Philipp Schönthaler: "Mysteria Hysteria"
© Rohstoff Verlag
Wenn KI über Manuskripte entscheidet
04:34 Minuten

Philipp Schönthaler
Mysteria HysteriaRohstoff, Berlin 202644 Seiten
8,00 Euro
Ein Lektor heißt nun "Textmanager" und lässt eine KI Texte annehmen oder ablehnen: Philipp Schönthaler schildert in seiner Satire eine durchautomatisierte Verlagswelt. Bis ein Satz den Erzähler an seine Jugendliebe erinnert.
Philipp Schönthaler hat vor vier Jahren eine umfangreiche Studie über „Die Automatisierung des Schreibens und die Gegenprogramme der Literatur“ vorgelegt. Jetzt legt er mit seinem neuen Buch eine Art fiktionale Fortsetzung dieser Studie vor: Es geht nicht mehr nur um die Automatisierung des Schreibens, sondern um die Automatisierung des Verlagswesens und des Verlegens.
Der Erzähler, ein Lektor, wie man ihn traditionell nennen würde, in „Mysteria Hysteria“, das in der nahen Zukunft spielt, der hier aber „Textmanager“ heißt, bekommt ein gleichnamiges Manuskript zugesandt. Es handelt sich um einen Roman, der der Frage nachgeht, wo die Hysterie geblieben ist, jene Krankheit, die um 1900 vermeintlich und vor allem unter Frauen sehr verbreitet war und durch die Studien Freuds noch bekannter und vielleicht auch noch verbreiteter wurde.
Diese Krankheit gibt es heute nicht mehr, ihr Name wurde aus den wissenschaftlichen Lexika gestrichen, und die Erzählerin des Manuskripts fragt sich, wo die Hysterie denn geblieben ist, ob sie sich womöglich ein anderes Wirtstier gesucht hat.
Die KI lehnt Manuskripte freundlich ab
Eine durchaus charmante Ausgangsidee, die allerdings erstmal in den Hintergrund tritt. Im Vordergrund steht die schöne neue, KI-basierte Arbeitswelt. In ihr ist alles durchautomatisiert. Manuskripte, die den Verlag des Textmanagers erreichen, werden von der Maschine gelesen und bewertet und nach kurzer Prüfung der Ergebnisse gleich samt automatisch generierter Verbesserungsvorschläge freundlich abgelehnt.
Das klingt zwar schlimm, ist durch die Ironie, die in dem Text mitschwingt, aber sehr witzig – der Erzähler und Textmanager schreibt selbst wie eine Maschine oder wie ein ziemlicher Textbürokrat.
Gleichwohl lässt der Mensch sich nicht wegautomatisieren, er steckt einfach überall drin. Zum Beispiel in dem Text namens „Mysteria Hysteria“, den der Erzähler eben noch weggeklickt und abgelehnt hat. Er hat den Text gar nicht gelesen, das hat ja die Maschine getan, aber ein Satz ist ihm zufällig ins Auge gefallen. Ein Satz, den er meint zu kennen.
Er glaubt, eine Jugendliebe, zu der er seit zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr hat, habe ihn geschrieben. Und diese Vermutung lässt ihn nicht los. Auf dem Manuskript steht ein anderer Name, offenbar ein Pseudonym. Und so macht sich der Erzähler erst als Textdetektiv, dann als Detektiv im echten Leben auf die Suche nach dieser frühen Liebe.
Das Buch liegt in der Hand wie ein Smartphone
Dabei zieht er die KI wiederum unentwegt zu Rate – sie ist, wenn man so will, ein Teil von ihm geworden. Eine neue Realität, an die es sich anzupassen gilt. So ist Schönthalers kleine Satire auch eine Meditation darüber, inwieweit die Maschinen schon unser Denken und Handeln bestimmen - und inwiefern wir immer wieder von vorgegebenen und vermeintlich besseren, logischeren, sinnvolleren Wegen abweichen.
Grund dafür könnte sein, dass die Hysterie des 19. Jahrhunderts auf rätselhafte Weise in die KI eingesickert ist - und sich auf diese Weise allmählich wieder auf uns überträgt. „Mysteria Hysteria“ mit seinen 44 Taschenbuchseiten liegt übrigens fast so gut in der Hand wie ein Smartphone. Es lohnt sich, es mal dazwischenzuschieben.

















