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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 19.12.2014

Reaktionen auf Pegida-DemonstrationenPaternalismus statt Dienst am Volk?

Von Adelheid Wedel

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Teilnehmer einer Pegida-Kundgebung in Dresden (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Pegida-Kundgebung in Dresden im Dezember 2014 (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

In einer Art Streitschrift verteidigt Henryk M. Broder in der "Welt" das Volk gegen wutschnaubende Politiker. Er diagnostiziert Hochmut und Paternalismus angesichts der Reaktionen der Politik auf die Demonstrationen der anti-islamischen Bewegung Pegida.

"Jetzt ist der Lack ab, erst die AfD, dann die Pegida", schreibt Henryk M. Broder in der Tageszeitung DIE WELT in einer Art Streitschrift, in der er das "dumme Volk" gegen wutschnaubende Politiker verteidigt. "Überall in Europa drängten 'Rechtpopulisten' an die Macht", beginnt er seine Argumentation. "Und wir, wir konnten es nicht fassen. Mehr noch, wir waren empört, entsetzt, geschockt und angewidert. Wir führten uns auf wie eine Nonne auf der Reeperbahn, die den Nutten Moral predigt. Und wir sagten allen", setzt er fort, "wie sie es machen sollten – so wie wir! Mit unseren Integrationsbeauftragten, unserer Toleranz, unserer Willkommenskultur."

Und aktuell? "Was wir seit Monaten in Deutschland erleben, ist ein Festival des Wahnsinns, dessen Protagonisten keine wildgewordenen Kleinbürger sind, sondern seriöse und staatstragende Politiker, die sich wie Feudalfürsten am Ende des 18. Jahrhunderts benehmen, Regenten, die ihre Macht und ihre Privilegien mit niemandem teilen wollen". Broder nennt das Demokratieverständnis, das jene an den Tag legen, nicht dynamisch, sondern statisch. "Demokratie nicht als 'work in progress', sondern als ein finaler Zustand, der bewahrt werden muss. So viel Paternalismus war lange nicht mehr", heißt seine Kritik. Und er wettert weiter: "Die Politiker wetteifern miteinander, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, als wären diese Invaliden oder Rekonvaleszenten, die nicht aus eigener Kraft gehen können. Wenn sich aber diese Menschen von allein auf den Weg machen und demonstrieren, dann sind es Angstbürger, Nationalisten, Rassisten und Nazis in Nadelstreifen." Das Einzige, worauf es ankommt, ist nach Broders Meinung, "dass sie von ihrem Recht Gebrauch machen, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln, wie es das Grundgesetz garantiert."

Was also bringt die politische Elite dermaßen in Rage, dass sie ihren Auftrag vergisst, dem Volke zu dienen und stattdessen dem Volk Gehorsam abzuverlangen?", fragt er. Seine Antwort: "Es ist der Hochmut des Vormunds gegenüber dem Mündel, eine abgrundtiefe Verachtung der Menschen da draußen im Lande. Die werden immer wieder aufgefordert, sich zu engagieren, aber wehe, sie tun es wirklich" – kommentiert Henryk M. Broder die Pegida-Demonstrationen und Reaktionen darauf in der Zeitung DIE WELT.

Beispiel für gelungene Integration

Die Tageszeitung TAZ bringt mit ihrer Reportage "Hausbesuch" ein Beispiel für gelungene Integration. Peddy Bauer besuchte eine jesidische Familie, die seit Jahren in einem Neubaugebiet in Gießen lebt. "Uns geht es so gut hier", wird die älteste Tochter Hevi zitiert. Sie studiert Französisch, Latein und Chemie auf Lehramt. Der Vater hat Arbeit als Maschinentechniker, die Mutter engagiert sich im Vorstand der "Ezidischen Gemeinde Hessen" und koordiniert Spendenaktionen. Alles im Lot, "doch ihnen begegnen Vorurteile. Manche denken, wir sind Muslime, manche beschimpfen uns als Teufelsanbeter. Dabei gibt es im Jesidentum gar keinen Teufel", klären sie die Reporter auf. "Die Situation der Jesiden bestimmt ihren Alltag, ihre Verwandten leben in der Türkei und in Deutschland, sie haben Freunde in den vom IS umkämpften Gebieten." Als Teil der Diaspora sei es ihre Aufgabe, den Völkermord zu stoppen, sie versuchen es durch Spendenaktionen und Demonstrationen.

Dichterin Friederike Mayröcker feiert 90.

In den Wochenendausgaben übertreffen sich die Feuilletons mit ihrem Lob auf eine ganz Große der Literatur: Am Samstag feiert die österreichische Dichterin Friedericke Mayröcker ihren 90. Geburtstag. "Mayröcker zu lesen, ist ein wenig, als hörte man Free Jazz. Feste Themen, gar eine kleine Geschichte, gibt es in ihren Figurationen nicht", schreibt Nico Bleutge im TAGESSPIEGEL. "Eher sind es lose Ideen und Sprachformen, die sie ein ums andere Mal streift und in immer neue Variationen überführt." Der Autor nennt sie "eine wildernde Muse der Sprache", in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG erfindet Franz Haas die Überschrift "Wunderfee und Küchenmagd der Poesie" und resümiert: "Eingekeilt zwischen Dadaismus und Surrealismus hat sie ein dichterisches Werk von unübertrefflicher poetischer Vielfalt und existentieller Verve verfasst."

 

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