Daniel R. Headrick: "Macht euch die Erde Untertan"

Mensch und Natur - ein ewiger Kampf

06:07 Minuten
Das Cover des Buches von Daniel R. Headrick, "Macht euch die Erde untertan", zeigt Menschen, die Tiere in der landwirtschaftlichen Arbeit einsetzen. Pferde werden etwa als Zugtiere eingesetzt.
© WBG Theiss

Daniel R. Headrick

Übersetzt von Martin Richter

Macht euch die Erde untertanWBG Theiss, Darmstadt 2021

640 Seiten

50 Euro

Von Gregor Lischka · 15.01.2022
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Der Umwelthistoriker Daniel R. Headrick erzählt vom Verhältnis Mensch-Natur als ewigem Kampf ums Überleben. Zurzeit scheint die Menschheit die Oberhand zu haben. Headrick weckt daran Zweifel. Seine Botschaft wird deshalb nicht jedem gefallen.
Es ist ein romantisches Bild, das wir uns zuweilen vom ursprünglichen Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt machen: Von indigenen Völkern, die friedlich im Einklang mit der Natur leben oder lebten – bis die moderne Zivilisation, der Kapitalismus oder die Industrialisierung diese Idylle zerstörten.


Ein Konflikt, so alt wie die Menschheit selbst

Daniel R. Headrick dagegen schreibt die Menschheitsgeschichte von Beginn an als dauernden Kampf gegen die Natur und ihre Gewalten. Von dem Aufkommen der ersten aufrecht gehenden Menschen bis heute. Er erzählt von Meteoriteneinschlägen und Dürren, Bewässerungstechniken und Überflutungen, Seuchen und Insektenplagen, vom ständigen Kampf der Menschheit ums Überleben.
Es ist allerdings keine schrille Survivalshow, die Headrick hier sprachlich inszeniert. Trocken, fast schon nüchtern-mathematisch wirkt es, wenn er immer wieder beiläufig vorrechnet, wie im soundsovielten Jahrhundert soundsoviel Prozent der gesamten Menschheit an dieser oder jener Seuche gestorben sind.
Die sprachliche Trockenheit korrespondiert jedoch auch mit der großen Schwachstelle des Buches: Über weite Strecken bleibt Headrick rein deskriptiv und informationsfokussiert. Nach den meisten langen Kapiteln dieses mehr als 600 Seiten dicken Werkes formuliert Headrick ein gerade mal halbseitiges, einordnendes Fazit.

Parallelen der Geschichte

Doch lohnt die Lektüre des Buches. Der Mehrwert ruht vor allem in der abwechslungsreichen Betrachtungsweise des Autors. Über alle Weltregionen, Epochen und Wirtschaftssysteme hinweg berichtet Headrick vom stets antagonistischen Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt: Von der Umgestaltung der Flüsse im alten Ägypten und Mesopotamiens, von der Waldnutzung chinesischer Dynastien oder vom blinden Industrialisierungseifer der Sowjetunion und der USA.
Während die historischen Schicksale vieler Zivilisationen einem oft unbekannt sind, laufen sie doch immer wieder nach ein und demselben Schema ab: Gewinnt der Mensch einmal die Oberhand und überreizt die Ausbeutung der Natur, mündet es schnell in der Katastrophe. Was sich vermeintlich eintönig anhört, ist tatsächlich hoch unterhaltsam. Denn Headrick veranschaulicht all das mit zahlreichen und zum Teil skurrilen Anekdoten.
Wenn er von den Klimaschocks und Epidemien vergangener Epochen erzählt, behandelt er zugleich auch die großen Fragen unserer Zeit. Die brutalen Rückschläge, die die menschliche Zivilisation dabei immer wieder erleiden musste, hinterlassen deshalb beim Lesen ein mulmiges Gefühl.

Ein Pyrrhussieg der Menschheit

Headrick kann und will uns dieses mulmige Gefühl nicht nehmen: Sei es die Umweltverschmutzung durch die fortschreitende Industrialisierung, das massenhafte Artensterben unserer Zeit, die Überfischung und Übersäuerung der Ozeane, die größtenteils irreversiblen Klimaschäden. Auf zugleich pessimistische und realistische Weise beschreibt der Autor, wie die Menschheit die Natur nun vorerst niedergerungen und sie sich tatsächlich „untertan gemacht“ hat.
Aber er beschreibt auch, wie die Menschheit fortan mit herben Konsequenzen rechnen muss. Der letzte Satz des Buches ist denn auch bezeichnend: „Was auch immer geschieht, womöglich werden die Menschen einmal neidisch auf unser Zeitalter zurückschauen.“

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