Mittwoch, 25.11.2020
 

Im Gespräch | Beitrag vom 02.10.2020

René Wilke, Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) Bürgersprechstunde in der Kaufhalle

Moderation: Marco Schreyl

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René Wilke spricht auf einer Pressekonferenz über seine einjährige Amtszeit. (picture alliance / dpa / ZB / Patrick Pleul)
Im politischen Alltag Frankfurts spiele die AfD keine Rolle, sagt René Wilke. (picture alliance / dpa / ZB / Patrick Pleul)

In Frankfurt (Oder) bekam bei der letzten Landtagswahl die AfD die meisten Stimmen, aber im Rathaus regiert ein Linker: René Wilke. Brandenburgs jüngster Oberbürgermeister kann in seiner Heimatstadt auf erstaunlich weitreichende Unterstützung bauen.

Im Jahr 2018 löste in Frankfurt an der Oder der eine Wilke den anderen Wilke ab. Im Amt des Oberbürgermeisters folgte auf Martin der 34-Jährige René. Nein, hier traten nicht der Vater gegen den Sohn an, wie von einigen angenommen, die Namensgleichheit war reiner Zufall.

"In der Stadt kannte alle den Unterschied", erzählt René Wilke. "Weil ich ja jahrelang Stadtpolitik gemacht habe. Ich habe also schon 15 Jahre vorher Politik gemacht, bevor ich ins Amt gewählt wurde."

"Ich habe keinen Karriereplan"

Mit 16 Jahren trat René Wilke in die PDS ein, studierte später unter anderem Psychologie und Politikwissenschaft, absolvierte eine Ausbildung zum Mediator und Bürokaufmann. Mit 30 wurde er Abgeordneter im Landtag, vier Jahre später zum jüngsten Oberbürgermeister in Brandenburg.

"Die meisten werden denken, klassische Parteikarriere", sagt René Wilke. "Ich habe tatsächlich keinen Karriereplan gehabt, habe ihn auch heute nicht. Ich habe das Studium übrigens nicht beendet. Studiert habe ich damals, weil ich all dies Dinge unglaublich spannend fand und das Wissen aufsaugen wollte. Die Mediatorenausbildung ist vielleicht sogar Dreh- und Angelpunkt von meinem Selbstverständnis. Da habe ich viel Rüstzeug mitgegeben bekommen, was ich fast täglich anwende."

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Als linker Oberbürgermeister in Frankfurt mit seiner polnischen Nachbarschaft Słubice sieht das gerade in diesen Tagen nach einer besonderen Herausforderung aus. Das deutsch-polnische Verhältnis ist angespannt, bei der Landtagswahl 2019 erhielt die AfD in der Oderstadt die meisten Stimmen.

"Die AfD spielt keine Rolle"

"Alles ist schlecht", in diesen Kanon will René Wilke aber nicht einstimmen, im Gegenteil: "Es ist zum Beispiel so, dass in Słubice der Kandidat gewonnen hat, für die dortige Bürgermeisterwahl, der sich am deutlichsten für die deutsch-polnische Freundschaft und die gute Beziehung mit Frankfurt ausgesprochen hat."

Und was ist mit der AfD? "Im Alltag spielt das keine Rolle, weil von denen gar nichts kommt", sagt Wilke. "Die finden im politischen Diskurs kaum statt. Es ist so, dass sich bei den Wahlen auch einiges kanalisiert hat. Ich würde nicht Wählerschaft mit Mitgliedschaft, auch nicht mit Anhängerschaft gleichsetzen. Das sind für mich drei verschiedene Kategorien."

Wenn der OB an der Haustür klingelt

Natürlich bekommt René Wilke als Oberbürgermeister auch die Unzufriedenheit der Frankfurterinnen und Frankfurter zu spüren. Oft sind die Begegnungen respektvoll. "Wenn ich in die Kaufhalle gehe, dann sagen mir Leute: 'Der Gehweg da, das ist nicht in Ordnung', oder sie fragen nach der Coronaverordnung. Manchmal denke ich schon, es gibt auch andere Wege, mich regulär zu erreichen. Aber ich denke mir auch: Gott sei Dank ist es noch so, dass die Menschen noch mit mir sprechen. Es gibt ja genug Politiker, bei denen die Leute sagen, es lohnt sich nicht mehr, mit dem zu reden."

Aber es gibt auch die anderen Fälle, Drohmails zum Beispiel, mit den schlimmsten Beschimpfungen. "Ich habe auch eine Strategie entwickelt im Umgang damit", erzählt René Wilke. "Zum Beispiel besuche ich hin und wieder Menschen. Manche haben ja noch nicht einmal Fake-Profile. Und es kommt vor, dass ich bei Leuten klingle und lese dann vor, sie haben mir folgende Nachricht, 'blöde Drecksfotze', geschrieben. Was haben sie damit gemeint, was ihr konkretes Anliegen? Meine Erfahrung ist, dass diese Menschen sich zutiefst schämen, dass die im Boden versinken und ihnen das total peinlich ist."

Schwierige Rede zum Tag der Deutschen Einheit

Nach einer Stunde Radio wartet auf René Wilke gleich die nächste Herausforderung. Er hält in seiner Heimatstadt Frankfurt eine Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Die Stadt und die Menschen hätten in den letzten 30 Jahren so viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht, das würde kaum in eine Ansprache passen.

"Weil es eine fragmentierte Geschichte", erklärt René Wilke. "Es gibt nicht die lineare Geschichte nach der Deutschen Einheit, weder die Jubelgeschichte, noch die Wutgeschichte. Es ist ganz, ganz vielschichtig. Und das kann man ja auch einfach so sagen."

(ful)

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