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Fazit | Beitrag vom 06.11.2019

Provenienzforschung an ostdeutschen MuseenUngereimtheiten im Bestand

Von Silke Hasselmann

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Der Haupteingang des Staatlichen Museums Schwerin aus leichter Froschperspektive. (Westend61 / imago-images)
Im Staatlichen Museum Schwerin befinden sich Bilder des Malers Otto Nagel, deren Herkunft nicht geklärt ist. (Westend61 / imago-images)

Der Maler Otto Nagel war in der DDR hochgeschätzt. Dennoch übte der Staat Druck auf dessen Erben aus, damit die auf den Nachlass verzichten. Der Fall wird bei den Staatlichen Museen Schwerin jetzt exemplarisch für die Provenienzforschung aufgerollt.

Knapp 40 Kunstinteressierte haben den Weg durch die Galerie der Alten Meister gefunden, um zu erkunden, wie weit das Staatliche Museum Schwerin mit Fragen wie diesen gekommen ist: "Wie sind Objekte zur Zeit der DDR in den Bestand von Museen gekommen? Anhand von Werken des Malers Otto Nagel gehen wir der Sache in unserem Haus auf den Grund und wollen es genau wissen. Herzlich willkommen!"

Das Forschungsprojekt von Otto Nagels Enkelin

Damit begrüßt die Direktorin der Staatlichen Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Pirko Zinnow, zunächst Salka Schallenberg. Die ist nicht von ungefähr aus Magdeburg angereist, sondern auf Spurensuche im Schweriner Museum, das einige Werke von Otto Nagel sein Eigen nennt. Das bekannteste, so Pirko Zinnow:

"Das Bild 'Der Briefträger' von Otto Nagel ist ein Bild, was fast jedes Kind kennt in der DDR. Und insofern ist Otto Nagel ein Begriff auch hier natürlich in Schwerin. Tja, die Anfrage kam folgendermaßen in das Haus: Frau Salka Schallenberg, die Enkelin des Malers Otto Nagel, hatte mich angeschrieben und gefragt, ob die Bilder ihres Großvaters, die nach Aktenlage im Staatlichen Museum sein müssten, ob die tatsächlich im Bestand verzeichnet sind."

Diese Frage stellte Salka Schallenberg allen ostdeutschen Museen, die einer Liste vom DDR-Kulturministerium aus den 70er-Jahren  zufolge Gemälde oder Zeichnungen von Otto Nagel besessen haben: "Ich habe ja ein Forschungsprojekt gestartet und ich wollte einfach wissen: Sind die noch da?"

Die Rolle der Stasi-Abteilung KoKo

Denn einerseits hatte der Berliner Maler viele seiner Bilder an den DDR-Kunstfonds verkauft, damit dieser die Kunst in die Museen brachte. Auf diese Weise sind in den 50er- und frühen 60er-Jahren vier Bilder und eine Zeichnung auch nach Schwerin gelangt.

Doch Recherchen gaben Anlass zu der Vermutung, dass die DDR so manches Museumsbild heimlich über die Stasi-Abteilung Kommerzielle Koordinierung (KoKo) im Westen verhökert hatte, um an Devisen zu kommen.

Das galt auch für Otto Nagels Werke, die er 1967 nach seinem Tod der Familie vermacht hatte. Die DDR habe nicht gewollt, dass sich die Familie um den künstlerischen Nachlass kümmert und drohte den Erben mit horrenden Erbschaftssteuern, die sie nie im Leben hätten bezahlen können. Ein gängiges Muster, wie sich jetzt zeigt, da immer mehr Akten erschlossen und zugänglich werden. Aber, so Salka Schallenberg:

"Dass aber Bilder andersrum in die Museen gelangt sind, das wussten wir gar nicht. Das ist erst ein neuer Forschungsansatz. Wir dachten nur: 'verkauft in den Westen, gegen Devisen'."

Bei den meisten Nagel-Bildern im Staatlichen Museum Schwerin konnte die Herkunft bereits als unbedenklich und völlig korrekt geklärt werden. Bei zwei anderen recherchieren die Kunsthistoriker noch.

Salka Schallenberg steht vor den Gemälden "Blumenstück" und "Der Briefträger" ihres Großvaters Otto Nagel im Staatlichen Museum Schwerin. (Silke Hasselmann)Salka Schallenberg, Enkelin des Malers Otto Nagel, vor dessen Gemälden "Blumenstück" und "Der Briefträger". Die Herkunft des linken Bildes ist noch nicht vollständig geklärt. (Silke Hasselmann)

Wann sollten Museen hellhörig werden, wenn sie wissen wollen, ob sich in ihrem Bestand oder auf dem Markt vom DDR-Staat unrechtmäßig entzogene Kunst befindet? Uwe Hartmann vom Deutschen Zentrum Kulturgutverlust empfiehlt zunächst einen Blick auf den Zugang: 

"Bei allen Zugängen in den fraglichen Zeiträumen zwischen 1945 und 1949, und vor 1989, und wenn wir dann einen zweiten Blick in die Dokumentation werfen und dort entweder Lücken oder Ungereimtheiten finden, dann ist die Pflicht da, weiter zu forschen. Ob man erfolgreich ist, hängt eben von der Aktenlage ab, von der Quellenlage. Aber allein schon die Erwerbung in diesen Zeiträumen und wenn da ein Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden kann, dann muss man tiefer bohren."

Zusätzliches Geld für Forschungszwecke

In Schwerin kann ab Januar übrigens sehr tief gebohrt werden. Das Zentrum Kulturgutverlust stellt dem Staatlichen Museum Schwerin 143.000 Euro zur Verfügung, freut sich die Direktorin der Staatlichen Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Pirko Zinnow:

"Jetzt haben wir das große Glück, dass wir mit den Deutschen Zentrum Kulturgutverluste eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet haben, die uns in die Lage versetzt, einen Provenienzforscher für zwei Jahre ins Haus zu holen, der sich jetzt intensiv noch mal mit der Frage beschäftigt: 'Wie ist die Kunst in das Staatliche Museum Schwerin gekommen zur Zeit der DDR?' Welche Handlungsspielräume hatten Mitarbeiter damals in der Zeit? Welche Strukturen und Abläufe gab es? Also da können wir jetzt nochmal richtig intensiver einsteigen."

Im Rahmen des Projekts "Museumsdetektive" informieren die Kulturredaktionen des NDR in TV, Radio und online über die Forschung norddeutscher Ausstellungshäuser nach der Herkunft ihrer Objekte: NDR Museumsdetektive - Provenienzforschung

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