Kommentar zu Ozempic

Die Abnehmrakete

Aus einer Ozempic-Spritze kommt einer kleiner Tropfen. Die Spritze erinnnert an eine Rakete, die abhebt.
Ozempic-Spritze: Bis wohin wollen wir uns optimieren? © picture alliance / NurPhoto / Jaap Arriens
Ein Kommentar von Lutz Rathenow · 12.03.2024
Jahrzehntelang war der Schriftsteller Lutz Rathenow übergewichtig. Dann bekam er als Diabetiker die "Wunderspritze" Ozempic empfohlen. Seine Erfahrungen damit gehen weit über den medizinischen Gebrauch hinaus.
Es war ein Vorschlag in der einmal im Quartal stattfindenden Untersuchung für Diabetiker, es mit der neuen Spritze zu versuchen. Sie senke den Blutzucker, vermindere den Appetit, wirke vielfach auf den Körper – komplex halt. Die Ärztin verschwieg keinen Warnhinweis, nannte erstaunliche Wirkungen bei ersten Studien, ach ja, Abnehmen sei ein Nebeneffekt. Das Wort „Wunderspritze“ fiel, ironisch und hoffnungsernst, Chroniker sind für neue Dinge offen, gleichzeitig skeptisch bei zu viel Euphorie von der Pharmaindustrie.

Apothekenlieferbarkeitstester als Nebentätigkeit

Schon die Einstiegsdosis war schwer zu bekommen, ich begann eine neue Nebentätigkeit: Apothekenlieferbarkeitstester. Ein Mitarbeiter fragte fast böse, ob ich nur abnehmen wolle, so würde das Mittel für dringendere Fälle blockiert. Die Meldungen über dieses zuckersenkende Zeug wuchsen sich zu Artikeln aus. Promis aus den USA schwärmten spritzend über 5, 7, 10 Kilogramm Gewichtsverlust. Eine Sonntagszeitung brachte zwei Seiten über die wunderbare neue Welt ohne Fettleibigkeit, der Vergleich mit der Zeit vor DER PILLE und der freieren Epoche danach erblühte.
Ich nahm ab, bewegte mich mehr und schneller. Je häufiger die Presse das Ocempic-Glück beschrieb, desto schwerer kam ich an den Stoff. Vor allem an die letztlich wöchentlich zu spritzende Dosis von 1 Milliliter. Der Begriff „Warteliste“ in der Apotheke gewann an Relevanz, ich versuchte das Verteilmuster zu entschlüsseln. Es schien keines zu geben. Als ob eine KI den Zufall, die planlose Nicht-Bevorzugung errechnen soll. Ich gewöhnte mir an, in jeder Apotheke der Stadt routiniert nachzufragen, ob ich es bekäme, wenn ich es brauchte? Ich erweiterte meinen Beschaffungshorizont um holländische Versandapotheken und fuhr einmal sehr früh morgens nach Basel und mit zwei nur in der Schweiz erhältliche „Dualdosen“ nachmittags wieder zurück.

Antwortensuche im Ursachenlabyrinth

Innerhalb eines Jahres nahm ich fast 20 kg ab und habe Mühe, diese Marke zu halten. Wie die lange aussichtslos erscheinende Reduzierung zustande kam? Sicher hat die Spritze damit zu tun. Die tägliche Gymnastik und das regelmäßige Treppensteigen auch. Zudem sind einige Ernährungsumstellungen geglückt. Trotz oder wegen der Spritze? Nicht so leicht, im Ursachenlabyrinth die Antwort zu finden. Ist es das Medikament selbst oder die Suche nach ihm, die das Leben verändert? Weil es durch seine mangelnde Verfügbarkeit zu immer neuen Beschaffungsaktivitäten animiert?
Hinter solch fast satirischen Vermutungen lauern existenziellere Fragen. Ist die von der Industrie animierte Gesundheitssucht nicht auch eine Art von Krankheit? Die darauf abzielt, dass sich alle so ein Mittel spritzen wollen sollen? Auf einmal wird dünner nicht dünn genug sein. Bei wem es mit den Pfunden unerwartet aufwärts geht, versucht mal die Überdosierung, damit das Gewicht doch wie bei den anderen fällt. Wer nicht begeistert mitspritzt, riskiert, sich ausgeschlossen fühlen zu müssen. Die Industrie bietet neue Identitätsmuster und tückische Hilfe, damit jeder das Maximum an Veränderungen aus seinem Körper herausholt.

Hungerüberlebensimpuls? Weggeimpft!

Irgendwer bietet sicher bald eine App und tägliche Beratung von möglichen nächsten medikamentösen Maßnahmen an. Elon Musk ist einer der lautesten Fans von dem neuen Mittel – und auch sonst von Nahrung, die auf den Flügen seiner Mars-Besiedlung funktioniert. Der Mensch, der kaum noch essen muss, weil er sich seinen Hungerüberlebensimpuls wegimpft. Maschinen überwachen und regeln die Nährstoffzufuhr automatisch - schöne neue Welt der Spritzen und Infusionen.
Bin ich die Vorhut? Der Impf-Pen in meiner Hand erinnert an eine kleine Rakete, die in diese Zukunft abhebt und mich verführen will, mitzufliegen.

Lutz Rathenow, Berliner Schriftsteller und ehemals Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen, hat zuletzt "Trotzig lächeln und das Weltall streicheln. Mein Leben in Geschichten" (Kanon Verlag) veröffentlicht.

Der DDR-Oppositionelle Lutz Rathenow
© picture alliance / dpa / Jens Kalaene
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