Politikerfloskeln

Das Blabla nervt nur noch

04:22 Minuten
Lars Klingbeil (SPD) sitzt auf einem Podium, im Hintergrund der Schriftzug „Wie modernisieren wir Deutschland?“
Lars Klingbeil will Dinge gern "auf den Weg bringen" - eine von vielen Floskeln, die in der Politik oft benutzt werden. © picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka
Von Anne Müller |
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Wer die Politik verfolgt, kann den vielen Sprachfloskeln nicht entkommen. Sie dienen meist dazu, Sachverhalte zu verschleiern oder zu beschönigen – und tragen so auch zur Demokratiemüdigkeit bei.
Ich kann es nicht mehr hören, ehrlich: all die Worthülsen, die die Politiker uns täglich so um die Ohren hauen. „Wir werden das auf den Weg bringen“, „wir haben das und das auf den Weg gebracht“: Lieblingsfloskel von Lars Klingbeil.
Will der Mann denn in die Geschichtsbücher eingehen als jemand, dessen Rhetorik aus dem Speditionswesen kommt? Denn nur hier, im Transportbereich, wird „etwas auf den Weg gebracht“. Weil politisch und gesellschaftlich so vieles stockt und nicht vorangeht, wird zumindest sprachlich suggeriert: Es geht was voran!

Es geht voran: mit einer Kommission!

Auch so ein Packen-wir-an-Versprechen ist: „Dazu setzen wir eine Kommission ein“. Doch noch bevor dieser Kreis von Expertinnen und Experten überhaupt besetzt wird und das erste Mal tagt, kommen vorlaute Querschüsse, gern zuerst aus Bayern!
Von wegen, wir lassen da mal ein paar kluge Köpfe in Ruhe etwas erarbeiten! Und während da eigentlich eine Runde von Fachleuten Lösungsvorschläge diskutieren und ausarbeiten soll, kommen schon aus der ganzen Republik von Verbänden, Lobbygruppen und aus der Politik rote Linien, was auf keinen Fall gehen wird.
So funktioniert aber Kreativität nicht - und diese ist bei den Problemlösungen in unseren komplizierten Zeiten mehr denn je gefragt.

Bei Skandalen wird "lückenlos aufgedeckt"

Eine andere pseudo-forsche Politfloskel kommt immer dann, wenn jemand richtig Mist gebaut hat. „Wir werden das lückenlos aufdecken!“ Und? Was folgt? Wir hören erstmal gar nichts mehr von der Sache, höchstens noch von Streitigkeiten über die Zusammensetzung des Untersuchungsausschusses und dass bestimmte Akten nicht zur Verfügung gestellt wurden und so weiter und so weiter.
Erinnern Sie sich an einen einzigen Untersuchungsausschuss, an dessen Ende mal ein eindeutiges Ergebnis mit relevanten Konsequenzen stand?! Hm - tja, also ich nicht. Daher weiß ich sprachliches Checkerbunny, dass die Redewendung „rückhaltlose Aufklärung“ in der Politik bedeutet: „Teppich hoch und Besen her, aber nach außen hin Demokratiegesicht wahren!“
Eine andere Floskel kommt nach miserablen Wahlergebnissen zum Einsatz, in letzter Zeit besonders oft bei der SPD. Sie ahnen es! „Wir werden das Wahlergebnis erstmal gründlich analysieren und uns genau anschauen MÜSSEN und dann unsere Schlüsse daraus ziehen.“
Wirkt ernsthaft, wie gute Verlierer, die aus ihrem Scheitern etwas lernen möchten. Dynamik, selbst im Abgang! Tja, wäre da nicht das kleine Wörtchen „müssen“. Sie wollen es nämlich nicht wirklich, wer tut es schon gerne, da sind die in der Politik ganz menschlich.
Nichts für ungut, aber wenn die SPD weiterhin mit so wenig Fähigkeit zur Introspektion vor sich hindümpelt, dann läuft sie Gefahr, dass auf ihrem Grabstein auf dem Friedhof der Volksparteien neben dem der FDP steht: „Wir haben wohl die falschen Schlüsse gezogen!“ oder „Wir hätten die Ergebnisse noch besser analysieren sollen!“
Liebe gewählte Volksvertreter*innen, es ist eure Aufgabe, neue Gesetze zu verabschieden und den Laden Deutschland am Laufen zu halten, Missstände zu beseitigen und uns zu zeigen, dass ihr anpackt.
Wenn ihr immer betont, was ihr alles auf den Weg gebracht habt, dann ist das so, als wenn ein Bäcker ständig betont, dass er Brötchen gebacken hat, und das wäre doch wirklich etwas albern, oder?

Mehr Wahrhaftigkeit in der Sprache ist zumutbar

„Etwas auf den Weg bringen“, bedeutet eben leider nicht: „Wir liefern.“ Das aber wünschen wir uns doch alle von der Politik. Und nicht mit Floskeln abgespeist zu werden, die uns und damit die Demokratie nicht ernst nehmen. Und die sicherlich auch ein Stück weit zur Demokratiemüdigkeit beitragen.
Mehr Wahrhaftigkeit in der Sprache ist uns zumutbar, ja, würde gut ankommen, dessen bin ich mir sicher. Denn das unterscheidet uns - menschliche Sender wie Empfänger - doch von der gefütterten Maschine, der KI. Noch jedenfalls.

Anne Müller (Jg. 1963) arbeitete nach einem Studium der Theater- und Literaturwissenschaften zunächst als Radiojournalistin, dann als Drehbuchautorin. Seit ein paar Jahren schreibt sie Romane, der neueste mit dem Titel „Wer braucht schon Wunder“ (C. Bertelsmann), erschien 2023. Anne Müller lebt in Berlin.

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