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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.09.2018

PodiumsdiskussionNichts gelernt? Der tägliche Judenhass in Deutschland

Moderation: Christian Rabhansl

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Zwei gelbe Davidsterne sind an eine Stele am Marx-Engels-Forum in Berlin geschmiert (Imago)
Antisemitische Schmierereien am Marx-Engels-Forum in Berlin (Imago)

Ob Hetze im Internet oder Beschimpfungen auf offener Straße – antisemitische Äußerungen sind inzwischen in Deutschland keine Seltenheit mehr. Woher kommt das - und was hilft dagegen? Darüber diskutieren die Autorinnen Juna Grossmann und Sabine Adler.

Hetze im Netz, antisemitische Beschimpfungen auf der Straße und Angriffe wie beispielsweise der auf das jüdische Lokal in Chemnitz sind in Deutschland heute keine Seltenheit mehr. Das wirft zahlreiche Fragen auf wie etwa: Woher kommt das? Oder war der Judenhass nie weg? Was hilft gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit? Welche Folgen hat das für die betroffenen Menschen? Und was sagt das über Deutschland aus - oder genauer: über unsere Demokratie, wenn Minderheiten so massiv angegriffen werden? Haben wir Deutschen aus dem Holocaust nichts gelernt? Und wie schaut man als Jude oder Jüdin auf unsere Gesellschaft? 

Über diese Fragen diskutierte Moderator Christian Rabhansl mit seinen Gästen im Café Central International im Grillo-Theater in Essen.

Auf dem Podium:

Juna Grossmann, Autorin des Buchs "Schonzeit vorbei: Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus"

Sabine Adler, Autorin des Buchs "Weiterleben ohne Wenn und Aber"

Jens Dirksen, Kulturchef der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung"

Moderation: Christian Rabhansl, Deutschlandfunk Kultur

Ausschnitt aus der Diskussion: 

Christian Rabhansl: Sie sagen, immer nur mehr aufklären und mehr sagen, das hilft gar nicht unbedingt. Sie werben mehr für Empathie, sagen Sie. Wie meinen Sie das konkret?

Juna Grossmann: Also heute Abend reden wir jetzt über Antisemitismus, aber meine Erfahrung ist einfach, dass man die Begriffe austauschen kann, die Zielscheiben, und dass es auch Bündnisse geben muss, ganz, ganz fest. Also, es geht nicht nur um Juden, die diskriminiert werden. Ich erlebe das ja selber im Arbeitsbereich, wenn wir Stellen ausschreiben, und dann bewirbt sich jemand mit einem, sagen wir mal, vermutlich türkischen Namen, da wird immer noch heute 2018: Na ja, hoffentlich kann die genug Deutsch. Da denke ich mir, wo leben wir denn? Also das passiert ja immer wieder, und wir können das alles austauschen, und wir müssen uns einfach zusammentun gegen diesen Unsinn.

Jens Dirksen: Wir haben ja leider in Chemnitz auch erlebt, dass das Hand in Hand geht, diese Feindlichkeit gegenüber Flüchtlingen und der Angriff auf das jüdische Lokal. Das ist parallel passiert, und in der Tat, ich bin bei einer Frage, die Sie stellen in Ihrem Buch, nicht weitergekommen, und zwar, wo der Hass herkommt. Natürlich fragen wir uns das, schon länger treibt uns die Frage um. Ich habe bis heute keine wirkliche vernünftige, schlüssige Erklärung dafür. Wahrscheinlich liegt es daran, dass es nicht monokausal ist, aber wenn Sie Vermutungen haben …

Christian Rabhansl: Würden die auch mich interessieren!

Juna Grossmann: Also, ich vermute, dass da wirklich ganz viel das Gefühl von Abgehängtsein steckt, das Gefühl von: Ich werde nicht gehört. und dann einfach nicht mehr eine Gre… Also man wird ja jetzt gehört. Also wir können ja nicht sagen, dass es keine Möglichkeiten gibt, sich irgendwie zu äußern. Es gibt ja nun mal das Internet und die sozialen Medien und so weiter. Aber dass das so tief verinnerlicht ist und dann vor allem auch so ein, vielleicht, Überlegenheitsgefühl, aber ich kann es nicht sagen. Also mir ist dieses Gefühl einfach so unfassbar fremd, und natürlich kenne ich auch Leute, die ich jetzt nicht sonderlich mag, aber dieses unglaublich gewaltige Hassgefühl, ich kann es nicht verstehen.

Christian Rabhansl: Ich wundere mich ein bisschen, dass Sie das Gefühl, abgehängt zu sein, anführen, denn der Antisemitismus, den Sie in dem Buch schildern, der kommt ja nicht von Menschen oder nicht primär von Menschen, die irgendeinen Grund hätten, sich abgehängt zu fühlen, sondern das sind ja Familien, die ganze Häuser im Prenzlauer Berg vermieten. Denen geht es nun wirklich nicht schlecht, und die sagen, nein, wir vermieten nicht an Juden.

Juna Grossmann: Ja, also dieses Abgehängt war jetzt tatsächlich für die Straße. Also da denke ich wirklich an die Bilder von den Menschen, die mit den geschwollenen Halsvenen da brüllen, Unsägliches, also denen wirklich schon alles …, und da habe ich schon … Also, ich versuche es ja irgendwie zu verstehen. Es fällt mir unglaublich schwer. Und natürlich ja dieses: Wir vermieten nicht an Juden, das ist ja … Das scheint ja nicht nur in Berlin zu sein. Das wissen wir jetzt auch schon aus Hamburg.

Sabine Adler: Also ich kann mich an kaum ein Telefonat und kaum eine Begegnung mit Giselle erinnern, in der sie nicht mindestens einmal fragt: Woher kam dieser Hass, woher kam der? Und wir haben also Nächte verbracht und haben versucht, eine Antwort zu finden. Und natürlich, Sie haben es gesagt, das ist nicht monokausal – ich versuche jetzt nicht, die gültige Antwort zu geben –, aber das, was für mich doch noch am plausibelsten ist, ist, da ist eine Minderheit, über die man sich erhebt, und dieses Sich-erheben-können gegen weniger Potente, weniger Wehrhafte, die immer in der Sonderrolle waren, die immer auch erkennbar waren, immer das nicht abstreifen konnten, die hätten es gekonnt, aber nicht wollten. Da gibt es dann, finde ich, die Parallelen zu heute. Dieses Sich-erheben über die wehrlose Minderheit, über den Schwarzen, der seine Hautfarbe nicht ändern kann, über den Homosexuellen, der nach seiner Fasson gerne leben möchte und sich das nicht befehlen lassen möchte und so weiter. Also da, wo ich versuche, Minderheiten kleinzuhalten und meine, das schaffe ich kraft der Mehrheitsgesellschaft. Und wenn die Mehrheitsgesellschaft sowas zulässt, hat sie verloren, da hat sie verloren, weil jeder in irgendeiner Weise mal eine Minderheit … oder in einer Minderheit landet. Und das ist das, was meiner Meinung nach uns so sensibel machen muss.

Wir sind hier nicht alle Juden in diesem Raum, uns wird das möglicherweise nicht betreffen, der Antisemitismus, aber vielleicht betrifft es uns mal, weil die einen blaue Augen haben oder die anderen dunkle Haare haben. Das ist willkürlich. Wenn eine Mehrheit eine Macht über eine Minderheit ausübt, ist es willkürlich, und deshalb ist es so wichtig, misst sich der Grad an Demokratie und an Zivilisation einer Gesellschaft, wie sie mit den Minderheiten umgeht. Genau deshalb.

Christian Rabhansl: Das ist ja auch ein zentraler Gedanke in Ihrem Buch, Frau Grossmann, dass dieses "Schonzeit vorbei", dieser Titel, dass sich der zwar auf Juden bezieht, aber letztlich eigentlich auf alle bezieht, weil wenn eine Gesellschaft so kippt, dann jeder in Gefahr ist. Und Sie erwähnten gerade, Frau Adler, Giselle, wenn sie immer wieder nach diesem Warum fragt, das sind in der Tat Stellen, die ich mir auch angemalt habe; weil die mich so beeindruckt haben, weil Sie an einer Stelle auch fragt, warum wir, warum die Juden; und dann fragt sie sich selber, weil wir uns nicht an die Mehrheitsgesellschaft angepasst haben? Und das ist ja eine schockierende Botschaft. Geht es einem besser, wenn man sich anpasst?

Sabine Adler: Das glaube ich eben nicht, weil man mitunter eben auch gar nicht die Möglichkeit hat, sich anzupassen, selbst wenn man es wollte, weil man merkt, entweder es geht nicht, weil man behindert ist zum Beispiel, wenn der Druck gegen Behinderte ausgeübt wird; wenn man eine andere Hautfarbe hat, nicht aus diesem Land ist, kurz: nicht zu dieser Mehrheit gehört - und das kann man nicht einfach so ablegen. Man kann sich da nicht jeweils beliebig anpassen. Für einen gläubigen Juden geht das eben auch nicht, weil er ein gläubiger Jude ist, der legt das eben nicht ab.

Rabhansl: Obwohl schon im Jahr 2000, zitieren Sie, hat Ihnen ein Rabbiner gesagt, Frau Grossmann, du könntest sicher sein, wenn du nicht sagst, wer du bist. 2000 schon. Was haben Sie da gedacht?

Grossmann: Ich war damals unglaublich empört, wie er überhaupt nur auf die Idee kommen konnte, jetzt so gerade, wo ich eigentlich ja wieder zu meinen Wurzeln zurückgekommen bin und wo ich mich irgendwie auch wieder komplett gefühlt habe. Ich habe ja die ganze Zeit gemerkt, irgendwas stimmt nicht, irgendwas ist da, und dann sagt er das und hat dann eben auch noch gesagt, haben Sie sich das genug überlegt, und damals war ich so felsenfest, natürlich. Also, ich würde heute keine andere Entscheidung treffen, ich finde das immer noch. Aber dieses Empören habe ich nicht mehr. Also ich verstehe ihn heute mehr denn je, und natürlich habe ich die Chance, ich kann untertauchen, wie Frau Adler eben auch gesagt hat. Also bei mir muss man das nicht erkennen, und ich muss es auch nicht sagen, aber ich sehe überhaupt nicht ein, warum ich mich verstecken soll. Also, die Täter und die, die diskriminieren, die müssen sich ändern - und nicht ich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Kurzbiografien der Autorinnen:

Cover des Buchs "Weiterleben ohne Wenn und Aber: Die Shoah-Überlebende Giselle Cycowicz" von Sabine Adler (Aufbau Verlag) (Aufbau Verlag)Sabine Adler

wurde 1963 geboren, war langjährige Osteuropa-Korrespondentin und ist heute Chefreporterin des Deutschlandfunks. 2010 wurde sie als Journalistin des Jahres geehrt. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter "Russisches Roulette. Ein Land riskiert seine Zukunft" (2011) im Aufbau Verlag.

Das Buch: Weiterleben ohne Wenn und Aber: Die Shoah-Überlebende Giselle Cycowicz, Aufbau Verlag, Berlin,  2018, 16 Euro

Cover des Buchs "Schonzeit vorbei. Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus" von Juna Grossmann (Droemer Knaur) (Droemer Knaur)Juna Grossmann

wurde 1976 in Ost-Berlin geboren, studierte Sonderpädagogik und arbeitet seit vielen Jahren in Gedenkstätten und Museen. Seit 2009 leitet sie das Ausstellungsbüro eines Berliner Museums. Nebenher ist sie Beraterin für Social-Media-Auftritte für Gedenkstätten und Kultureinrichtungen. Seit 2008 betreibt Juna Grossmann den Blog "irgendwie jüdisch" und engagiert sich ehrenamtlich bei "Rent a Jew".

Das Buch: Schonzeit vorbei. Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus, Droemer Verlag, München 2018, 14,99 Euro

Die Veranstaltung in Essen führt Deutschlandfunk Kultur sechsmal im Jahr mit der Buchhandlung Proust, der WAZ und dem Schauspiel Essen durch. Diese "Lesart"-Ausgabe ist die Aufzeichnung vom 18. September 2018

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