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Breitband | Beitrag vom 19.01.2019

Philosoph Wolfgang Buschlinger im GesprächMeinungsfreiheit und Unsagbarkeiten

Moderation: Katja Bigalke und Marcus Richter

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Der frühere Handball-Profi Stefan Kretzschmar. (imago sportfotodienst)
Ex-Handballstar Stefan Kretzschmar äußerte den Vorwurf, dass man außerhalb bestimmter gesellschaftlicher Grenzen nicht mehr seine Meinung sagen darf. (imago sportfotodienst)

Gibt es im aktuellen Diskurs Unsagbarkeiten jenseits institutionalisierter Zensur? Wenn ja, woran liegt das? Mit dem Philosophen und Autoren Wolfgang Buschlinger werfen wir einen Blick auf die Meinungsfreiheit und ihre behaupteten Verwicklungen.

Egal ob es um Fragen von Migration oder Asyl, Klimawandel, Kriminalität oder Genderfragen geht: Das thematische Spektrum, in dem Diskussionen bei Twitter und anderswo schnell hochkochen, scheint inzwischen sehr breit. In Bezug auf ihr explosives Potenzial wirken viele Themen regelrecht vermint. Mit dem Philosophen und Autoren Wolfgang Buschlinger werfen wir einen Blick auf die Meinungsfreiheit und ihre behaupteten Verwicklungen. Haben wir ein Problem mit der Meinungsfreiheit? Und: Gibt es im aktuellen Diskurs Unsagbarkeiten jenseits institutionalisierter Zensur? Wenn ja, woran liegt das?

Stefan Kretzschmar trat die Diskussion los

Auslöser der erneuten Diskussion war ein Interview mit dem Ex-Handballstar Stefan Kretzschmar, in dem er den Vorwurf äußerte, dass man außerhalb bestimmter gesellschaftlicher Grenzen nicht mehr seine Meinung sagen darf, ohne dass man als Profi-Sportler sofort mit heftigen Konsequenzen zu rechnen hätte:

"Aber wir haben keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne, weil sobald wir eine gesellschaftskritische Meinung äußern, haben wir von unserem Arbeitgeber mit Repressalien zu rechnen, wir haben mit unseren Werbeverträgen Probleme, dass der der mit uns den Werbevertrag macht, uns den kündigt, weil das nicht in sein Konzept passt. Also diese Meinungsfreiheit haben wir eigentlich gar nicht, wenn wir kritisch unterwegs sind."

Ungehemmt im Ton

Wolfgang Buschlinger ist hier jedoch anderer Meinung und sieht das Problem eher darin, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen dem Inhalt, dem man vermitteln will und der Art und Weise, wie der Inhalt vermittelt wird:

"Das Problem ist nicht der Inhalt, das, was man kritisieren möchte. Das war auch bei Stefan Kretzschmar der Fall. Sondern das Problem ist, wie man das, was man sagt, sagt, und man sagt es vergleichsweise ungehemmt. Man sagt es in einem Jargon, der einem bekannt vorkommt aus Verschwörungstheorien oder aus dem Nationalsozialismus. Man meint etwas böse und das ist das Problem dabei. Man meint, weil man alles sagen darf, weil es Meinungsfreiheit gibt, darf man es auch in jedem Ton sagen." 

Und in vielen Diskussionen, bei Themenfeldern wie Migration, hat man sich schon sehr stark gegenseitig hochgeschaukelt und ist laut Wolfgang Buschlinger gar nicht mehr daran interessiert herauszufinden, was der andere meint. Man versucht die Position des anderen gar nicht mehr zu verstehen und will auch nicht die Inhalte besprechen. 

Verlagerung der Debatten

Kritische Äußerungen erfahren mehr Gegenwind als früher, vor allem in und durch die Sozialen Medien. Als Konsequenz hieraus befürchtet Wolfgang Buschlinger, dass es zu einer Verlagerung vieler Debatten kommen würde:

"Man hat eine gewisse Furcht, dass man falsch verstanden wird und hat immer auch Leute im privaten Bereich, mit denen man Dinge erörtern kann, ohne das man gleich mit schlimmen Vorwürfen rechnen muss. Der Effekt ist dann, dass viele solcher Gespräche aus dem öffentlichen in den privaten Bereich verlagern."

In der jetzigen Situation ruft Wolfang Buschlinger dazu auf, zu einer Tugend der Mäßigung zu finden, damit sich in einigen Jahren eine angenehmere Diskursatmosphäre einstellen kann.

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