Perttu Saksa: "Dark Atlas"

Die Apokalypse hat schon stattgefunden

06:42 Minuten
Buchcover: "Dark Atlas" von Perttu Saksa
© Kehrer Verlag

Perttu Saksa

Dark AtlasKehrer, Heidelberg / Berlin 2022

96 Seiten

38 Euro

Von Frank Dietschreit · 07.05.2022
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Eine Schlange schlängelt sich durch Ruinen, der abgeschlagene Kopf eines Hundes, ein grau dahinströmender Fluss. Mit seinem Fotoband “Dark Atlas“ zeigt Perttu Saksa zerstörte, verlassene Landschaften: die katastrophalen Folgen des Raubbaus in Afrika.
Im Fokus seines Interesses: Westafrika, vor allem Nigeria und Togo, Regionen, die wir allzu schnell und mit kolonialem Unterton mit dem Klischeebegriff “Schwarzafrika“ belegen. Der Titel “Dark Atlas“ spielt mit diesen Klischeevorstellungen, gibt aber auch einen Hinweis auf Thema und Ästhetik der Fotoserie, die nichts mit touristischer Neugier zu tun hat, kein fotografisches Tagebuch einer Reise ins Herz der Finsternis ist, die Joseph Conrad einst beschrieb.
Auf den Fotos gibt es keine afrikanische Folklore, keine Stammesrituale, keinen üppigen Urwald, keine Mega-Citys, kein hektisches Menschengewusel: Nichts, was unser Bild von “Schwarzafrika“ ausmacht, wird auf den Fotos irgendwie umkreist, ironisch eingefangen oder sarkastisch entlarvt. Das geheimnisvolle Dunkle ist das “Schwarze Gold“, das Rohöl, das unter katastrophalen Bedingungen gefördert wird, die Umwelt und alle traditionellen gesellschaftlichen Zusammenhänge zerstört.
Es geht um das Benzin, das von den Bohrfeldern der multinationalen Konzerne von den ausgebeuteten und zu bitterer Armut verdammten Menschen gestohlen wird, die nichts vom Reichtum ihrer Bodenschätze haben und zu Dieben werden, um überleben zu können. Sie panschen das Benzin zu einer Billigware, verkaufen es an jeder Straßenecke. Das Billigbenzin, das dort Kpayo heißt und in Kanister, Glasbehälter und Plastikflaschen abgefüllt wird, steht im Zentrum des fotografischen Interesses.

Der reale Wahnsinn

Kpayo eröffnet für den Fotografen Gedankenräume, um auszuloten, welche Konsequenzen der Raubbau und Hunger nach Energie hat: für Mensch, Natur und Tier. Um das Phänomen des geklauten Billigbenzins und die Auswirkungen des Energieraubbaus zu bebildern, wird nicht die unmenschliche Arbeit auf den Bohrfeldern gezeigt, nicht die ölverseuchten Flüsse oder die im schwarzen Schlamm verendenden Tiere. Der reale Wahnsinn der Energiegewinnung und die spätkapitalistische Zerstörungswut sind genauso fern, wie die gesellschaftlichen, politischen, religiösen Verwerfungen in Afrika.
Abstrakte Malerei in intensiven, roten Tönen mit dem Titel "Petrol,Grand-Popo".
Mit surrealen Bildern beschreibt Perttu Saksa den realen Wahnsinn der Energiegewinnung.© Kehrer/Perttu Saksa
Stattdessen erschafft Perttu Saksa surreal anmutende Stillleben, groteske, symbolisch aufgeladene Impressionen, die oft wie abstrakte Malerei aussehen oder wie das Bühnenbild einer rätselhaften Theaterinszenierung. Er sucht mit der Kamera Licht in der Dunkelheit, konzentriert sich auf Konturen, spielt mit den Grenzen der Wahrnehmung, mit trügerischen Erwartungen. Aus dem düsteren Licht schälen sich Umrisse von öligen Kanistern, verkratzten Glasbehältern und verbeulten Plastikflaschen heraus, halb gefüllt mit goldgelb schimmerndem Billigbenzin.
Manchmal geht die Kamera ganz nah heran, tastet kleine Details dieser bizarren Gegenstände ab, nimmt das Auge des Betrachters mit ins Innere der Benzinbehälter, fast meint man den Geruch von Benzin in der Nase zu haben und die ätzende Wirkung auf der eigenen Haut zu spüren.
Er arrangiert und sortiert die Behälter nach Größe, Form und Farbe, erfindet eine ambivalente Scheinwelt aus schön-scheußlichen Sinnestäuschungen: Hier wird nichts analysiert, kein Problem benannt, kein Ausweg aus dem Kreislauf von Energiehunger und Naturzerstörung aufgezeigt, sondern es werden ästhetische Pforten der Wahrnehmung geöffnet, Assoziationsfelder, die jeder für sich selbst erkunden, erfahren, erleben, deuten, weiterdenken muss. 

Hinterlassenschaften und bizarre Kunstwerke

Manchmal steht Saksa mit seiner Kamera in einer menschenleeren Landschaft, über einem grauen Fluss ballen sich bedrohlich Wolken zusammen, eine einsame vom Wind zerzauste Palme behauptet sich gegen das Unwetter. Oder er blickt auf das tiefdunkle Wasser und die an einen einsamen Strand brandenden grünen Wellen des Meeres. Im verwilderten Gestrüpp im Hinterland entdeckt er verlassene Häuser, Fenster und Türen sind entfernt, Hinterlassenschaften einstigen Wohlstandes, jetzt sind überall nur noch modrige Wände, kaputte Fußböden.
Ein Schimpansenschädel liegt einsam in einem abstrakten, dunklen Raum.
"Dark Atlas" kombiniert dokumentarische Bilder mit Stilleben und abstrakten Fotografien.© Kehrer/Perttu Saksa
Einmal sucht sich eine Pythonschlange ihren Weg durch die Ruine, einmal liegt ein toter Vogel auf den Holzdielen, einmal der Schädel eines Tieres. Eine gefangene Eule hockt verängstigt in einem vergitterten Korb, auf einem Foto sieht man die leere Hülle einer verendeten Schildkröte, auf einem anderen: abgeschlagene Köpfe von einem Hund und einem Leoparden zu einem bizarren Kunstwerk übereinandergestapelt. Gewalt und Tod, Ekel und Verwesung liegen in der Luft, man spürt es, aber man sieht nicht, warum das geschieht, wer dafür verantwortlich ist, muss sich selbst einen Reim darauf machen, was das alles bedeuten und wie man das verändern könnte.

Hände waschen mit Billigbenzin

Kein Mensch, nirgends. Nur auf dem allerletzten Bild sieht man, wie jemand seine Finger unter den Strahl einer goldgelben Flüssigkeit hält, sich mit Billigbenzin die Hände wäscht und versucht, die schwarzen Ölreste von wahrscheinlich irgendeiner illegalen Tätigkeit, dem Stehlen oder Panschen von Benzin, zu tilgen. Ansonsten hat man das Gefühl, der Mensch hat es geschafft, sich selbst und die Umwelt komplett zu zerstören, alles ist menschenleer, die Natur sich selbst überlassen, die Apokalypse hat bereits stattgefunden.
Jetzt geht es nur noch darum, in der Asche der Energie fressenden kaputten Welt herum zu stochern und aus den Ruinen einer Umwelt und Mensch vernichtenden Industriegesellschaft etwas Neues und Besseres aufzubauen. Der „Dark Atlas“ zeigt uns, in symbolischer Abstraktion und sinnlicher Ästhetik, was die Lust am eigenen Untergang für katastrophale Folgen hat und dass es höchste Zeit und ein drängendes Ziel ist, etwas dagegen zu unternehmen. In Afrika, in Europa. Überall.  

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