Philosoph Armen Avanessian

Plädoyer für mehr Konflikt

27:28 Minuten
Orange-gelb-blaue Illustration zweier Personen, die konfrontativ gegeneinander drücken. Darunter vor blauem Hintergrund weisse Pfeile die sowohl nach links als auch nach rechts zeigen.
Welche Konflikte bestimmen unsere Gesellschaften, und was bedeutet das? © IMAGO / Ikon Images / Roy Scott
Armen Avanessian im Gespräch mit Stephanie Rohde · 20.11.2022
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Krieg, Klimaprotest oder Corona: Konfrontation und Streit scheinen das Weltgeschehen zu beherrschen. Doch das täuscht, sagt der Philosoph Armen Avanessian. Die tiefer liegenden Konflikte entgehen uns meist und damit die Chance auf Veränderung.
Wer gegen wen? Die Frage scheint gerade fast immer und überall zu passen. Konflikte begegnen uns, wohin wir auch schauen. Ukrainekrieg und Klimakrise, Protest gegen das Regime im Iran, Streit um Corona-Schutzmaßnahmen, Debatten über Rassismus, Identität und Geschlechtergerechtigkeit - so unterschiedlich all diese Ereignisse gelagert sind, alarmieren und involvieren sie uns und fordern uns heraus, Position zu beziehen.

Gegenseitige Vorwürfe der Konfliktscheu

Ist der Konfliktfall zum Normalfall geworden? Klagen über die gesellschaftliche Polarisierung scheinen das ebenso zu bestätigen wie eine gleichzeitig um sich greifende Konfliktscheu. Sie wird mit Vorliebe jeweils dem politischen Gegenüber attestiert: Sei es eine „Linke woke Bubble“, der unterstellt wird, sie ertrüge Widerspruch nicht mehr, oder seien es Konservative, denen vorgeworfen wird, sich in der Pose eines Cancel-Culture-Opfers gegen Kritik zu immunisieren.
Armen Avanessian in einem weissen Anzug, sitzt in einem Ledersessel und spricht auf der phil.COLOGNE.
In Konflikten steckt eine Chance für Selbsterkenntnis und Veränderung, meint Armen Avanessian.© imago images / Future Image / Christoph Hardt
Doch der Philosoph und politische Theoretiker Armen Avanessian ist der Ansicht, dass bei dieser Fixierung auf Konflikte der Blick für das Wesentliche verlorengeht. Er hält den Begriff "Konflikt" selbst für überstrapaziert, wenn er vom Krieg bis zum Nachbarschaftsstreit, vom Klimaprotst bis zur Beziehungskrise alles mögliche beschreiben soll.

Ich schlage vor, von 'Konflikten' nur dann zu sprechen, wenn sie – im Gegensatz zu irgendwelchen Idiosynkrasien oder persönlichen Streitereien – wirklich ein notwendiger Teil eines Individuums, einer Gesellschaft sind und deswegen nicht so einfach aufgelöst werden können, ohne dass ich mich komplett verändere, ohne dass sich die Gesellschaft, in der der Konflikt auftritt, komplett verändert.

Armen Avanessian, Philosoph

Die eigentlichen Beweggründe für Konflikte sieht Avanessian in tiefer liegenden Strukturen angelegt. Sie müssten erkannt und als die eigentlichen Konflikte bloßgelegt und beschrieben werden, damit ein produktiver Umgang mit ihnen überhaupt möglich wird.

Konflikte herstellen, um sie zu lösen

So sei zum Beispiel die Coronapandemie in der Öffentlichkeit vor allem entsprechend einer Logik der Konfrontation beschrieben worden: als Angriff eines Virus, gegen den sich die Menschheit zur Wehr setzen müsse.

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Auf diese Weise sei jedoch ausgeblendet worden, inwiefern wir selbst durch unsere Lebensweise zur Entstehung von Pandemien beitragen und daher künftig mit weiteren rechnen müssen, wenn wir nicht zu grundlegenden Veränderungen bereit sind, sagt Avanessian:
"Das wäre ein Konflikt, der überhaupt zu benennenn und herzustellen wäre: dass wir möglicherweise anders reisen, uns anders ernähren und anders Wirtschaft treiben müssen, um zukünftig mit Pandemien anderes umzugehen."

Armen Avanessian: "Konflikt. Von der Dringlichkeit, Probleme von morgen schon heute zu lösen"
Ullstein Verlag, Berlin 2022
400 Seiten, ca. 25 Euro

In seinem aktuellen Buch plädiert Avanessian dafür, dass wir Konflikte nicht als ein Übel betrachten sollten, von dem wir uns befreien müssen. Vielmehr gelte es zu verstehen, dass wir notwendig in Konflikte verwoben sind - schon Sigmund Freud nannte den Menschen ein "Konfliktwesen" - und uns gerade auf diese Weise selbst erkennen können:
"Es geht darum, anhand von Konflikten zu lernen, wer ich bin: Sag mir, was dein Konflikt ist, und ich sage dir, wer du bist und eben, was du mit dem oder den anderen gemeinsam hast."

Der lange Schatten der Zukunft

Wie zu erwartende Konflikte aus der Zukunft in der auf Big Data und Prognosen gestützten digitalisierten Gesellschaft von heute schon jetzt unser Denken und Handeln beeinflussen, und wie ein anderes Verständnis von Konflikten gesellschaftliche Veränderung erst möglich macht, auch darüber haben wir mit Armen Avanessian diskutiert.

Armen Avanessian, 1973 geboren in Wien, ist Professor für Medientheorie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Der Philosoph, politische Theoretiker und Literaturwissenschaftler lehrte an Kunstakademien und Universitäten u.a. in Nürnberg, Hamburg, Kopenhagen und Paris. Von 2017 bis 2021 leitete er die Reihe "Armen Avanessian and Enemies" an der Berliner Volksbühne.

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