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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.03.2020

Pioniere der Digitalen BühneTanzproduktionen geben den Takt vor

Dorion Weickmann im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Foto von der Inszenierung von "Les Indes Galantes". (Opéra National de Paris)
Eigens für die digitale Bühne der Pariser Oper hat Regisseur Clément Cogitore Rameaus Barock-Oper "Les Indes Galantes" inszeniert - im Krump-Stil. (Opéra National de Paris)

Theater, die vom Corona-Shutdown betroffen sind, filmen ihre Inszenierungen ab und stellen sie online. Tanzproduktionen sind hier schon einen Schritt weiter. Die Pariser Oper und das Scottish Ballet inszenieren speziell für die digitale Bühne.

Live-Streamings, aufgezeichnete Vorstellungen und Diskussionsrunden – in Zeiten der Corona-Krise entdecken viele Theater das Netz als Plattform, um mit ihrem Publikum weiterhin in Kontakt zu bleiben. Darüber haben wir in den vergangenen Tagen mehrfach unter verschiedenen Aspekten berichtet.

Dass diese – wenn man so will – Schnellschüsse nicht der Weisheit letzter Schluss sein können, hat am Montag der Regisseur Christopher Rüping vermutet – und prognostiziert, dass die Krise die Entwicklung neuer digitaler Theater-Formate beschleunigen wird.

Tanz hat eine Schrittmacherfunktion

Eine Sparte experimentiert schon länger mit eigens für das Netz entwickelten Formen: der Tanz. Dieser habe tatsächlich eine Schrittmacherfunktion übernommen, erklärt Tanzkritikerin Dorion Weickmann. Man filme eben nicht nur Inszenierungen ab, sondern entwickle teilweise sehr avancierte Inszenierungen eigens für eine dritte Bühne, die Digitalbühne.

Inszenierungsbild: Zwei Männer tanzen im Freien. (Mihaela Bodlovic)Das Scottish Ballet unterhält seit Jahren eine "Digital Season" - neben seinem Bühnenprogramm. Aaron Venegas und Jerome Barnes in "Frontiers". (Mihaela Bodlovic)

Vor allem zwei Theater haben damit sehr stark experimentiert, wie Weickmann sagt: Die Pariser Oper und das Scottish Ballet, das seit Jahren eine "Digital Season" neben seinem Bühnenprogramm unterhält. Beide Spielorte konnten sowohl namhafte Filmemacher als auch Choreografen von Weltrang wie William Forsythe dafür gewinnen.

Barock-Oper im Krump-Stil

La troisième scène heißt die Digitalbühne der Pariser Oper und ist ohne Weiteres über die Website aufrufbar. Dort findet man verschiedene kurze Clips, unter anderem einen, der "Les Indes Galantes" heißt und eine Umsetzung der französischen Barock-Oper von Jean-Philippe Rameau im Krump-Stil ist – so heißt ein ganz bestimmter Tanzstil,  der Urban Street Dance Style.

"Und das ist ein ganz unglaubliches, kraftvolles, energievolles Spektakel", sagt Weickmann. Das Tolle daran: "Man sieht, dass dieser Film tatsächlich von Regisseur Clément Cogitore extra für dieses Format gemacht ist."

Später hat Cogitore das Stück auch noch für die Bühne der Bastille-Oper inszeniert - momentan in der Arte-Mediathek abrufbar. Man kann also beide Inszenierungen wunderbar miteinander vergleichen und bekommt sozusagen einen kompletten Kreislauf geboten.

Was diese neue Sparte ausmacht, ist die ganz andere Ästhetik als auf der Bühne, erklärt Weickmann: "Die Kamera tanzt, im Grunde genommen bewegt sie sich unablässig mit. Ich kann eintauchen. Jetzt gerade bei der Balletoper von Rameau tauche ich ein in die Menge. Ich tauche auch aus ihr heraus. Ich bin ganz hautnah dran an den Akteuren. Und ich habe auf diese Art und Weise eine ganz andere Wahrnehmung. Es ist eben keine Bühnensituation mehr."

Es handelt sich um ein unmittelbares Erlebnis – ohne sprachliche Barriere, ohne bestimmte Haltung aus Gesangsgründen, wie Weickmann erläutert: "Es kann ganz unvermittelt aus dem Körper kommen, im Grunde genommen, und das ist toll daran."

Weickmann erkennt in der Digitalbühne jedenfalls keine Konkurrenz für das herkömmliche Programm. Ganz im Gegenteil: Mit den Digitalbühnen spricht man ein anderes Publikum, auch andere Generationen an. "Ich sehe das als absolute Bereicherung und würde mir sehr wünschen, dass mehr Bühnen davon Gebrauch machen."

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