Mauro F. Guillén: "2030 – Die Welt von morgen"

    Der Absturz der alten Mittelschicht

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    Das Cover des Buches "2030" des Soziologen Mauro F. Guillén auf Pastell-Hintergrund.
    "Achtet auf die Wechselwirkungen", sagt der Soziologe Mauro F. Guillén. © Deutschlandradio / Hoffmann und Campe
    Von Martin Tschechne · 04.09.2021
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    In nicht einmal zehn Jahren wird sich die Welt dramatisch verändert haben, prognostiziert Mauro F. Guillén. In vielen Lebensbereichen steuern wir auf kritische Kipppunkte zu, meint der Soziologe. Von Untergangsszenarien hält er dennoch nichts.
    Es sind gerade noch gut acht Jahre, aber die Welt von 2030 wird eine andere sein. Der Spanier Mauro F. Guillén, soeben nach England an die Universität von Cambridge berufen, präsentiert ein regelrechtes Stakkato von erstaunlichen Prognosen:
    "Geburtsort der nächsten industriellen Revolution: Subsahara-Afrika. Anteil der Weltbevölkerung, die 2030 in Städten leben wird: 60 Prozent. Anteil der Stadtbewohner weltweit, die 2030 von steigenden Meeresspiegeln bedroht sein werden: 80 Prozent."
    So geht es weiter: Die Themen scheinen aus vielen Ausblicken in eine mehr oder minder nahe Zukunft schon vertraut. Es geht um Klimawandel, Migration, eine Finanzwirtschaft, die nur noch sich selbst zum Ziel hat. Um eine gestiegene Lebenserwartung und damit eine Demografie, für die es in der Geschichte keine Erfahrungswerte gibt.
    "Etwa 60 Prozent des gesamten Vermögenswerts werden Menschen gehören, die über sechzig sind." Ist das eine gute Nachricht? Oder eine, die bedenklich stimmt?

    Untergangsszenarien sind unrealistisch

    Auch Guillén beklagt ein wachsendes Wohlstandsgefälle und einen Überlebenskampf, der längst in den Alltag auch westlicher Gesellschaften vorgedrungen ist. "Der größte mittelständische Verbrauchermarkt 2030: China. Anzahl der Menschen, die derzeit in den Vereinigten Staaten der Mittelschicht angehören: 223 Millionen. Anzahl der Menschen, die dort 2030 der Mittelschicht angehören werden: 209 Millionen."
    Es sind meist schleichende Prozesse, die da auf kritische Werte zusteuern. Die Frage ist nicht, ob das Gleichgewicht in eine Katastrophe umkippt, sondern nur noch, wann und wie es geschieht. 14 Millionen US-Amerikaner, die vom Mittelstand ins Prekariat abstürzen werden!
    Doch der Autor vermeidet es, in den immer schrilleren Gesang der Untergangspropheten einzustimmen. Das sei unklug, sagt er. Und auch unrealistisch: "Anzahl der Menschen, die 2017 hungern mussten: 821 Millionen. Anzahl der Menschen, die 2030 hungern werden: 200 Millionen."

    Den Frauen wird die Welt gehören

    Achtet auf die Wechselwirkungen, sagt Guillén, und genau das ist sein spezieller Ansatz. Er verknüpft nämlich die Linien, die in anderen Zukunftsbildern meist sorgfältig isoliert werden – die wachsende Zahl von Senioren etwa mit dem Fortschritt in der Robotertechnik. Oder die Geburtenquote in Indien mit der Verbreitung alternativer Währungen, den Kosten für eine Raumfahrtmission oder mit einer Entwicklung, die eine ganz neue Epoche einleiten könnte: "Anteil von Frauen am Vermögen der Erde im Jahr 2000: 15 Prozent. Anteil von Frauen am Vermögen der Erde im Jahr 2030: 55 Prozent."
    Tatsächlich: Es wird mehr Millionärinnen geben als Millionäre. Und während China seinem Höhepunkt entgegen altert und ihn irgendwann auch überschritten haben wird, werden viele dieser Frauen in Zentralafrika leben, in Südasien – weil die Geburtsraten dort hoch sind und weiter steigen, weil Bildung ein Gut ist, das sich immer leichter transportieren lässt, und weil selbst kleine Fortschritte in der Versorgung große Wirkung zeigen.
    "Angesichts der Herausforderungen, vor die uns alternde Bevölkerungen, die Umweltzerstörung und der Klimawandel stellen, sollten wir sorgfältig darüber nachdenken, welche Technologien wir bis 2030 am dringlichsten weiterentwickeln müssen. Trockentoiletten und E-Books für alle, die keinen Zugang zu deren traditionellen Alternativen haben, würden meine persönliche Prioritätenliste anführen."

    Ein Füllhorn an Gedanken und Argumenten

    Der Autor greift in ein Füllhorn. Er zitiert Beispiele aus Filmen und Literatur, lässt Zeugen aus dem wahren Leben auftreten – und ich hatte knapp 400 Seiten lang meine Freude daran. Ganz nebenbei aber illustriert dieser muntere Eklektizismus das Verfahren, mit dem Guillén seine Prognosen erst entwickelt. Er selbst spricht von lateralem Denken, einem Denken also, das unerschrocken zwischen Mustern und Kategorien wechselt.
    Dies sei sehr wichtig, sagt er, um einen auf lange Sicht tödlichen Denkfehler zu vermeiden: "Menschen verstehen es hervorragend, Dinge mental aufzuspalten. Dies ist ein unbewusster Abwehrmechanismus. Er hat vor allem den Zweck, die sich widerstrebenden Ereignisse, Wahrnehmungen und Gefühle voneinander getrennt zu halten, damit wir durch ihr Zusammenspiel nicht überfordert werden."
    Auch mal einen Spurwechsel wagen, einen kühnen Vergleich zulassen: Laterales, also kreatives Denken liefert Lösungen da, wo es stur geradeaus nur gegen die Wand führt.

    Sprechende Indizien

    Und doch liefert Guillén zum Schluss seines Buches noch eine Pointe, mit der er die Grenzen auch seiner Prognosen anerkennt: Es gibt nämlich tatsächlich so etwas wie "Schwarze Schwäne", also Ereignisse, die ganze Systeme neu definieren.
    Corona war ein solches Ereignis. Die Pandemie hat den Lauf der Zeit ruckartig umgelenkt – in der geopolitischen Konstellation, im Gefälle des Wohlstandes, im Verhältnis der Generationen.
    Trotzdem verteidigt der Soziologe und Ökonom seinen Ansatz, die Welt nach sprechenden Indizien abzusuchen, Verknüpfungen aufzudecken und daraus Prognosen herzuleiten.
    Könnte ja sein, sagt er, dass gerade Corona dabei hilft, die eng gewebten Zusammenhänge ein bisschen besser zu verstehen.

    Mauro F. Guillén: "2030 – Die Welt von morgen"
    Übersetzt von Stephan Pauli
    Hoffmann und Campe, Hamburg 2021
    384 Seiten, 24 Euro

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