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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.02.2017

Peter von Matt: "Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur"Wenn ein Kuss das Schicksal verändert

Peter von Matt im Gespräch mit Frank Meyer

Der Schweizer Germanist and Publizist Peter von Matt nimmt den Johann Melchior-Wyrsch Preis der Schindler Cultural Foundation in Stans am 30. August 2014 entgegen. Er hat silbergraue Haare, trägt eine Brille und schaut recht ernst in die Kamera.  (dpa / picture alliance / Urs Flueeler)
Der Schweizer Autor und Literaturwissenschaftler Peter von Matt (dpa / picture alliance / Urs Flueeler)

Ein Kuss kann das ganze Leben verändern, so zeigen Peter von Matts Interpretationen großer Romane der Weltliteratur. Mit berühmten Kuss-Szenen sei auch das Nachdenken der Autoren über Glücksvorstellungen verbunden, sagt der Schweizer Autor und Literaturwissenschaftler.

Der Schweizer Literaturwissenschaftler und Autor Peter von Matt ist ein Spezialist für große, aufregende Fragen: "Liebesverrat", "Die Intrige" oder "Das Wilde und die Ordnung" heißen einige Bücher des angesehenen und produktiven Germanisten. Er tummelt sich gerne in Grenzbereichen der Weltliteratur. Aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln folgt er dabei auch oft den Wegen und Irrläufen der menschlichen Seele.

"Küssen ist ein Allerweltsgeschäft. Wäre mit jedem Kuss das unbedingte Glück verbunden, lebte die Menschheit im Paradies".

Das schreibt von Matt in der Einleitung seines neues Werkes. Darin geht es um sieben berühmte Küsse der Literaturgeschichte, die den Verlauf eines Lebens entscheidend verändert haben.

"Der Kuss verkörpert das Nachdenken über das Glück"

Peter von Matt beschreibt im Deutschlandradio Kultur seine Arbeitsweise als "Expeditionen in Romane". Er schildert, warum diese Küsse zum Thema eines Buches geworden sind:   

"Dieses Ereignis verkörpert gewissermaßen die Theorie des Glücks oder das Nachdenken über das Glück eines bedeutenden Autors. Alle diese Texte sind ja Spitzentexte der letzten 200 Jahre. Und da hat mich die Frage fasziniert: Was geschieht, wenn in einem solchen Text ein Kuss im Zentrum steht? Und was hat er für eine Bedeutung?"

Die von Matt ausgewählten sieben Küsse beziehen sich auf Texte von Virginia Woolf, F. Scott Fitzgerald, Gottfried Keller, Franz Grillparzer, Heinrich von Kleist, Marguerite Duras und Anton Tschechow.   

Ein lesbischer Kuss im Roman "Mrs. Dalloway" von Virginia Woolf

Zum Beispiel Virgina Woolf: In deren Roman "Mrs. Dalloway" sei der Kuss eine "hoch-merkwürdige Sache", meint von Matt:

"Es ist ein Kuss, an den sich die Mrs. Dalloway erinnert, eine Dame der großen englischen Gesellschaft. Sie ist die perfekte Lady und die perfekte Hausfrau. Und sie erinnert sich an einen Kuss, den sie mit einer Frau in jungen Jahren gewechselt hat. Und das war der größte Glücksmoment ihres Lebens."

Eine Porträtaufnahme der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf (1882-1941) (imago/United Archives International)Die britische Schriftstellerin Virginia Woolf (1882-1941) (imago/United Archives International)

Die Erinnerung an diesen lesbischen Kuss sei ein Einschnitt im Leben der Hauptfigur und deren vorgeführtem Spiel als "Meisterin des sozialen Umgangs", so von Matt:

"Und da entsteht nun eine unglaubliche Spannung zwischen dieser gesellschaftlichen Fassade, hinter der sie lebt und dem tief im Inneren versenkten Moment eines Glücks, das sie sonst in dieser Weise überhaupt nie erfahren hat. Und dass für sie jetzt eigentlich wie ein Schatz ist, den sie mit sich herumträgt. Und auf den sie zurück greifen kann, der ihr mitteilt: Es gibt das unbedingte, das ganz große Glück."  

Eine extreme Liebe - der letzte Kuss des Mörders   

Ein sehr unheimlicher Kuss steht im Mittelpunkt des Romans "Moderato cantabile" von Marguerite Duras aus dem Jahre 1958. Ein Mann küsst eine tote, blutverschmierte Frau – es ist seine Geliebte, die er gerade kurz vor diesem letzten Kuss erschossen hat. Das sei für ihn der schwierigste Text des Buches gewesen, beschreibt von Matt seine Arbeit:

"Wir müssen annehmen, dass der Mann die Frau auf deren eigenen Wunsch erschossen hat. Die beiden lieben sich so sehr, dass es zu diesem Akt des Tötens gekommen ist. Es ist ein nicht nachvollziehbarer Akt. Und das Buch besteht nun darin, dass eine Frau, wiederum eine Dame der besseren Gesellschaft, Zeugin wird dieses Vorgangs. Und sie sieht hier einen Moment von Liebe, ein Ereignis von Liebe, als der Mörder diese Geliebte noch einmal küsst. Sie hat nicht gewusst, dass es so etwas gibt, so eine extreme Form der Liebe. Und das wirft sie aus allen Ordnungen und aus allen Gleisen."

Peter von Matt: "Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur"
Hanser Verlag, München 2017
288 Seiten, 22 Euro

 

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