Marion Brunet: „Zwischen Ebbe und Wut“
© Rotfuchs Verlag
Psychothriller auf hoher See
05:11 Minuten

Marion Brunet
Zwischen Ebbe und WutRotfuchs, Frankfurt am Main 2026224 Seiten
18,90 Euro
Vier Jugendliche allein auf einer Jacht im stürmischen Meer: Mit dem packend geschriebenen Psychothriller „Zwischen Ebbe und Wut“ ist nun der erste Roman der französischen Jugendbuchautorin Marion Brunet auf Deutsch erschienen. Er macht Lust auf mehr.
Vergangenes Jahr wurde die Französin Marion Brunet mit dem international wichtigsten und höchstdotierten Preis für Kinderliteratur ausgezeichnet, dem Astrid Lindgren Memorial Award. Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt war das Staunen groß - denn es gab keine Bücher von Marion Brunet auf Deutsch. Der Rotfuchs Verlag holt das mit „Zwischen Ebbe und Wut“ jetzt nach.
Die Ich-Erzählerin Emma und vier Freund*innen belohnen sich mit einem Segeltörn für die absolvierten Abiprüfungen. Eine lockere Sommer-am-Meer-Atmosphäre lässt Marion Brunet aber gar nicht erst aufkommen. Als der Roman einsetzt, schwimmt der Anführer der Gruppe, Clarence, tot in der Nordsee, die anderen geraten auf offenem Meer in einen Sturm.
Während in der Erzählgegenwart die vier übrigen Jugendlichen mit den Elementen und der Jacht kämpfen, entrollt die Autorin in Rückblenden die Vorgeschichte und entwickelt nach und nach das Psychogramm der Gruppe. Diese Verknüpfung der Zeitebenen ist sehr geschickt gemacht, die Frage nach den Umständen von Clarence' Tod liegt wie ein unheimlicher Basso Continuo unter der Geschichte.
Manipulativer Anführer
Das Kleeblatt Emma, Élise, Sam und Clarence ist unzertrennlich, unangefochten dominiert vom charismatischen Clarence. Sie gehen gemeinsam zur Schule und teilen die Begeisterung fürs Segeln. Clarence hat große Macht über die anderen, er bestimmt sogar den Zeitpunkt, an dem Élise und Sam ein Paar werden. Emma ist in ihn verliebt, doch Clarence hält sie jahrelang in einer quälenden Halbdistanz aus Vertrautheit und Abstand. In welchem Maße Clarence die drei manipuliert, wird ihnen erst auf dem Segeltrip klar.

Die französische Jugendbuchautorin Marion Brunet 2025 bei der Vergabe des Astrid Lindgren Memorial Awards (ALMA) in Stockholm.© picture alliance / TT NYHETSBYRÅN / Christine Olsson
Der Auslöser ist Victor, der gerade erst zu der Gruppe gestoßen ist. Seine Mutter ist die neue Partnerin von Clarence‘ Vater. Clarence nahm Victor zunächst mit offenen Armen auf. Doch dass Victor sich ihm nicht so bereitwillig unterordnet wie die anderen, dass er eigene Positionen vertritt und andere Freundschaften pflegt, erträgt Clarence nicht. Und so bringt er Victor auf dem Segelboot nicht nur in Lebensgefahr, weil der keinerlei Ahnung vom Segeln hat. Auch die Konflikte zwischen den Jugendlichen schaukeln sich immer weiter hoch.
Filmisch geschrieben
„Zwischen Ebbe und Wut“ ist also gleich auf zwei Ebenen spannend. Zum einen verfolgt man mit stockendem Atem den Kampf der jungen Menschen ums Überleben in einem Sturm auf hoher See. Zum anderen spitzt sich in den Rückblenden die Gruppendynamik zu. Marion Brunet schreibt geradezu filmisch in packenden Szenen, mit vielen Dialogen und in kurzen Sätzen, die die Handlung rasant vorantreiben.
Wenn die Autorin überhaupt eine Option auf Spannung auslässt, dann weil sie die psychischen Prozesse zwischen den Figuren etwas zu stark erklärt. Auch dass sich eine Liebesgeschichte zwischen Victor und Emma entspinnt, hätte es nicht unbedingt gebraucht – beides ist vielleicht dem Wunsch geschuldet, einen gut zugänglichen Roman für Jugendliche vorzulegen.
Insgesamt aber ist „Zwischen Ebbe und Wut“ ein packend geschriebener Psychothriller, der en passant wichtige Themen wie Mut und Zivilcourage aufwirft. Und der neugierig macht auf das restliche Werk der ALMA-Gewinnerin.












