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Länderreport | Beitrag vom 10.09.2018

Quereinsteiger als Lehrer"Wenn es denn gut läuft, ist es echt beflügelnd"

Von Anja Nehls

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Der Lehrer Florian Schempp unterrichtet an der Friedenauer Gemeinschaftsschule in Berlin in einer Willkommensklasse Deutsch.  (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Unterricht an einer Berliner Gemeinschaftsschule (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Von den 2.700 in diesem Jahr neu eingestellten Lehrkräften in Berlin sind nur gut ein Drittel klassisch ausgebildete Pädagogen. Der Rest sind Quereinsteiger. Wie gut die sich im Schulalltag schlagen, hat Anja Nehls an einer Schule in Neukölln erfragt.

"Also Proportionen sind wichtig, und die Relation zueinander von den Objekten. Also das ist eine Aufgabe, auf die ihr Euch gut vorbereiten könnt, die kommt höchstwahrscheinlich vor in der Klausur. Sobald ich die Termine habe, sage ich Euch Bescheid."

Veronika Albrandt sammelt einen Stapel Bleistiftzeichnungen ein. Sie unterrichtet Kunst und Mathematik an der Fritz-Karsen-Gemeinschaftsschule in Berlin-Neukölln. Seit zwei Wochen ist die sportliche 35-Jährige hier Lehrerin – als Quereinsteigerin. Von über 2.700 Lehrkräften, die in Berlin zu diesem Schuljahr neu eingestellt wurden, sind nur gut ein Drittel ausgebildete Pädagogen.

"Ich könnte mehr Schlaf gebrauchen"

Veronika Ahlbrandt hatte zwar mal Kunst und Mathematik studiert, aber nicht auf Lehramt. Der neue Job bringt nun im Gegensatz zur Wissenschaft ein sicheres Einkommen, ist aber auch ganz schön anstrengend:

"Ich könnte mehr Schlaf gebrauchen. Aber eigentlich mag ich den Job, auch wenn es vielleicht mal nicht so glatt läuft. Wenn es denn gut läuft, ist es echt beflügelnd."

Zeit für weitere Erklärungen bleibt nicht, denn Veronika Albrandt muss kurzfristig in einer siebten Klasse vertreten. Über 1.200 Kinder lernen an der Fritz-Karsen-Schule. Das Schulgelände ist groß, es gibt mehrere Gebäude, für Veronika Albrandt ist noch alles neu:

"Wissen Sie, wo die 7.3 ist?"
"Über Aula reingehen, dann nochmal rechts durch die Glastür und da ist dann der Chemiebereich."

Im Laufschritt geht es über den Schulhof und durch die Flure. Die siebte Klasse hat jetzt eigentlich Naturwissenschaften, und als sie den Raum findet, sind die Kinder auch schon mitten im Experiment. Fällt der Tischtennisball oder die Plastikkugel schneller aus einem Meter Höhe auf den Boden?

"Auf die Plätze, fertig, los. Klack. Sechsundsechzig. Okay. Dann aufschreiben."

Kai Passchir, ein junger Mann mit kleinem Piercing und großer Begeisterung, steht an der Tafel und erklärt den Versuch. Und er bleibt auch extra noch länger, damit die Neue mit der Klasse nicht alleine ist. Dabei ist er selber eigentlich noch Student und erst nach einem Referendariat – im Schuljargon "Ref" genannt – voll ausgebildeter Lehrer:

"Ich bin eigentlich auch nur Aushilfslehrer, ich mache gerade meine Masterarbeit fertig, um dann ins Ref einzusteigen. Und heute Morgen habe ich gesehen, dass ich Vertretung habe in der Siebten: Naturwissenschaften, und da ich Physik und Biolehrer bin, geht das halt. Ich weiß, dass die in der Siebten erst mal Experimentieren lernen, welches Thema genau wusste ich aber nicht."

"Die machen eine wirklich gute Arbeit"

Aber die Kinder sind mit Feuereifer dabei und die beiden Nachwuchslehrer haben die Klasse im Griff. Von ungefähr 160 Pädagogen an der Schule sind ein gutes Dutzend Quereinsteiger. Manche sind schon lange dabei, vier sind zu diesem Schuljahr neu dazugekommen, sagt der Schulleiter Robert Giese. Die Erfahrungen seien überwiegend gut:

"Beispielsweise der Physikfachbereich lebt fast nur noch von Quereinsteigern. Da gibt es nur einen Kollegen, der wirklich ausgebildet ist als Mathe-Physiklehrer. Und die anderen Kollegen kamen aus der Wissenschaft, aus der Physik, auch eine Astrophysikerin, die wir haben. Und die haben sich den pädagogischen Herausforderungen gestellt und machen eine wirklich gute Arbeit.

Wir hatten einmal einen Kollegen, dem haben wir empfohlen, sich eine andere Schule zu suchen, nachdem er mit viel Mühe und Unterstützung geschafft hat, seinen Abschluss zu machen. Der arbeitet jetzt im Oberstufenzentrum, da ist pädagogisch nicht so viel falsch zu machen."

Die Größe der Schule sorgt dafür, dass Giese den Quereinsteigern am Anfang das Leben ein wenig erleichtern kann:

"14 Prozent unserer Schüler haben sonderpädagogischen Förderbedarf, dadurch haben wir Stunden, die wir einsetzen können, damit eine Klasse nicht völlig alleine laufen muss. Das heißt wir müssen nicht, was wir eigentlich müssten, die Kollegen mit ihren 13 Stunden vollständig vor der Klasse stehen lassen, alleine."

Die Quereinsteiger sind überall dabei, lernen durch Abschauen, Fragen und Learning by Doing. Sie müssen 13 Stunden pro Woche unterrichten und sich, je nach Ausgangsvoraussetzung, auch noch in drei mal dreistündigen Seminaren pro Woche pädagogisch fortbilden.

Eine Riesenbelastung, aber unerlässlich, meint Luis van Splunteren, der hier an der Schule seit einem knappen Jahr Psychologie und Politik unterrichtet. Dass er vorher lange als Stadtführer gearbeitet hat, habe nur bei den älteren Jugendlichen geholfen, nicht aber in der Mittelstufe:

"Das hat gar nichts damit zu tun, wie man erwachsene oder Jugendliche durch die Stadt führt. Die haben so viel Energie in der 5. oder 6. Klasse, und wie man damit klarkommt, da war ich eher unvorbereiteter. Da hat es mir wahrscheinlich schon geholfen, dass ich Selbstvertrauen habe. Aber didaktisch- pädagogischer Input hat mir schon gefehlt."

Ein anderer Quereinsteiger hat fast zehn Jahre eine Kunstgalerie geführt und studiert nun noch Mathematik, um neben Kunst ein zweites Fach unterrichten zu können. Eine Frau aus Spanien, studierte Architektin, unterrichtet ebenfalls Kunst und Mathe.

"Ganz neue Energie"

Als sie und eine andere Quereinsteigerin die Klasse ihrer Tochter übernommen haben, waren alle erst misstrauisch und dann begeistert, meint diese Mutter, weil die beiden…

"…wirklich ein Unterrichts- und ein Lehrkonzept aufgebaut haben, was die Schüler absolut fasziniert hat. Sie sind da mit einer ganz neuen Energie an die Klasse rangetreten und haben gesagt, so wollen wir mit Euch arbeiten - und die haben das wunderbar gelöst."

Nicht überall jedoch sind Eltern und Schüler zufrieden. An seinem Gymnasium wird der 17-jährige Timothey Schröder im Mathe Leistungskurs von einem Quereinsteiger unterrichtet:

"Wir haben einen sehr qualifizierten Lehrer, der auch promoviert hat, das Problem ist bloß, der kann nicht erklären, erklärt auch nicht."

Und das müssten die Schüler und künftigen Studenten dann ausbaden:

"Ich befürchte eben, dass meine mathematischen Fähigkeiten dadurch beeinträchtigt sind durch den Lehrer, auch wenn er es versucht, und dass mich das im Studium und auch im beruflichen Leben hindern wird, eine gute Karriere zu machen."

Quereinsteiger können Lehrermangel nur kaschieren

An der Fritz-Karsen-Schule ist der Schulleiter mit seinen Quereisteigern zufrieden. Die benötigte Hilfe und Unterstützung belaste die anderen Kollegen zwar zusätzlich, willkommen seien die Quereinsteiger dennoch, meint Schulleiter Robert Giese:

"Es wird ja gesehen, na klar brauchen wir Lehrer. Und es wird auch sehr kritisch gesehen, dass die Lehrerausbildung über diese Art des Quereinstiegs ein bisschen entwertet wird. Die Kollegen haben eineinhalb Jahre jetzt, die haben Seminare, die haben viel Pädagogik, aber es ist nicht Dasselbe, als wenn ich Pädagogik studiert habe."

Die Quereinsteiger können das Problem Lehrermangel nur kaschieren, nicht beheben. Zwar sind die Ausbildungskapazitäten in Berlin jetzt erhöht worden, aber die Zahl der Schüler wächst voraussichtlich schneller. Um 40.000 in den vergangenen fünf Jahren. Allein zwischen 2017 und 2018 kamen rund 8.000 Schüler hinzu. Tendenz weiter steigend.

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