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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.04.2012

Radikales Tagebuch des eigenen Zerfalls

Buch der Woche: Joan Didion: "Blaue Stunden", Claassen, Berlin, 2012, 208 Seiten

Nach dem Tod ihrer Tochter bleibt Joan Didion nichts mehr. (dapd / Frank Augstein)
Nach dem Tod ihrer Tochter bleibt Joan Didion nichts mehr. (dapd / Frank Augstein)

Die amerikanische Essayistin und Schriftstellerin Joan Didion hat innerhalb weniger Jahre zuerst den Tod ihres Mannes und dann den Tod ihrer Tochter erleben müssen. Um das zu verwinden hat sie getan, was sie ihr Leben lang gemacht hat: geschrieben.

"Blaue Stunden" hat Joan Didon ihr neues Buch genannt. Als wolle sie schreiben über die späten Nachmittagsstunden voller Verheißung, die ein Versprechen ahnen lassen, eine Möglichkeit. Doch das Blau vergeht, und es kommt das Frösteln aus dem drohenden Dunkel der Nacht.

Innerhalb weniger Jahre hat die große Essayistin und Schriftstellerin Joan Didion ihren Mann und ihre Tochter verloren. Und schreibt an gegen den Tod und die Angst. Sie ist nun allein, ist krank, alt, zerbrechlich. Sie kann nicht mehr hoffen, aber kann sie noch schreiben? Und könnte sie sein, ohne ihr Leben in Worte zu fassen? Ihrem Leben eine Fassung zu geben aus Worten?

"Das Jahr magischen Denkens" hieß das so analytisch kluge wie ergreifende Buch, das Didion nach dem Tod ihres Mannes schrieb. Und es gab darin neben der Verzweiflung Raum für beschwörende Fantasien einer möglichen Rückkehr des Toten. Seitdem ihr Kind gestorben ist, gibt es kein magisches Denken mehr, keinen Trost in irgendeinem Denken. Zwar schreibt sie auch jetzt, schreibt, um Halt zu finden. Aber sie ahnt, dass ihr Mühen vergeblich sein wird.

Quintana, das perfekte kleine Mädchen, dass sie und ihr Mann 1966 adoptierten, ist nach sechs Hirnoperationen und zahlreichen Intensivstationen mit 39 Jahren gestorben. Nach einem Leben, das offenbar auch selbstzerstörerisch war. Denn das perfekte kleine Mädchen trank und strauchelte immer wieder.

Und nun hadert die Mutter mit sich. War sie das Problem? Hat sie dem Mädchen die Kindheit genommen, ihm zu viel zugemutet, weil es das Leben der Eltern mit lebte? Der Eltern, die auch Drehbücher für Hollywood schrieben, an Drehorte reisten, in Luxushotels wohnten, mit Paul Newman speisten. Das Kind nahmen sie mit - nach Los Angeles oder Honolulu, nach London oder Paris.

60 Kleider hängen im Schrank des kleinen Mädchens."Erst später sah ich, dass ich sie wie eine kleine Puppe großgezogen hatte."

Didion will keine Erinnerungen. Auch keine schönen. Weil sie nicht mehr glaubt, die Momente schön gefunden zu haben, als es sie gab. Da bahnt sich die Selbstbefragung den Weg zur Selbstzerstörung. Und man möchte am liebsten die Autorin in ihrer furiosen Verwüstung des Gewesenen schützen. Denn jetzt verliert sie, die schon die Gegenwart kaum erträgt, auch noch ihre Vergangenheit.

Didion trauert nicht mehr allein um ihre Tochter. Sie trauert um sich. Schreibt sich mitten hinein und mit fast beängstigender Verve in den Abgrund des Entsetzens. Wohin sie den Leser mitnimmt. Sie will, dass wir ihr folgen auf ihrem Weg in die Leere. Denn sie erzählt zwar von sich, bleibt aber nur scheinbar privat. Fragt sie doch nach dem, was uns alle angeht. Nach dem Lebenkönnen im Alleinsein, im Alter, in der Schwäche.

Und beschreibt in peinigender Akribie den körperlichen Abbau, die Ängste, die Kraftlosigkeit, die Krankheiten. Das Buch der Trauer ist auch ein radikales Tagebuch des eigenen Zerfalls. "Nicht jammern" schreibt sie auf eine Karteikarte und heftet sie an die Korkwand.

Das ist ein anrührender, deprimierender und verstörender Text. Schwarz und leuchtend. Den man beeindruckt und nicht ohne Angstlust liest.

Besprochen von Gabriele von Arnim

Joan Didion: Blaue Stunden, übersetzt von Antje Ravic Strubel, Claassen, Berlin, 2012, 208 Seiten, 18 Euro

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