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Breitband | Beitrag vom 14.11.2020

„Querdenken“-Bewegung"Die Abkehr von den Medien ist ein zentraler Punkt von Radikalisierung"

Sascha Lobo im Gespräch mit Teresa Sickert und Tim Wiese

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Polizisten nehmen aggressive Teilnehmende der "Querdenken" Demonstration in Leipzig in gewahrsam, 7. November 2020. (picture alliance/Anadolu Agency/Abdulhamid Hosbas )
"Da hätte man, glaube ich, sehr viel offensiver einordnen können und müssen", sagt Sascha Lobo (picture alliance/Anadolu Agency/Abdulhamid Hosbas )

Die „Querdenken“-Bewegung ist eine Minderheit, allerdings eine laute, die es versteht, sich in Szene zu setzen. Die Medien hätten zu selten transportiert, wie Rechtsextreme Teil der Proteste geworden sind, sagt Sascha Lobo.

Die Gruppe der "Querdenker" ist heterogen. Neben Impfgegnern, Corona-Leugnern, Esoterikern, Friedensaktivisten und Antikapitalisten versammeln sich auch Rechtsextreme. Am Freitag bestätigte das Bundesinnenministerium, dass sich der Verfassungsschutz mit der Bewegung befasst. 

Die "Querdenken"-Bewegung ist zwar laut, allerdings sind die Protestierenden nur ein kleiner Teil der Gesellschaft. Die Mehrheit spricht sich gegen die Proteste aus. Der Blogger und Autor Sascha Lobo betont, dass es dennoch wichtig sei, die Bewegung in den Medien zu thematisieren und über sie zu berichten.

"Querdenker" verbreiten Haltungen der Impfgegner

Denn ihre Wirkung gehe weit über die Teilnehmer der Demonstrationen hinaus, weil sie eine größere Stimmung aufgreift und verschiedene Strömungen vereint. So verbreiten die "Querdenker" beispielsweise die Haltung der Impfgegner, auch in den sozialen Medien. "Da reicht es schon, dass man mit ein paar Schlagworten und vermeintlichen Studien oder vermeintlichem Besserwissen die Leute dazu bringt, so ein bisschen skeptischer zu sein, zum Beispiel was eine kommende Corona-Impfung angeht."

Sascha Lobo am Messestand bei Deutschlandfunk dun Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandradio/ David Kohlruss)Medien müssten Bewegungen wie die "Querdenker" offensiver einordnen, sagt Sascha Lobo. (Deutschlandradio/ David Kohlruss)

Den großen Medien fehle manchmal die Distanz und den Berichten eine ausreichende Einordnung der "Querdenken"-Bewegung: "Aus meiner Sicht konnten die zu lange so tun, als seien sie bloß skeptisch eingestellt gegenüber bestimmten Maßnahmen der Bundesregierung", sagt Sascha Lobo.

Aus Lobos Sicht haben die Medien zu selten transportiert, wie Rechte und Rechtsextreme Teil der Proteste geworden sind. "Und wie unempfindlich viele von denen, die nicht rechtsextrem sind, auch demgegenüber waren, dass da auf einmal Nazis mitmarschiert sind. Da hätte man, glaube ich, sehr viel offensiver einordnen können und müssen", sagt Sascha Lobo.

Aufbau von Parallelrealitäten

Ein verbindendes Element der Protestierenden ist die Medienfeindlichkeit. Bei der Demonstration in Leipzig kam es zu zahlreichen, gewalttätigen Ausschreitungen gegen Journalisten. Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die Bewegung radikalisiert?

"Die Abkehr von den großen Medien ist bei fast allen Formen von Radikalisierung ein sehr zentraler Punkt", sagt Sascha Lobo. "Weil das in eine Richtung geht, wo man auf einmal eine Verschwörung viel leichter für sich selbst rechtfertigen und erklären kann, wenn die großen Medien unter einer Decke stecken. Und damit baue ich eine Parallelrealität auf und das ist der nächste Schritt bei einer Radikalisierung."

Der Autor plädiert deshalb auch an die Medien, daran zu arbeiten, das Vertrauen der Öffentlichkeit in sie zu stärken – zum Beispiel durch Transparenz und eine Fehlerkultur. 

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