumal auch noch eine Verhandlungsanleitung für Kinder folgt. Und darin steht ein sehr heikler Satz: „Hinter einem ‚Nein‘ verbirgt sich oft ein ‚Vielleicht‘ mit Extrawunsch!“
Das ist für Kinderohren oder -augen kein guter Satz. Denn er verwässert auch ihr eigenes Nein gegen Missachtung oder Übergriffe jeder Art.
Hilfreiches Buch für Eltern
Der Text ist komplex aufgebaut, mit verschiedenen Faktenboxen oder spielerischen Anleitungen zum Ausprobieren, die optisch abgesetzt sind. Die Illustrationen von Katrin Oertel wirken lebendig, manchmal etwas unruhig, greifen die Themen aber meist treffend auf. Gelungen ist auch das Stichwortverzeichnis am Ende, die Erklärungen sind gut und einfach, Beispiel DAX: „Die deutsche Börsen-Hitliste mit den 40 wertvollsten deutschen Unternehmen“.
Alles in allem also ein zwar hilfreiches Buch für Eltern, die komplizierte Fragen beantworten wollen. Zehn- oder Zwölfjährige werden das sicher nicht allein lesen bzw. verstehen können und auch nicht dranbleiben – trotz Superhelden-Rhetorik.
Andrea Schwendemann, Katrin Oertel (Ill.):
„Von Geld, Gold und Guppys. Wie aus deinem Taschengeld ein ganzer Schatz wird“,
Stiftung Warentest, 128 Seiten, 16,90 Euro, 8 bis 99 Jahre.
Zwiegespräch von Mutter und Sohn zum Thema Geld
Das Buch von Saskia Hödl ist ganz anders aufgebaut. Im Kern ist es ein Zwiegespräch von Mutter und Sohn. Ezra, ein Junge im Grundschulalter, fragt seine Mama zum Thema Geld aus, entlang alltäglicher Situationen.
‚Wieso musst du immer arbeiten? […] Warum hat das Wochenende nur zwei Tage? Und wer hat sich das alles eigentlich ausgedacht?‘ Mama schluckt. ‚Hmm, das sind gute Fragen. Komm, wir schauen uns das gemeinsam an.‘
Es beginnt verständlich mit laufenden Kosten und den alltäglichen Zwängen, die jede und jeder Berufstätige kennt. Relativ schnell folgen Erläuterungen zu den verschiedenen Steuern, hier wird es eher kompliziert bzw. für Erwachsene verständlich. Begriffe wie Gewinn oder Dienstleitungen werden verwendet und erst danach in Textboxen erklärt.
Kapitalismuskritik und Verteilungsfragen
Im Gegensatz zum Buch von Andrea Schwendemann ist Högls Text kapitalismuskritisch. Die Perspektive der alleinerziehenden Mutter ergibt, dass es recht schnell um Verteilungsfragen geht, um Arm und Reich, um faire Löhne und Arbeitszeiten.
‚Im Kapitalismus sind diejenigen am wertvollsten, die am meisten Kapital haben oder am meisten lohnarbeiten können‘, sagt Mama. ‚Aber du sagst doch immer, alle Menschen sind gleich viel wert!‘ Mama nickt. ‚Ja, das stimmt. Aber das sehen nicht alle so.‘
Die Hündin der Familie, Ronja, kommentiert alle Themen in Gedankenblasen. Das bietet eine gelungene Auflockerung zu den ernsthaften Themen. Ein Beispiel: „18 Euro für Erdbeeren? Da hat der Markt wohl vergessen zu regeln.“
Das Buch legt auch einen Schwerpunkt auf Care-Arbeit. Die wird übersetzt in die beiden Begriffe Kümmerarbeit und Gedankenlast, die wiederum mit vielen Beispielen erläutert werden. Der Text thematisiert Armut und Reichtum. Die notwendigen Zahlen sind optisch gut aufbereitet, sodass die in Deutschland und Österreich unterschiedlichen Schwellen gut hervortreten. Lebensnah werden Beispiele dafür aufgezählt, was einen Menschen als arm oder reich kennzeichnet.
Absolute Armut bedeutet zum Beispiel, dass man sich die wichtigsten Dinge wie Miete, Heizung oder Lebensmittel gar nicht mehr leisten kann. Belastend ist es aber schon lange vorher, etwa wenn man am Essen sparen muss, um die Miete bezahlen zu können.
Zudem geht auch dieses Buch darauf ein, was man nicht für Geld kaufen kann und trotzdem wichtig im Leben ist. Die Illustrationen von Sonja Stangl veranschaulichen Vieles wie bei der Mengenlehre, sie schaffen eine übersichtliche Struktur und bilden eher das Layout als dass sie Ergänzungen sind.
Ware, Wirtschaft, Markt und Monopol
Ebenso griffig wirken die Informationskästchen mit kurzen Erklärungen zu Begriffen wie Ware, Wirtschaft, Markt oder Monopol. Hödls Text ist überwiegend verständlich formuliert und bedient kindliche Neugierde zu den wichtigsten Fragen rund um Geld und Arbeit.
Ob es eigens ein Kapitel zu ökonomischen Theorien braucht in einem Kinderbuch, darüber lässt sich streiten. Immerhin kommt mit Elenor Ostrom auch mal eine Frau vor.
Die Gespräche zwischen Mutter und Sohn wirken oft authentisch, manchmal aber auch konstruiert. Da tauchen dann sehr spezielle Fragen auf, die so wohl kaum ein Kind formulieren würde: „Aber wenn man weiß, dass es diese Schlupflöcher gibt, kann man die nicht stopfen?“
Gedanken zu sozialer Verantwortung und zum Konsumverhalten runden die Darstellung ab. Der Text eignet sich am besten dazu, dass Erwachsene und Kinder ihn gemeinsam lesen. Und das lädt auch dazu ein, den Generationenaustausch aus dem Buch fortzusetzten.
Saskia Hödl, Sonja Stangl (Ill.):
„Wieso drucken wir nicht einfach mehr Geld? Was Du immer schon über Geld, Arbeit und Gerechtigkeit wissen wolltest“
Leykam Verlag, 128 Seiten, 24 Euro, ab 6 Jahren.