Poesiefestival Poetica 7 in Köln

Der Klang als Archiv

56:49 Minuten
Uljana Wolf spricht bei der "Poetica 7" in Köln, 2022.
Hatte eingeladen: Uljana Wolf, Kuratorin und Gastgeberin des Poesiefestivals Poetica 7. © Poetica / Mario Brand
Moderation: Uljana Wolff · 05.06.2022
Audio herunterladen
Gedichte klingen und sind zugleich voller Klänge. Das Kölner Lyrikfestival „Poetica 7“ präsentierte neun hochkarätige Lyrikerinnen und Lyriker aus aller Welt, die in ihren Texten und mit ihrer Stimme alles Mögliche anstellten: „Sounding Archives“.
In seiner siebten Ausgabe widmete sich das Kölner Lyrikfestival „Poetica 7“ Gedichten als Speichern. Kuratorin Uljana Wolf, für ihren Essayband „Etymologischer Gossip“ (Kookbooks) gerade mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch ausgezeichnet, hatte neun Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt eingeladen. Sie trugen ihre Gedichte vor und sprachen mit Uljana Wolf darüber.
"Poetica 7" von links nach rechts: Uljana Wolf, Ain Bailey, Katharina Narbutovic, Swetlana Alexijewitsch, Don Mee Choi, Fiston Mwanza Mujila, Cecilia Vicuña, Anja Utler, Mihret Kebede, Carlos Soto Román, Yan Jun, Günter Blamberger und Ernst Osterkamp.
"Poetica 7" von links nach rechts: Uljana Wolf, Ain Bailey, Katharina Narbutovic, Swetlana Alexijewitsch, Don Mee Choi, Fiston Mwanza Mujila, Cecilia Vicuña, Anja Utler, Mihret Kebede, Carlos Soto Román, Yan Jun, Günter Blamberger und Ernst Osterkamp.© Poetica / Mario Brand

Immense Klangfülle

In der Aula der Kölner Universität wurde Anfang Mai gesungen und geheult, gebrummt und gemurmelt, geschrien und gescattet. Eine Komposition mit wenigen Worten, jedoch vielen Stimmen spielte das Mischpult ein, zweimal diente das Smartphone als Konterpart der Stimme, in einem Fall war es zuvor als Fieldrecorder eingesetzt worden. Die Klangfülle der „Sounding Archives“ war immens.
Die Eröffnungsveranstaltung des einwöchigen Festivals dauerte dreieinhalb sehr abwechslungsreiche Stunden. Die Sendefassung muss kürzer sein und daher auf die instruktiven Gespräche über die Gedichte sowie auf zwei Kurzessays verzichten. Online können wir Ihnen aber den Abend in voller Länge in zwei Teilen anbieten: und dort den zweiten .

„Sounding Archives“ kann zweierlei bedeuten: Liest man „sounding“ als Adjektiv, denken wir an Gedichte als Sprachspeicher, wie Thomas Kling es nannte – an klingende Depots potenzieller Vergangenheiten, an die Strahlkraft poetischer Texte, die seit Anbeginn oraler Traditionen durch ihren Sound beschwören, bewahren, warnen, erinnern. Liest man „sounding“ als Verb (genauer, als Gerundium), dann sind es die Gedichte selbst, die forschend, widerständig, aktiv, anderen Archiven eine Stimme geben – Körpern in der Erde, Aktenbergen, antiken Knotenschriften oder Kriegsfotografien. Wie beharrlich, widerständig, lustvoll und innovativ sich die zeitgenössische Dichtung weltweit mit der Vergangenheit und ihren Artefakten beschäftigt, das wird auf der diesjährigen Poetica zu entdecken sein.

Aus der Ankündigung der Poetica 7.

Mit Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland), Ain Bailey (Großbritannien), Don Mee Choi (USA), Yan Jun (China), Fiston Mwanza Mujila (Kongo/Österreich), Carlos Soto-Román (Chile), Anja Utler (Deutschland), Cecilia Vicuña (USA/Chile) sowie der Kuratorin Uljana Wolf (Deutschland). Maria Stepanova (Russland) ist nicht persönlich, jedoch mit einem Gedicht vertreten; sie konnte wegen einer Corona-Erkrankung erst nach der Eröffnung der Poetica am 2. Mai für ihren Auftritt anreisen. Die deutschen Übertragungen lesen Sophia Burtscher und Yvon Jansen sowie Philipp Plessmann, der den Abend auch mit eigenen Kompositionen begleitete.
Mehr zum Thema