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Sein und Streit | Beitrag vom 11.10.2020

Philosophischer KommentarVerschwörungstheorien säen eine Kultur des Misstrauens

Von Eva Marlene Hausteiner

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Präsident Trump steht auf dem Balkon am Weißen Haus und nimmt seine Schutzmaske ab (Gettyimages / Win Mc Name)
Trump ist vieles zuzutrauen - umso mehr müsse man aufpassen, dass gesundes Misstrauen nicht in Veschwörungsmythen ausartet, warnt Eva Marlene Hausteiner. (Gettyimages / Win Mc Name)

Hat Trump seine Corona-Infektion nur aus wahltaktischen Gründen vorgetäuscht? Viele solche abstruse Theorien machen derzeit die Runde. Wie können wir noch unterscheiden zwischen gesundem Misstrauen und Verschwörungswahn?

Verschwörungstheoretiker – das sind immer die anderen. Also: verrückte Anhängerinnen der Idee, die Erde sei flach, oder der Ideologie der Reichsbürger, wonach die BRD eigentlich nur eine Firma sei.

Man kann allerdings den Eindruck gewinnen, dass verschwörungstheoretisches Misstrauen immer weiter um sich greift: Spekulationen darum, die derzeitige US-Regierung sei Putins Marionette, Trump habe seine Coronaerkrankung nur aus wahltaktischen Gründen vorgetäuscht, und Nordkoreas Kim-Jong Un sei eigentlich längst tot, sind mittlerweile auch in der sogenannten bürgerlichen Mitte gang und gäbe.

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Es scheint, als seien wir nun alle im postfaktischen Zeitalter angekommen, in dem wir keiner Wahrheit glauben und voll Misstrauen in die Welt blicken. Verschwörungstheoretiker – sind wir das mittlerweile also allesamt?

Beschädigung des Vertrauens

Ganz so einfach ist es nicht. Ja, durch Social Media und andere Untiefen des Internet zirkuliert Verschwörungsdenken aller Art unablässig, rasend schnell und unter Beteiligung von Millionen von Menschen und Bots. Es gibt nicht nur die klassischen Verschwörungstheorien à la antisemitische Weltverschwörung, die behaupten, komplexe globale Zusammenhänge folgten einfachen Mustern – nämlich geheimen Plänen böser Mächte. Hinzu kommen jüngst auch zerfaserte Verschwörungsgerüchte à la QAnon oder die jüngsten "Corona gibt es nicht"-Behauptungen, die unzusammenhängende Verdachtsmomente streuen und viel über Bilder und Memes operieren – dabei aber nicht einmal klare Orientierung stiften.

Eva Marlene Hausteiner  (David Elmes)Eva Marlene Hausteiner arbeitet am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. (David Elmes)

Nicht zu Unrecht haben beide Formen des Verschwörungsdenkens einen schlechten Ruf: Sie nehmen Gut-Böse-Einteilungen vor, leiten aus dünnen Beweislagen extrem weitgehende Schlüsse ab und beschädigen nachweislich das Vertrauen in demokratische Institutionen.

Damit nicht genug: Säen klassische, zusammenhängende Verschwörungstheorien Zweifel an Herrschaftseliten und Medien, so glauben die Anhänger von QAnon und Anti-Corona mitunter an gar nichts mehr: Jede Faktenäußerung wird relativiert und mit "alternativen Fakten" konfrontiert.

Am Ende bleibt eine Kultur des Misstrauens. Willkommen im postfaktischen Zeitalter.

Skepsis und Machtkontrolle

Und dennoch: Nicht jede Äußerung des Misstrauens ist gleich eine Verschwörungstheorie. Komplotte, Machtmissbrauch und ja, Verschwörungen existieren, seit es politische Herrschaft gibt. Von der Verschwörung des Catilina gegen die römische Republik im Jahr 63 v. Chr., die Cicero als Anwalt – zugegebenermaßen ziemlich überspitzt – dämonisiert hat, bis hin zur Pazzi-Verschwörung gegen die Medici oder Watergate: Es kann durchaus sinnvoll sein, Verschwörungen zu enthüllen.

Skepsis und kritische Prüfung sind wichtige Instrumente der Machtkontrolle – vor allem dann, wenn die Regierenden nicht von sich aus bereit sind, öffentlich Rechenschaft abzulegen und dem demokratischen Imperativ der Transparenz zu folgen. Gerade in Demokratien sollte, wie Immanuel Kant mit seinem Konzept der Publizität argumentierte, das Licht der Öffentlichkeit staatliches Handeln durchleuchten.

Dieses Gebot gilt gerade dann, wenn demokratisch gewählte Regierende autokratische Tendenzen an den Tag legen, wenn die Erfahrung zeigt: Diesem Akteur, dieser Akteurin ist mit der Macht nicht zu trauen.

Der schmale Grat zwischen Verdacht und Verzerrung

Gut begründete Verdachtsmomente und die Einforderung von Rechenschaft sind also nicht zu verwechseln mit außer Rand und Band geratenen Verschwörungsgerüchten. Was beide unterscheidet, ist aber nicht zwingend der Wahrheitsgehalt des zugrunde liegenden Verdachts. Problematisch wird es vielmehr dann, wenn dieses Misstrauen ganze Weltsichten dominiert und mit Gut-und-Böse-Zuschreibungen versieht.

Womit wir leider noch einmal beim US-amerikanischen Präsidenten wären: Jemandem, der so offensichtlich gerne Autokrat wäre, ist selbstverständlich unbedingt mit Misstrauen zu begegnen. Klar sein muss dabei aber: Der Grat zum Verschwörungsdenken, das alle Maßstäbe verzerrt, ist schmal.

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