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Sein und Streit | Beitrag vom 27.01.2019

Philosophie des HöhepunktsMuss der Orgasmus weiblicher werden?

Claus-Steffen Mahnkopf im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Eine Frau liegt mit geschlossenen Augen auf weißem Bettzeug, ein Lichtstrahl liegt auf ihrem Gesicht. (Unsplash / Sarah Diniz Outeiro )
Für Claus-Steffen Mahnkopf ist der weibliche Orgasmus philosophisch "höherwertig". (Unsplash / Sarah Diniz Outeiro )

Was weiß der Geist von Lust und Liebe? - Der Orgasmus gehört wohl für die meisten zu einem guten Leben. Trotzdem haben Philosophie und Sexualwissenschaft den Höhepunkt lange ignoriert. Der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf will das ändern.

Ist der Mensch nur da ganz Mensch, wo er fühlt? Wo er berührt wird und die höchste Lust empfindet? Oder streifen wir im Moment der Ekstase alle Zivilisation von uns ab und fallen zurück in die Tiernatur? Der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf findet es seltsam, dass die Philosophie sich in diesen Fragen eher bedeckt hält und zur Bedeutung des sexuellen Höhepunkts bisher kaum etwas zu sagen hatte. Selbst in den letzten hundert Jahren, als über die Rollen der Geschlechter in der Gesellschaft heftig debattiert wurde, fanden die meisten Denkerinnen und Denker für den Orgasmus keine Worte.

Mahnkopf: "Es ist eine Leerstelle der Philosophie. Im 20. Jahrhundert beschäftigen sich die Philosophen ja wirklich mit allem: mit der gesamten Kultur, dem Leib, dem Körper und unserer Existenz, aber aus irgendeinem Grund kommt der Orgasmus nicht vor."

Kultivierung der körperlichen Liebe

Im Suhrkamp Verlag hat Mahnkopf nun eine eigene "Philosophie des Orgasmus" vorgelegt. In seinem Buch plädiert er für eine Kultivierung der körperlichen Liebe. Dabei geht es ihm auch darum, traditionelle Vorstellungen über typisch männliche und weibliche Sexualität zu überwinden.

In Musik, Literatur und Filmen folgt die Darstellung des weiblichen und des männlichen Orgasmus nach seiner Beobachtung seit Langem ziemlich fest gefügten Mustern. So entspreche eine erotische Szene in Richard Wagners "Tannhäuser", die "extrem rhythmisch, extrem finalistisch" gestaltet sei, eher dem männlichen Klischee. Mit Isoldes Liebestod in der Oper "Tristan und Isolde" habe Wagner dagegen die althergebrachte Vorstellung von einem weiblichen Orgasmus gestaltet.

Mahnkopf: "Er beginnt sehr leise und mäandert sich so langsam nach oben. Diese Musik ist weniger linear, sie ist eher spiralförmig, sie ist auch in der Instrumentation und um Klangbild wärmer, weniger motorisch, eher melodiös. Und der Höhepunkt selber pendelt zwischen zwei gespannt aber letztendlich doch weichen Akkorden."

Lust ist schön, macht aber viel Arbeit

Dass der männliche Orgasmus in unserer Kultur eher mit "Arbeit" assoziiert werde, der weibliche Höhepunkt dagegen mit "Genuss, Freude und Liebe", führt Mahnkopf auf eine Sichtweise zurück, die in erster Linie die Fortpflanzung im Blick hat: Für den Zeugungsakt sei demzufolge nur der Orgasmus des Mannes unbedingt erforderlich. Die Schweizer Sexologin Dania Schiftan vermutet in ihrem Buch "Coming Soon. Orgasmus ist Übungssache", dass deshalb selbst die Sexualwissenschaft den weiblichen Orgasmus bis vor Kurzem kaum untersucht habe.

Schiftan: "Man hat sich so lange nicht mit ihm befasst, weil es ihn rein biologisch betrachtet nicht braucht. Die Frau muss keinen Orgasmus haben, um schwanger zu werden."

Genau aus diesem Grund hält Claus-Steffen Mahnkopf den weiblichen Orgasmus für philosophisch "höherwertig". Biologisch betrachtet sei er zweckfrei und schon deshalb nicht rohe Natur, sondern ein Kulturphänomen, das gestaltet und verfeinert werden könne.

"Männer können von Frauen lernen"

Mahnkopf: "Im Orgasmus erleben wir ja nicht nur eine körperliche Entspannung, sondern auch einen Abbau unserer Aggression. Wir haben für einen kurzen Augenblick tatsächlich so etwas wie einen Frieden mit der Welt – und vielleicht auch mit unseren Feinden – eine sehr schöne Glückseligkeit, und die sollte auch ausgekostet werden. Wenn man sich mehr auf diese Dinge konzentriert, das heißt: den Orgasmus zu einer Kultur macht, dann wird er auch aufgewertet. Und ich denke, da können die Männer momentan von den Frauen mehr lernen als umgekehrt."

Für Mahnkopf geht es dabei um mehr als nur Genuss. Der kultivierte Orgasmus ist in seinen Augen selbst eine Form der philosophischen Praxis:

Mahnkopf: "Im biblischen Sinne spricht man von ‚Ich erkenne jemanden‘, wenn ich mit jemandem schlafe. Das heißt, im Orgasmus geht es auch um einen kommunikativen Aspekt und so etwas wie ‚Erkenntnis’ im Sinne von einer tiefen Erfahrung und einem Erlebnis, das mich im weiteren Leben auch trägt und beschäftigt."

Claus-Steffen Mahnkopf: Philosophie des Orgasmus
Suhrkamp, Berlin 2019
245 Seiten, 12 Euro

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