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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.04.2013

Polizeiarbeit mit Twitter, Youtube und Facebook

Medienwissenschaftler sieht positive Aspekte bei der Fahndung mit sozialen Medien

Sebastian Denef im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Soziale Medien bieten die Möglichkeit, sehr schnell Informationen über große Bevölkerungsteile zu verbreiten.  (picture alliance / dpa)
Soziale Medien bieten die Möglichkeit, sehr schnell Informationen über große Bevölkerungsteile zu verbreiten. (picture alliance / dpa)

In Boston hat die Polizei die Bevölkerung via Twitter aufgerufen, Indizien und Hinweise zu melden. Laut Medienwissenschaftler Sebastian Denef greift die Polizei in den USA bei ihrer Fahndungsarbeit zunehmend auf neue elektronische Medien zurück. In Deutschland ist diese Praxis noch umstritten.

Marietta Schwarz: Es gibt zwei Verdächtige im Zusammenhang mit dem Bombenattentat von Boston. Durch Aufnahmen von Überwachungskameras und andere Videoaufzeichnungen konnten die Ermittler offenbar zwei Männer nahe der Explosionsstellen feststellen, die eine schwarze Nylontasche getragen haben. Die Fotos sind inzwischen weltweit übers Internet verbreitet, ohne moderne Technik läuft gar nichts mehr. Auch Mobilfunkdaten, einer der Männer hat offenbar telefoniert. Twitter und Google werden bei der Fahndung eingesetzt. – Sebastian Denef ist Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für angewandte Informationstechnik und momentan in St. Petersburg. Guten Morgen, Herr Denef!

Sebastian Denef: Guten Morgen, Frau Schwarz.

Schwarz: Jetzt rauscht es ordentlich. – Herr Denef, wenn Sie mich hören: Sind Social Media bei einem Anschlag wie in Boston eine wirkliche Hilfe?

Denef: Was man sagen muss, dass erst mal soziale Medien – und das zeigen unsere Studien – in allen Krisensituationen immer wichtiger werden, einfach dadurch, dass Bürger während solcher Situationen auf Informationen aus sozialen Medien vertrauen und auch neue Informationen dort produzieren.

Schwarz: Also im Prinzip der klassische "Augenzeugenbericht", der dann über Twitter sich in die Welt verbreitet?

Denef: Ja genau. Es geht natürlich auch darum, dass viele Bürger in solchen Situationen Informationen brauchen und darauf angewiesen sind, mehr zu erfahren, was passiert ist oder wie sie sich verhalten sollen, und hier bieten soziale Medien einfach die Möglichkeit, sehr schnell Informationen zu verbreiten über große Bevölkerungsteile.

In Boston fordert die Polizei Hinweise und Videos ein - via Twitter

Schwarz: Aber wie nutzt denn jetzt im Speziellen die Polizei die Vorteile des Internets?

Denef: Das ist sehr unterschiedlich. Was man zum Beispiel in Boston sieht, ist, dass die Polizei dort zum Beispiel auf Twitter aktiv ist und auch Nachrichten an die Bevölkerung schreibt, die sich dann auch entsprechend verbreiten. Was wir aber sehen …

Schwarz: Was ist das zum Beispiel?

Denef: Das sind allgemeine Informationen, Bestätigungen, was passiert ist, oder Hinweise mit Telefonnummern, an die man sich wenden kann, oder auch Aufrufe dazu, dass man, wenn man Videos zum Beispiel dort gedreht hat, dass man diese Videos dann auch der Polizei übermitteln soll. Da gibt es ganz unterschiedliche Arten von Nachrichten.

Schwarz: Also etwas, was früher vielleicht über eine Pressemitteilung gelaufen wäre und dann über die klassischen Medien verbreitet wird, geht jetzt schneller?

Denef: Ja genau. Es geht schneller, direkter und es passiert natürlich in einem Raum, in dem sowieso über dieses Ereignis gesprochen wird, denn dort redet natürlich nicht nur die Polizei oder Bürger, sondern auch andere Organisationen. Auch Presseorganisationen verbreiten dort Nachrichten. Und natürlich kommt es dort in Twitter, hat man auch gesehen während des Ereignisses in Boston, zu Gerüchten, dass zum Beispiel Mobilfunknetze abgeschaltet wurden. Auch hier hat die Polizei die Möglichkeit, dort Gerüchte richtigzustellen.

In Deutschland raten Datenschützer von der Social Media-Nutzung ab

Schwarz: Spielen soziale Netzwerke im Internet auch bei der Aufklärung eine Rolle?

Denef: Ja auch das sieht man. Was wir uns angeguckt haben ist, wie in Großbritannien die Polizei mit sozialen Netzwerken umgeht, und da wurden zum Beispiel während der Ausschreitungen im August 2011 soziale Medien ganz erheblich dafür benutzt, um Informationen an Bürger zu geben, um zum Beispiel Verdächtige zu suchen und da Ermittlungen zu unterstützen, und das war, so berichten uns die Polizeien, auch sehr erfolgreich.

Schwarz: Gibt es bei dieser Arbeit nicht auch rechtliche Graubereiche, was Datenschutz betrifft?

Denef: Ja das ist natürlich eine große Frage und das ist auch ein großes Thema, was die deutschen Polizeien zurzeit bewegt. Hier gibt es natürlich in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Richtlinien. In Deutschland ist es so, dass man sagt, dass die Fahndung, die Öffentlichkeitsfahndung, wie es zum Beispiel von der Polizei Hannover zurzeit bereits in Facebook betrieben wird, durchaus umstritten ist und diskutiert wird. Aber die Öffentlichkeitsarbeit und die Information an die Bürger zu liefern über soziale Medien, das ist ein Bereich, der weniger kritisch ist. Aber auch hier gibt es Landesdatenschutzbeauftragte, die allgemein öffentlichen Behörden von der Nutzung von sozialen Medien abraten.

Ein Problem: Behörden sind nicht an diese Geschwindigkeit gewohnt

Schwarz: Das dürfte in den USA wahrscheinlich nicht so ein großes Thema sein?

Denef: Ja, das ist nicht unbedingt die Schwierigkeit in den USA. Aber auch da gibt es Probleme, wo man sagt, wie passt eigentlich die Polizeikultur, die Art, wie die Polizei normalerweise kommuniziert, wie passt das zu sozialen Medien und wie kann man soziale Medien in den Arbeitsalltag integrieren. Das ist generell auch über datenschutzrechtliche Bestimmungen hinweg ein großes Problem für Behörden, weil diese Schnelligkeit und Geschwindigkeit der Interaktion ist eine, die nicht typisch ist für solche Organisationen.

Schwarz: Das heißt, es braucht auch eine Kompetenz der arbeitenden Polizisten, die wahrscheinlich nur noch Internet betreiben?

Denef: Ja, es gibt durchaus inzwischen Polizisten in einigen Polizeien, deren täglicher Job darin besteht, sich mit sozialen Medien zu beschäftigen und Informationen da zu verbreiten. Es gibt auch andere Polizeien, die das über ihre bisherigen Pressestellen machen. Was halt wichtig ist für die Polizei ist, dass sie immer gewährleisten muss, dass die Information, die verbreitet wird, richtig und verlässlich ist, und das ist durchaus eine Schwierigkeit, wenn man so schnell agiert, wie das in sozialen Medien der Fall ist.

Schwarz: Informationen von Sebastian Denef vom Fraunhofer-Institut für angewandte Informationstechnik zum Einsatz von Social Media bei der Polizei und in Krisensituationen wie der in Boston. Herr Denef ist zurzeit in St. Petersburg und deshalb war die Verbindung wahrscheinlich auch nicht so gut, wie wir uns die erhofft haben. Entschuldigung dafür.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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