Elisa Hoven: „Feine Risse“
© Fischer Verlag
Im Zwielicht des Rechts
06:24 Minuten

Elisa Hoven
Feine RisseS. Fischer, Frankfurt am Main 2026288 Seiten
22,00 Euro
Elisa Hoven ist Professorin für Strafrecht und sie ist Schriftstellerin. In ihrem zweiten Episodenroman „Feine Risse“ erzählt sie von Kriminalfällen, in denen Gesetz und moralisches Empfinden nicht immer übereinstimmen.
Der jüngst verstorbene Alexander Kluge war als Anwalt tätig, Ferdinand von Schirach und Bernhard Schlink, beide examinierte Juristen, stehen mit ihren Romanen verlässlich auf den Bestsellerlisten. Es gibt sogar einen Begriff für Schriftsteller, die der Rechtskunde entstammen: Dichterjuristen. Zu ihrer Gesellschaft zählen keine geringeren als Franz Kafka und Johann Wolfgang von Goethe.
Mit ihrem Roman „Dunkle Momente“ schlug Elisa Hoven, 1982 geborene Professorin für Strafrecht, im vergangenen Jahr ebenfalls den Weg der Dichterjuristin ein.
Verbrechen und Täter, Recht und Moral
Nun folgt „Feine Risse“. Nicht nur die episodische Konstruktion um die Strafverteidigerin Eva Herbergen als Ich-Erzählerin ist die gleiche, sondern auch das Kernmotiv: die Divergenz von Recht und Gerechtigkeitsempfinden. Acht Geschichten über Verbrechen, über Opfer und Täter entfaltet Hoven, und in allen sind es die moralischen Grauzonen, die ihren Reiz ausmachen.
Bei einer Hochgebirgswanderung stürzt ein sportlich überambitionierter Unternehmer in den Tod. Seinen Bergführer trifft vordergründig keine Schuld, die Ermittlungen gegen ihn werden eingestellt.
Einige Zeit später stellt Eva Herbergen jedoch fest, dass die beiden Männer vor Jahren beruflich miteinander zu tun hatten. Hat der Bergführer den Tod des Unternehmers zumindest in Kauf genommen, weil dieser einst seine Karriere zerstörte?
In einer anderen Episode wendet sich der Chefredakteur einer Berliner Zeitung – alle Geschichten spielen in Berlin – an die Anwältin. Er benötigt juristische Schützenhilfe, um den Verdacht abzuwehren, eine Reportage über den inneren Zirkel des IS beruhe teilweise auf der Fantasie des Autors.
Die Zeitung kann sich des Verdachts entledigen, doch bei ihren Recherchen wird Eva Herbergen klar, dass er durchaus zutrifft und der Reporter die Protagonisten seines Textes frei erfunden hat. Wem ist sie verpflichtet? Ihrem Mandanten oder der Öffentlichkeit? Nicht zufällig erinnert der Fall an den des Reportagenfälschers Claas Relotius, der den "Spiegel" 2018 in eine tiefe Krise stürzte.
Realer Fall mit fiktivem Ausgang
Eine Geschichte greift den Fall des 2002 entführten und ermordeten Bankierssohn Jakob von Metzler auf, gibt ihm jedoch eine andere Wendung. In der Realität drohte der Frankfurter Polizeipräsident dem Entführer körperliche Gewalt an, in der Hoffnung, er werde das Versteck des Jungen preisgeben, der zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr lebte.
In Elisa Hovens literarischer Version wird er lebend gefunden, nachdem der Polizeipräsident den Täter überraschend aus der Untersuchungshaft entlässt. Ein stummes Angebot an die Eltern des Jungen, die Folter selbst in die Hand zu nehmen, was sie auch tun und ihr Kind damit retten.
Kaum ein anderes Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik hat die Reibung zwischen Rechtsstaatlichkeit und moralischem Empfinden so grell beleuchtet und so schmerzhaft auf die Probe gestellt.
Entstaubte Rechtskunde
Gegen die Gefahr trockener Rechtskunde wappnet sich Elisa Hoven mit den erzählerischen Spannungsmitteln des Krimis und berührt dabei genregemäß bisweilen die Grenze zur Kolportage. Das Ausmalen der gutbürgerlichen Lebenswelt von Eva Herbergen dient gleichermaßen der Entstaubung juristischer Angelegenheiten und macht aus „Feine Risse“ ein höchst lebendiges Buch.












