Dienstag, 11.05.2021
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 02.01.2014

ProgrammschwerpunktSelbstvermessung birgt Suchtgefahr

Sportwissenschaftler Froböse: Einzelne Parameter suggerieren eine falsche Sicherheit

Moderation: Ute Welty

Ein Mann auf einem Ergometer mit Sensoren am Körper (AP)
Für medizinische Untersuchungen angebracht - für den Alltagsgebrauch überflüssig: die Vermessung des Körpers (AP)

Nach Ansicht des Sportwissenschaftlers Ingo Froböse könnte der Druck zur ständigen Selbstüberprüfung und des Vergleichs bei vielen eine Sucht auslösen. Zudem reiche die Messung eines einzelnen Parameters nicht aus, um die Komplexität des Körpers zu erfassen, erklärt der Professor der Deutschen Sporthochschule in Köln im Interview.

Ute Welty: "Essen und Trimmen, beides muss stimmen" oder "Immer nur Schach ist genauso falsch wie immer nur Fußball" oder "Lieber moppelig und fit als schlank und unfit". Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln hat‘s drauf, wenn es um die Sprüche geht, und schaut gern einmal genauer hin, wenn es um die Fakten geht. Und von daher trifft es sich gut, dass wir heute reden können im Rahmen unserer Reihe über Selbstvermessung und Selbstoptimierung. Was das alles bringt für Leistungssportler und für solche, die es werden wollen. Guten Morgen!

Ingo Froböse: Guten Morgen

Welty: Messen Sie schon oder laufen Sie noch? Wobei ich die Frage auch umgekehrt stellen könnte: Laufen Sie schon oder messen Sie noch?

Froböse: Also, ich laufe natürlich immer noch, aber ich habe aufgrund meiner jahrelangen Erfahrung so ein bisschen ein Körpergefühl entwickelt. Und das können gute Sportler auch in der Regel: Dass sie genau wissen " "Wie ist meine Belastungszusicherung insgesamt?" und dementsprechend heißt es: "Ich messe nicht mehr!"

Welty: Das heißt, sie verzichten auch auf so einen Quatsch wie Pulsuhren?

Froböse: Es ist ja nicht unbedingt Quatsch. Das macht schon irgendwo Sinn, insbesondere dann, wenn ich Anfänger bin oder wenn ich extreme Leistungsentwicklungen mal einfach beobachten möchte. Für die Anfänger deswegen, weil die Anfänger sich so ein bisschen - wir nennen das immer - eichen können. Die haben ja oft so kein richtiges Körperbewusstsein, und das bedeutet, dass sie so eine gewisse Einschätzung erst mal bekommen müssen. Und da hilft natürlich ein derartiges technisches Equipment so ein bisschen zu sehen, wo bin ich eigentlich gerade, wo stehe ich eigentlich gerade? Überlaste ich mich, bin ich in der richtigen Pulsfrequenz oder bin ich doch ein bisschen überfordert oder unterfordert. Dazu hilft das wirklich ausgezeichnet. Oder eben für diejenigen, die wirklich sich ständig dokumentieren wollen, die also genau wissen, wie ist meine Trainingsentwicklung, weil ich in drei, vier, fünf Monaten vielleicht einen Marathon habe. Auch für die macht das möglicherweise Sinn.

Welty: Welche Messungen halten Sie für sinnvoll, und welche für verzichtbar? Ganze Generationen von Läufern sind ja im Kölner Grüngürtel gestochen worden, um zum Beispiel Laktatwerte zu erheben.

Froböse: Ja, also wissen Sie, wir machen das ja zum Beispiel auch einmal im Jahr, indem wir uns einfach so auf die Parkbank da irgendwo hinstellen und Jogger anhalten, Männer insbesondere, um 'mal zu gucken, wie belasten die sich eigentlich? Und da müssen wir schon sagen: So 70 bis 80 Prozent der Männer belasten sich einfach zu hoch.

Das Höher-, Schneller-, Weiter-Phänomen der Männer

Welty: Warum ausgerechnet die Männer?

Froböse: Weil Männer doch so ein bisschen das Gefühl haben, okay, Höher-, Schneller-, Weiter-Phänomen so ein bisschen haben, es muss immer bis an die Grenze herangehen. Und da erkennen wir doch deutlich, dass viele sich einfach überziehen, gerade eben Männer. Frauen sind da viel sensibler, haben eine viel größere Bewusstheit auch im Umgang mit ihrem Körper, aber auch letztendlich auch, obgleich es ein Klischee sein mag, ähnlich wie das Training, dass wir eben nicht immer an die Grenze gehen müssen. Und da erkennen wir eben, dass 70 bis 80 Prozent gerade der Jungs, einfach viel zu schnell laufen. Und da erkennen wir schon, es macht manchmal Sinn, wenn sie doch ein bisschen mehr sich vielleicht regelmäßig einmal im Jahr vielleicht mal kontrollieren lassen würden. Ich würde zu einem guten Sportarzt, zum Sportmediziner zum Beispiel gehen, um zu sagen, hör mal, das ist so insgesamt dein Limit, über das du nicht hinausgehen kannst. Da, würde ich sagen, hilft zum Beispiel gerade in den ersten Wochen eine Pulsuhr. Diese Pulsuhr ist das einfachste Equipment, bekommt man für 20, 25 Euro. Dann hat man so eine gewisse Eichung, die sicher hilft. Ich muss keinen Laktatwert letztendlich bekommen. Das kann man schon haben, brauchen aber in der Regel meistens nur die Spitzensportler, um so wirklich kleine Nuancen noch herauszuarbeiten. Viel entscheidender, viel besser ist, was ich immer sage: "Achte doch mal auf deine Atmung!" Das kann man wunderbar als Tipp geben beispielsweise: Anfänger laufen, indem sie auf vier Schritte einmal ein- und auf vier Schritte einmal ausatmen. Dann sind Sie in einem absolut wunderbaren, sauerstoffreichen Trainingsniveau.

Welty: Und wenn ich das nicht schaffe?

Froböse: Dann muss ich einfach mein Tempo zurückschrauben. Einfach langsamer laufen. Indem ich sage: Hör 'mal, weißt du 'was, ich orientiere mich nicht an den Joggern, die mich überholen, sondern gehe vielleicht doch wieder zurück ins Walken. Also vier Schritte einmal ein, vier Schritte einmal aus ist an sich das richtige Niveau. Spitzensportler oder Sportler insbesondere, wenn sie ein bisschen an die Leistung herangehen wollen, um die Leistung zu optimieren, drei Schritte einmal einatmen, drei Schritte einmal ausatmen. Denn die Atmung ist ein wunderbarer Indikator, um insgesamt die Trainingsbelastung messen zu können. Da muss man nicht intensiv messen sogar.

Welty: Auf wie viele Schritte atmen Sie ein und aus?

Froböse: In der Regel auch so zwischen drei und vier. Normalerweise, wie gesagt, 80 Prozent meines Tempos laufe ich in der Regel mit diesen vier Schritten einmal ein, einmal aus. Weil das ist an sich die Grundlage des Trainings, um die Basis zu schaffen. Und wenn ich wirklich etwas auch für meine Gesundheit tun möchte, und das tue ich – ich möchte nicht mehr insbesondere leistungsmäßig etwas tun –, dann reichen diese vier Schritte und Einatmen letztendlich aus.

Technik bedient unser Bedürfnis, uns komplett zu vermessen

Welty: Wie groß ist das Risiko, sich überhaupt insgesamt in der Welt der Zahlen zu verheddern? Weil: Abfragen kann man ja alle möglichen Werte, nicht nur Laktat und Puls und Atmung.

Froböse: Leider bedient die Technik – oder vielleicht zum Glück auch – die Technik unser Bedürfnis offensichtlich, uns komplett zu vermessen. Und es gibt ja zum Beispiel einen, diesen Google-Gründer, Sergey Brin, beispielsweise, bei dem ist etwas entdeckt worden, dass er möglicherweise eine genetische Prädisposition für eine Erkrankung hat. Und seitdem durchleuchtet er sich komplett. Und man wird ja kirre dadurch, das muss man ja sagen. Wenn man einer Zahl hinterherrennt – und wenn diese sich verändert, könnte das möglicherweise ja ein Indiz, ja ein Problem sein. Und das Gleiche [gilt ja letztendlich beim Training auch. Letztendlich, wenn ich eine Zahl sehe, habe ich sofort eine Messgröße und sage: "Oh, bin ich schlechter oder bin ich besser geworden!" Das suggeriert ja eine gewisse Sicherheit, aber die Sicherheit ist ja gar nicht vorhanden. Letztendlich ist der Körper viel komplexer, als dass er sich in einigen, wenigen Zahlen ausdrücken lässt.

Welty: Heißt das im Umkehrschluss, dass der einzelne Wert sowieso nichts aussagt?

Froböse: Also, wenn man das ganz extrem beschreiben möchte, würde ich sagen: "Ja!" Das heißt, nur eine Reduktion auf einen einzigen Parameter ist oft nicht wirklich in der Komplexität dessen, was im Körper passiert, reicht in der Regel nicht aus. Deswegen suchen wir ja auch, meistens auch von der Sportwissenschaft immer nach neuen Parametern. Haben wir ja früher zum Beispiel immer sehr nach Laktat geschielt, gehen wir heutzutage, wie ich gerade schon mal beschrieben habe, sehr viel mehr über die Atmung, über die Atemfrequenz, über das Atemminutenvolumen, weil der Sauerstoff und dessen Verarbeitung uns viel mehr Informationen zum Beispiel gibt als nur ein Parameter wie Laktat beispielsweise beispielsweise, der nur die Milchsäure im Blut beschreibt.

Welty: Kennen Sie Fälle, wo sich das Messen zu einer Art Sucht entwickelt hat?

Froböse: Oh ja, diese Fälle kenne ich schon. Es gibt wirklich viele, die – wir kennen das beispielsweise auch von den Handyusern, wenn das Handy nicht da ist, plötzlich hat man eine gewisse Unsicherheit. Und das Gleiche gilt beim Laufen auch: Wenn die Pulsuhr plötzlich fehlt, oder wenn die Pulsuhr während des Laufens plötzlich die Batterie aufgibt, dann fühlen sich viele unsicher. Und das heißt, das geht dann wirklich bis zur Sucht, indem dann eine derartige Abhängigkeit sich ergeben hat, dass dann völlig chaotisch auch gelaufen und gehandelt wird, indem nicht mehr das richtige Tempo [gelaufen wird], indem wirklich auch eine Unruhe plötzlich vorherrscht, sozusagen: "Okay? Bin ich überhaupt auf einem richtigen Niveau?" Ich muss sofort quasi die Pulsuhr wieder reparieren. Man vergisst dabei, dass der Körper letztendlich und das Beachten des Körpers das viel Bessere ist, wenn man darauf achten würde, um zu messen.

Welty: Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule in Köln über die Vermessung des Sports. Und morgen geht es um die Vermessung als Geschäftsmodell. Ihnen, Herr Froböse, erst mal herzlichen Dank!

Froböse: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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